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Horrormeldungen aus dem Bürgerkriegsland Syrien werden immer schlimmer

Kranke Kinder finden kaum noch Hilfe. Mangels Narkosemitteln werden Patienten in Krankenhäusern bewusstlos geschlagen. Die Bewohner von Jarmuk werden ausgehungert.

Syrische Flüchtlinge mit ihren Habseligkeiten an einem Grenzpunkt in Duhuk (Foto: dpa)

Syrische Flüchtlinge mit ihren Habseligkeiten an einem Grenzpunkt in Duhuk (Foto: dpa)

In syrischen Krankenhäusern herrschen drei Jahre nach Beginn des Aufstandes gegen Präsident Baschar al-Assad grauenhafte Zustände. In einem Bericht, den die internationale Hilfsorganisation Save the Children am Montag veröffentlichte, heißt es, in einigen Fällen seien Patienten mit Metallstangen vor Operationen bewusstlos geschlagen worden, weil die Ärzte keine Narkosemittel hatten.

Mediziner amputieren dem Report zufolge Kindern Gliedmaßen, weil ihnen die medizinische Ausrüstung für die Behandlung schwerer Verletzungen fehle. Neugeborene stürben in Brutkästen aufgrund von Stromausfällen.

Syrien

Syrien ist ein Staat in Vorderasien und grenzt im Süden an Israel und Jordanien, im Westen an den Libanon und das Mittelmeer, im Norden an die Türkei und im Osten an den Irak. Die Insel Zypern befindet sich etwa 125 km Luftlinie von der syrischen Küste entfernt. Mit rund 185.000 Quadratkilometern ist Syrien ungefähr halb so groß wie Deutschland.
Seit einem Staatsstreich 1963 regiert die Baath-Partei das Land. Seit Frühjahr 2011 entwickelte sich aus Demonstrationen gegen die syrische Regierung ein Bürgerkrieg, der bislang mehr als 140.000 Todesopfer gefordert hat. Mehr als zwei Millionen Syrer sind aus dem Land geflohen, 4,25 Millionen weitere sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Das Land hat derzeit schätzungsweise 19 Millionen Einwohner.

Nur noch 36 statt 2500 Ärzte

In der umkämpften Großstadt Aleppo, wo für die Gesundheitsversorgung 2500 Ärzte benötigt würden, praktizierten derzeit nur noch 36 Ärzte. Diese Situation habe dazu geführt, dass verzweifelte Eltern ihren Kindern zum Teil selbst im Krankenhaus Infusionen verabreichten.

Die schlechten Verhältnisse im Bürgerkriegsland Syrien haben die Kinderlähmung aufflammen lassen. (Foto: Jamal Nasrallah/dpa)

Die schlechten Verhältnisse im Bürgerkriegsland Syrien haben die Kinderlähmung aufflammen lassen. (Foto: Jamal Nasrallah/dpa)

„Oft sind die medizinischen Maßnahmen, zu denen das Gesundheitspersonal greifen muss, um Kinderleben zu retten, reine Verzweiflungstaten“, berichtete Kathrin Wieland, Geschäftsführerin von Save the Children Deutschland.

Impfungen finden dem Bericht zufolge kaum oder gar nicht mehr statt. Ein alarmierendes Zeichen sei der Wiederausbruch von lebensbedrohlichen Krankheiten wie Masern oder Polio. „Geschätzt 80.000 Kinder haben sich in Syrien bereits infiziert“, heißt es in dem Bericht unter dem Titel „Ein verheerender Tribut“.

„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

Die Organisation wies zudem darauf hin, dass wegen der mangelhaften Gesundheitsversorgung seit Beginn des Bürgerkrieges 2011 Tausende von Kindern an behandelbaren Krankheiten wie Asthma gestorben seien.

Save the Children forderte die sofortige Umsetzung der UN-Resolution 2139. Diese verpflichtet die Bürgerkriegsparteien, Helfern Zugang zu allen belagerten Gebieten zu gewähren. Die Resolution sieht aber keine automatischen Sanktionen vor, falls sich die Regierung und die Rebellen nicht daran halten sollten.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warf der Regierung in Damaskus gezielt Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Die Bewohner des Flüchtlingslagers Jarmuk bei Damaskus würden von den Regierungstruppen systematisch ausgehungert. Mindestens 128 Menschen seien dort bisher an Hunger gestorben. Die lebensnotwendige Versorgung mit Nahrung und Arznei sei abgeschnitten worden, heißt es in dem Bericht unter dem Titel „Das Leben aus Jarmuk herausquetschen“, der am Montag in London vorgestellt wurde.

60 Prozent leiden unter Mangelernährung

„Das Leben in Jarmuk ist zunehmend untragbar geworden für die verzweifelten Zivilisten, die hungern und in einer Abwärtsspirale des Leidens gefangen sind, ohne Möglichkeit zur Flucht“, sagte Philip Luther, Direktor des Amnesty-Programmes für den Nahen Osten und Nordafrika. „Zivilisten werden wie Schachfiguren benutzt in einem tödlichen Spiel, über das sie selbst keine Kontrolle haben“, sagte er. 60 Prozent der verbliebenen Menschen in der Stadt litten unter Mangelernährung.

Regierungstruppen hätten wiederholt zivile Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser und eine Moschee bombardiert. „Immer wieder eine dicht bevölkerte Gegend anzugreifen, wo die Zivilisten keine Möglichkeit zur Flucht haben, zeigt eine rücksichtslose Haltung und eine kaltschnäuzige Missachtung der grundlegendsten Prinzipien internationaler Menschenrechte“, betonte Luther.

(dpa)

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3 Kommentare

  • Andrea Bröker

    Das ist furchtbar!

    10. März 2014 at 15:15
  • Andrea Bröker

    Und hierzulande machen sich Leute darüber Gedanken, ob sie ihrem Pferd lieber eine neue Schabracke, ein neues Halfter oder einfach beides kaufen…

    10. März 2014 at 15:16
  • Heidi

    @Andrea,

    da sagst du was ganz wichtiges. Auch wenn wir manchmal ganz schön Überzeugungsarbeit leisten müssen damit unsere Gesundheits- und Hilfsmittelversorgung zu unserer Zufriedenheit verläuft, so leben Behinderte und Kranke in Deutschland doch relativ luxoriös. Leider ist das einigen Betroffenen noch immer nicht bewußt und jammern auf ziemlich hohem Neau. Ich versuche mir so oft wie möglich bewußt zu machen das es Menschen gibt, denen noch nicht einmal die medizinische Grundversorgung zur Verfügung steht. Demut und Dankbarkeit helfen mir mit solche Horrornachrichten besser um zu gehen.

    10. März 2014 at 16:01

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