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„Hyde Park am Hudson“: Bill Murray ist der lustige Präsident im Rollstuhl

Was der britische König 1939 mit seiner Ehefrau alles so erlebte, als er Franklin D. Roosevelt traf. Eine Kinokritik von Peter Claus.

Bill Murray als Präsident Franklin D. Roosevelt. (Foto: Tobis Film)

Bill Murray als Präsident Franklin D. Roosevelt. (Foto: Tobis Film)

Wenn ein gekröntes Paar auf etwas normalere Mitmenschen trifft, kann’s schwer für den Adel werden. Wie schwer, erzählt Regisseur Roger Michell augenzwinkernd in seiner nostalgischen, auf Tatsachen beruhenden Konversationskomödie „Hyde Park am Hudson“ (Kinostart: 28. Februar). Da reist der britische König im Juni 1939 mit seiner Ehefrau über den Großen Teich, um den US-amerikanischen Präsidenten zu treffen. Den trifft er auch – samt Gattin und Geliebter dazu. Herr und Frau König müssen mehr als einmal kräftig schlucken, um halbwegs die Fassung zu bewahren.

Der aus Südafrika stammende Regisseur Roger Michell, berühmt seit seinem Welterfolg „Notting Hill“, hat den vor allem von Dialogwitz und Situationskomik lebenden Film ganz auf die Schauspieler zugeschnitten. Samuel West und Olivia Colman als König und Königin von England, Bill Murray in der Rolle des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt sowie Olivia Williams als dessen Frau Eleanor und Laura Linney als seine Daisy genannte Geliebte Margaret Suckley entfachen launig ein Feuerwerk der Gags.

Gemauschelt und gemenschelt

Ein Großteil des Humors beruht auf dem Zusammenprall von steifer britischer Aristokratenarroganz und bodenständiger US-amerikanischer Hemdsärmeligkeit. Der politische Hintergrund, wie die Nachwehen der Depression in den USA und die Vorboten des drohenden Weltkrieges, spielen dabei so gut wie keine Rolle. Es wird gemauschelt und gemenschelt, und das immer mit einem Lächeln. Eine ähnlich anspruchsvolle Spiegelung der Wirklichkeit hinter aller Komik, wie beispielsweise in „The King’s Speech“, bleibt aus.

Die Geschichte wurde von Briefen und Tagebuchnotizen inspiriert, die sich im Nachlass der wirklichen Margaret Suckley fanden. Die Cousine und wohl wirklich sehr nahe Vertraute Roosevelts, die 1991 wenige Monate vor ihrem 100. Geburtstag starb, wurde so zum Vorbild für die Filmfigur der Daisy. Überwiegend wird das Geschehen aus ihrem Blickwinkel erzählt. Laura Linney gibt der Frau im Schatten der Macht mit selbstverständlich anmutender Ironie eine schöne Würde.

Angenehme Seriosität, komische Momente

Roosevelt (links) mit seinem Vater und einer Verwandten beim Segeln (1899) (Foto: gemeinfrei)

Roosevelt (links) mit seinem Vater und einer Verwandten beim Segeln (1899) (Foto: gemeinfrei)

Hollywood-Erzkomödiant Bill Murray überrascht mit einer überaus zurückhaltenden Interpretation des im Rollstuhl regierenden ersten Mannes im Weißen Haus. In seinen Augen leuchtet zwar beständig der Schalk. Doch darstellerische Extravaganzen der gröberen Art, mit denen er sonst so gern auftrumpft, bleiben diesmal aus. Das gibt der Figur Roosevelts eine angenehme Seriosität und lässt die komischen Momente umso kraftvoller erscheinen.

Wer mit dem Namen Roosevelt nichts mehr anfangen kann: Im Sommer 1921 erkrankte der Mann schwer. Seine Krankheit wurde seinerzeit als Poliomyelitis (Kinderlähmung) angesehen. Neuere Forschungen von der Universität Texas aus dem Jahr 2003 anhand der Krankenakten haben ergeben, dass es sich möglicherweise um das damals noch weitgehend unbekannte Guillain-Barré-Syndrom gehandelt hat – eine seltene Nervenkrankheit, die zu Lähmungen führt.

Roosevelt konnte seither auch mit Krücken nur mühsam gehen und war weitgehend auf die Benutzung eines Rollstuhls angewiesen. Zusammen mit seinem Freund und Kanzleipartner Basil O’Connor gründete er zwei Stiftungen zur Hilfe für Poliokranke. Seine Erkrankung und die daraus entstandene körperliche Einschränkung war – entgegen der heute landläufigen Ansicht – der amerikanischen Öffentlichkeit und somit den Wählern bekannt, obwohl Roosevelt es vermied, in seinem Rollstuhl fotografiert zu werden.

Nach Colin Firth in „The King’s Speech“ und Laurence Fox in „W.E.“ agiert der englische TV-Star Samuel West nun als König „Bertie“. Mit typisch britischer Zurückhaltung charakterisiert er ihn als einen Mann, der in der Rolle des Monarchen gefangen ist und der dieser nicht einmal in den privaten Momenten entkommt. Damit setzt West im Trubel der Ereignisse bezaubernd leise Momente und gibt dem ansonsten auf plaudernde Unterhaltung setzenden Film einige Augenblicke von angenehmer Tiefe.

(dpa/RP)

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