""

„Ice Bucket Challenge“ ist nicht nur lustig

Warum die kettenbriefartige Eiswasser-Dusche-Aktion leider auch tragische Seiten hat.

Eiswasser-Duschen sind weltweit – wie beispielsweise hier in Thailand – der neuesteTrend (Foto: Epa/Narong Sangnak/dpa)

Eiswasser-Duschen sind weltweit – wie beispielsweise hier in Thailand – der neuesteTrend (Foto: Epa/Narong Sangnak/dpa)

Das macht Spaß

Die spektakuläre Aktion geht momentan wie eine Welle durch die sozialen Medien: Um auf die seltene wie unheilbare Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) aufmerksam zu machen und um Spenden zu werben, kippen sich Prominente und Nicht-Prominente vor laufender Kamera einen Kübel Eiswasser über den Kopf (ROLLINGPLANET berichtete). Anschließend stellen sie das Video ins Netz und nominieren neue Kandidaten für die „Ice Bucket Challenge“ (Eiseimer-Herausforderung). Wer nicht mitmacht, soll spenden. Aber auch, wer die Dusche über sich ergehen lässt, darf in die Tasche greifen.

Haben auch schon mitgemacht: Lady Gaga, Justin Timberlake und Bill Gates (Archivfotos: EPA)

Haben auch schon mitgemacht: Lady Gaga, Justin Timberlake und Bill Gates (Archivfotos: EPA)

Das war der Anfang

Der Ex-Basketball-Star Pete Frates (29) erhielt vor zwei Jahren die Diagnose ALS. Sein Bruder lud daraufhin das erste Video „Ice Bucket Video“ hoch, um auf die Krankheit hinzuweisen. Erst Petes Freund Corey Griffin sorgte jedoch mit seinen Postings auf Facebook und Aktivitäten dafür, dass die virale Welle in Fahrt kam. Er gilt deshalb als Mit-Erfinder von „Ice Bucket Challenge“.

Das ist tragisch

Tödlich verunglückt: Corey Griffin (Foto: Facebook)

Tödlich verunglückt: Corey Griffin (Foto: Facebook)

Vergangene Woche ertrank Corey Griffin nach einem Badeunfall auf der Insel Nantucket. Er war unterwegs zu einer Feier, um Spenden für die „ALS Association“ in den USA zu sammeln. Der 27-Jährige hatte „sich in den letzten Wochen für ALS dumm und dämlich gearbeitet“, schrieben Freunde in ihrem Nachruf auf Facebook. Gestern wurde Griffin beerdigt.

Wer kneift?

Bundeskanzlerin: Angela Merkel (Foto: IWN)

Bundeskanzlerin: Angela Merkel (Foto: IWN)

Möglicherweise Bundeskanzlerin Angela Merkel (60). Sie hält sich zu dem Hype um die „Ice Bucket Challenge“ bedeckt, auch nachdem sie Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und andere nominiert haben. Auf die Frage, ob Merkel zugunsten der ALS-Aufklärung spenden werde, erklärte ihr Sprecher Steffen Seibert am Donnerstag auf Twitter: „Ich bitte um Verständnis, dass wir grundsätzlich nicht darüber berichten, wem die Bundeskanzlerin persönlich Geld spendet.“ Sie muss ja nicht spenden – ROLLINGPLANET wäre schon zufrieden, wenn sich Merkel begießt.

Worum geht es eigentlich?

Stephen Hawking, hier am 31. Oktober 2008 beim Papst, lebt mit ALS (Foto: dpa)

Stephen Hawking, hier am 31. Oktober 2008 beim Papst, hat ALS (Foto: dpa)

Vor lauter Gaudi wird der eigentliche Anlass oft vergessen: ALS. Das sind die wichtigsten Fakten zur Krankheit:

ALS führt zu Nervenzerstörungen und fortschreitenden Muskellähmungen. Die Betroffenen können sich im Verlauf der Erkrankung nicht mehr bewegen, sie haben Schwierigkeiten beim Schlucken, Sprechen und Atmen. Das Bewusstsein und der Intellekt bleiben aber in der Regel intakt.

Etwa die Hälfte der Patienten stirbt innerhalb der ersten drei Jahre. Nur in Ausnahmefällen leben sie länger als ein Jahrzehnt mit der unheilbaren Krankheit. Die Todesursache ist meist Atemlähmung. Der weltweit bekannteste ALSheimer ist Super-Physiker Stephen Hawking, der als 21-Jähriger die Diagnose erhielt und nun bereits 72 Jahre alt ist.

Über die genauen Ursachen und Mechanismen der Nervenkrankheit ist wenig bekannt. Die meisten Fälle treten spontan auf, nur bis zu zehn Prozent familiär gehäuft. Am häufigsten erkranken Menschen im Alter von 50 bis 70 Jahren, Männer etwas häufiger als Frauen.

In Deutschland gibt es nach Angaben der ALS-Ambulanz in Berlin bundesweit rund 8000 ALS-Patienten. Auch der Künstler Jörg Immendorff starb 2007 an dieser Nervenkrankheit.

Wie die Aktion missbraucht wird

Rapper 50 Cent (39) nutzte die „Challenge“ für eine Abrechnung mit seinem früheren Freund und Geschäftspartner Floyd Mayweather (37). „Das ist eine besondere Herausforderung für dich, Floyd“, sagt der Musiker in einem kurzen Video, einen Eimer mit Eiswasser neben sich. „Ich spende 750 Riesen, wenn du es schaffst, eine Seite ,Harry Potter‘ laut zu lesen, ohne zu stocken oder es zu versauen.“ Das wären immerhin 560.000 Euro. Mit einem „Scheiß‘ auf den Eimer“ warf er dann den Ice Bucket wütend über seine Schulter. 50 Cent, eigentlich Curtis Jackson, war kurzzeitig Manager von Mayweather.

Was sagen Betroffene?

Die Leipziger Journalistin Yvonne Weindel (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Die Leipziger Journalistin Yvonne Weindel (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Fragen wir mal Yvonne Weindel. Die 41-Jährige ist gebürtige Mainzerin und lebt seit 1992 in Leipzig. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Lange Jahre arbeitete Weindel als Journalistin und Buchautorin. Mittlerweile ist sie am Leipziger Theater der Jungen Welt als Theaterpädagogin tätig. Vor etwa eineinhalb Jahren diagnostizierten die Ärzte bei ihr ALS. Die Fragen stellte Gitta Keil.

Wie finden Sie die „Ice Bucket Challenge“?

Es ist eine Riesengaudi. Ich finde das gut, es gefällt mir. Aber da ist auch so ein Gefühl: Man bekommt für eine Weile weltweit Aufmerksamkeit und ist dann doch wieder allein. Und man fragt sich, was wissen die Leute wirklich über diese Krankheit?

Sie sprechen es an: Ist diese Riesengaudi dem Ernst der Krankheit überhaupt angemessen?

Ich finde das ganz schön. Das ist ein lockerer Umgang damit. Diese Aktion hat so eine Leichtigkeit und Verspieltheit. Das ist eine pfiffige Sache, weil man damit auch die Leute trifft, die sich sonst einen Scheißdreck dafür interessieren. Vielleicht ist das der richtige Weg. Es geht eben mal nicht um Mitleid und Betroffenheit. Es ist einfach mal witzig. Auch in meinem Leben gibt es doch viel Witziges.

Was ist mit Ihnen selbst? Machen Sie mit und wen nominieren Sie?

Da hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Ich würde gern mitmachen. Und nominieren würde ich Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Astronauten Alexander Gerst, um der ganzen Sache ein Gesicht zu geben. Damit sich immer mehr Menschen fragen, warum es so wenig Forschung zu ALS gibt und warum wir so allein sind.

(RP/mit Materialien von dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • Reinhard Bögge

    Möglicherweise Bundeskanzlerin Angela Merkel (60). Sie hält sich zu dem Hype um die „Ice Bucket Challenge“ bedeckt, auch nachdem sie Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und andere nominiert haben.

    Nicht ganz richtig – oder doch?
    http://www.app60.de/app60/wp/ms-ice-bucket-challenge/
    Bitte nachlesen! 🙂

    ALS – ca. 8.000 Betroffene
    MS – ca. 200.000 Betroffene + 1 – (ich)

    Soweit ich weiß

    Gruß Reinhard Bögge

    24. August 2014 at 22:26

KOMMENTAR SCHREIBEN