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Ich bin anders, aber gleich (1): Salemon Tsopitio aus Nkongsamba/Kamerun

Salemon Tsopitio

Weltweit gibt es mehr als eine Milliarde Menschen mit Behinderung. Der überwiegende Teil von ihnen (ca. 80 Prozent) lebt in den Ländern des Südens in Afrika, Asien und Lateinamerika. Anlass für ROLLINGPLANET, drei von ihnen vorzustellen.

Quelle für die oben genannten Zahlen: World Disability Report, WHO, Weltbank, 2011

In der ersten Folge unserer Serie berichtet Salemon Tsopitio (47), ein Lehrer aus Nkongsamba, über seine Kindheit, seinen Beruf, Bildung als Schüssel und Gleichberechtigung in seinem Land. Die Stadt Nkongsamba liegt im Südwesten von Kamerun (Afrika) und hat ungefähr 115.000 Einwohner.

Wer sind Sie und wie leben Sie?

Ich heiße Salemon Tsopitio und bin am 5. Oktober 1964 geboren. Ich bin verheiratet und Vater von drei Jungen und zwei Mädchen. Ich arbeite als Lehrer und habe am Moray House College in Edinburgh Englisch für das Lehramt studiert. Außerdem habe ich 1988 ein Diplom in englischer Literatur in Schottland an der Cameroon Universität gemacht. Heute lebe ich in Nkongsamba, wo ich Englisch, Französisch und Literatur an einer staatlichen zweisprachigen Schule unterrichte. In der Schule machen mir vor allem die Treppen Schwierigkeiten und ich kann sie nur sehr vorsichtig und langsam hoch und runter steigen.

Wann haben Sie zum ersten Mal festgestellt, dass es Barrieren in Ihrem Alltag gibt? Was waren das für Barrieren? Wie hat sich das ausgewirkt?

Ich wurde nicht mit einer Behinderung geboren. Im Januar 1995 hatte ich einen Autounfall und ich dachte, ich würde mein linkes Bein verlieren. Nach zwei Operationen, sieben Monaten im Krankenhaus und beinahe sieben Jahren Rehabilitation konnte ich wieder ohne Krücken laufen. Mein linkes Bein ist jetzt ungefähr sieben Zentimeter kürzer als mein rechtes. Um dies auszugleichen, trage ich Spezialschuhe mit unterschiedlichen Sohlenstärken. Ohne solche Schuhe würde sich mein Rückgrat sehr schell zu einem „S“ verformen.

Doch trotz der Rehabilitation und der Schuhe kann ich immer noch nicht rennen oder auch nur schnell gehen. Ich muss auf Treppen und bei Regen, besonders in der Regenzeit, wenn es matschig ist, immer sehr aufpassen, nicht zu fallen oder auszurutschen.

In meinem Haus habe ich noch kein Wasserklosett, sondern nur ein Plumpsklo. Bei der Benutzung der Toilette habe ich wegen meines Beins große Schwierigkeiten. Wenn ich zuhause bin, ziehe ich meine Schuhe aus und bewege mich im Haus nur sehr vorsichtig und mit Balanceschwierigkeiten. Diese Anstrengung führt dazu, dass ich permanent Rückenschmerzen habe, wenn ich mich hinlege.

Leider musste sich auch meine Frau darauf einstellen, dass auch unser Liebesleben durch meine Behinderung beeinträchtigt ist.

„Mein Vater hatte fünf Frauen“

Würden Sie kurz Ihre Kindheitserlebnisse bis zur Schule schildern?

Geboren wurde ich in Kumba, im Süd-Westen Kameruns. Später zog meine Familie nach Batcham in den Westen, wo ich aufgewachsen bin. Mein Vater hatte fünf Frauen. Die ersten beiden starben vor meiner Geburt. Meine Mutter ist seine dritte Frau und ich bin das vorletzte ihrer Kinder. Insgesamt hatte meine Mutter fünf Kinder und so wuchs ich in einem Haushalt mit sehr vielen Brüdern und Schwestern auf. Außerdem hatten wir Haustiere wie Hunde, Schweine, Hühner und Ziegen.

Jede Frau lebte in ihrer Zwei-Zimmer-Lehmhütte mit ihren Kindern. Die Mütter ernährten ihre Kinder mit Getreide, das sie auf dem Land anbauten, welches sie von meinem Vater bekommen hatten. Mein Vater hat täglich eine Mahlzeit von jeder seiner Frauen bekommen. Die Kinder wollten deshalb immer sehr gern zusammen mit ihrem Vater essen. Die meisten meiner Geschwister haben keine Schulbildung genossen. Zu dieser Zeit wurde zuhause auf der Farm, dem Marktplatz oder bei Hochzeiten „unterrichtet“. Alles, was man für ein Leben in Batcham wissen musste, konnte man dort lernen. Die Kinder lernten Dinge über Familie und Stämme, Geschichten und Legenden, sie lernten zu stricken, den Acker zu pflügen, zu singen, zu tanzen und zu jammern und sich zu beklagen.

Wie war die Rolle Ihres Vaters?

Mein Vater war sehr konservativ. Er hatte eine traditionelle und vom Stammessystem geprägte Vorstellung, was das Leben zu bedeuten hatte und was man von ihm erwarten konnte. Er mochte die meisten Dorfbewohner nicht, die ihre Kinder auf eine Schule schickten, einen Ort des moralischen Verfalls, wo sie Dinge beigebracht bekamen, die keinen Nutzen hatten. Das war meinem Vater ein Gräuel.

Glücklicherweise überdachte mein Vater seine Position zur Schulbildung, als ich gerade sechs Jahre alt war. Die Schule war keine „Weiße-Leute-Sache“ mehr, die die Kinder vom traditionellen Weg abbrachte. Für ihn wurde sie zu einem Ort, an dem man die Magie des Schreibens und Lesens und die Sprache des „Weißen Mannes“ lernen konnte. Aber als Tischler machte er mir trotzdem widerstrebend eine Tafel aus alten Holzplatten.

Salemon vor seinem Haus

Die Schule war eine kleine Missionsschule, nur ungefähr eine halbe Meile von unserem Zuhause entfernt. Jeden Morgen standen wir sehr früh auf, fütterten die Schweine, ließen die Schafe weiden, aßen den Rest vom noch übrig gebliebenen Abendbrot und machten uns auf zur Schule. Die Lehrer waren streng und ernst. Für Zuspät-Kommer konnte es sein, dass sie eine halbe Stunde im Kies knien mussten und wenn man im Unterricht schwatzte oder störte, stand man auch schon mal eine Stunde mit ausgestreckten Armen im Klassenzimmer. Wenn Jungen gekämpft hatten, konnten sie wegen der schweren Schläge auf den Hintern den ganzen Tag nicht sitzen. Andere Bestrafungen waren die Ohren oder sogar die Nase lang ziehen.

Auf dem Rückweg von der Schule haben wir trockenes Holz gesammelt, damit wir zuhause ein Feuer machen konnten. In der Schule lernten wir sehr viel und waren erstaunt von den tollen Dingen, die Jesus getan hatte oder den anderen spannenden Bibelgeschichten. Wir waren damals sehr arm. Ein Auto zu sehen war eine außergewöhnliche Seltenheit. Ich bin zum ersten Mal mit elf in einem Auto gefahren, als ich eine Prüfung außerhalb unseres Dorfes ablegen musste. Das Fahrrad war damals das übliche Transportmittel. Die Menschen fuhren viele Meilen mit ihren schweren Lasten auf dem Kopf. Meine ersten Hosen und Schuhe waren Teil meiner Schuluniform.

Unser Trinkwasser haben wir entweder in der Regenzeit aufgefangen oder in der Trockenzeit aus dem Fluss geholt. Wir haben zwei Mal am Tag gegessen. Eine Kleinigkeit zum Frühstück und etwas Nahrhaftes zum Abendessen. Wir schliefen auf harten Bambusbetten ohne Matratze oder Bettlaken und hatten immer unsere Klamotten an. Dies sind einige der Facetten aus dem Leben einer normalen armen Familie in meiner Gegend.

„Die Menschen haben aus Bächen oder kleinen Quellen getrunken“

Trotz des Umstandes, dass ich beinahe kein Schulbuch besaß, habe ich mich ganz gut geschlagen und hatte keine Komplexe aus einer armen Familie zu stammen. Nach einiger Zeit hatte ich meinen Abschluss und konnte die einzige zweisprachige, weiterführende Schule im Südwesten Kameruns besuchen. Ich lebte im Wohnheim der Schule, in sehr modernen Gebäuden. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Privileg hatte, in einem festen Haus zu wohnen. Aber das hatte auch einen Preis, da die Miete dort mit 27.000 zentral-afrikanischen CFA-Francs (ca. 46 Euro) pro Jahr für meine Familie eine schwere Bürde war. Ich lebte zusammen mit einigen sehr reichen Kindern, deren Eltern sie jedes Wochenende besuchten.

Ich selbst habe nie Besuch von meinen Verwandten bekommen, außer als mein Vater starb. Es gab keine Telefone, ein Brief hätte Monate gebraucht, und so wurde ein Cousin geschickt, um mich zu der Beerdigung meines Vaters heim zu holen. Nach dem Tod meines Vaters wurden die finanziellen Probleme noch gravierender. In den Schulferien habe ich verschiedenste kleine Jobs angenommen, um Geld zu verdienen.

Zum Glück habe ich am Ende der Schulzeit ein Stipendium bekommen, welches mir erlaubte, Französisch und Englisch für das Lehramt zu studieren. So konnte ich auch mein einjähriges Auslandsstudium in Edinburgh finanzieren. 1987 habe ich meinen Abschluss gemacht, habe geheiratet und in Doume eine Stelle an einer weiterführenden Schule bekommen. Doume war ein kleines Dorf ohne fließendes Wasser. Die Menschen haben aus Bächen oder kleinen Quellen getrunken und ein Generator hat sie für zwei Stunden mit Strom versorgt. Zwei Jahre später wurde ich nach Nkongsamba versetzt, wo ich seitdem tätig bin. 1995 hatte ich schließlich den Autounfall, bei dem mein Bein sehr schwer verletzt wurde.

Sie sind derzeit arbeitstätig. Ermöglicht Ihr Beruf Ihnen ein unabhängiges Leben?

Ja, ich habe eine ziemlich gute Stelle als staatlicher Lehrer. Aber auch ich muss kämpfen, um über die Runden zu kommen, wie so viele Kameruner.

Bekommen Sie finanziell oder materiell Unterstützung von jemandem, den Staat mit eingeschlossen?

Nein, nichts Besonderes. Ich bekomme keine finanzielle oder materielle Unterstützung wegen meiner Behinderung. Ich bekomme lediglich das Gehalt aus meiner Lehrertätigkeit.

Was ist für Sie die größte Schwierigkeit, mit der Menschen mit Behinderung in Ihrem Land zu kämpfen haben?

Ich denke, das wirklich größte Problem ist die Komplexität des Themas Behinderung. Auf der einen Seite wird immer erwartet, dass einem geholfen wird; auf der anderen Seite möchte man nicht immer der oder diejenige sein, die auf Hilfe angewiesen ist und darum bittet. Aus diesen Denkmustern herauszukommen ist wirklich sehr schwierig.

„Bildung ist ganz klar der Schlüssel“

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um die Situation von Menschen mit Behinderung in Ihrem Land zu verbessern?

Bildung ist ganz klar der Schlüssel in diesem Zusammenhang. Der größte Teil der Kameruner lebt in Armut. Und Menschen mit Behinderung sind sogar noch ärmer. Nur eine gute Bildungs- und Informationspolitik für die Eltern ebenso wie für ihre Kinder kann diesen Teufelskreis durchbrechen und für eine andauernde und nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Behinderung führen.

Haben Sie das Gefühl, dass Frauen anders behandelt werden als Männer?

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist in Kamerun ein reales Problem. Wie in anderen Ländern, wo Demokratie und Menschenrechte noch keimen und keine festen Wurzeln und Strukturen haben, sind Frauen nicht gleichberechtigt. Dies gilt selbstverständlich auch für Frauen mit Behinderung.


Teil 2: Sawang Srisom aus Bangkok/Thailand
Teil 3: Maria Veronica Reina aus Argentinien/USA


Der Beitrag stammt aus der Broschüre „Ich bin anders, aber gleich“. Wir veröffentlichen diese Serie mit freundlicher Genehmigung des Vereins Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. (bezev). Dieser setzt sich für eine gleichberechtigte Beteiligung von Menschen mit Behinderung an Entwicklungsprozessen ein, die zu einer gerechten und sozialen Welt beitragen und im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gestaltet werden.

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