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Ich bin anders, aber gleich (2): Sawang Srisom aus Bangkok/Thailand

Sawang Srisom

In unserer Serie stellen wir Menschen mit Behinderung in Afrika, Asien und Lateinamerika vor. In Teil 2 berichtet der 32-jährige, an Polio erkrankte Thailänder Sawang Srisom von seinem Leben.

Wer sind Sie und wie leben Sie?

Mein Name ist Sawang Srisom, ich lebe in Bangkok in Thailand und bin 32 Jahre alt. Derzeit bin ich der Vorsitzende des Netzwerks für Kunst und Musik von Menschen mit Behinderung (NMAD). In meiner Freizeit singe ich in einer Band von Menschen mit Behinderung und komponiere eigene Songs.

„Ich musste die Treppen hochkriechen“

Wann haben Sie zum ersten Mal festgestellt, dass es Barrieren in Ihrem Alltag gibt? Was waren das für Barrieren? Wie hat sich das ausgewirkt?

Wirklich gespürt habe ich Barrieren in meinem Leben zum ersten Mal mit 13 Jahren. Zu dieser Zeit besuchte ich die siebte Klasse einer Mittelschule in meiner Heimatstadt in der Provinz Surin.

Meine Schule verfügte über keinen Aufzug. Das hieß für mich, dass ich irgendwie anders die Treppen überwinden musste. Als ich in dieser Zeit gezwungen war die einzelnen Etagen hoch zu kriechen, wurde mir zum ersten Mal deutlich bewusst, wie entwürdigend es war.

Außerdem war es sehr anstrengend, da ich nur meine Arme nutzen konnte. Da fiel mir das erste Mal auf, dass eine Rampe, die hinauf zum Schulgebäude führt, oder ein Fahrstuhl mein Leben sehr erleichtert hätten. An diese Dinge hatte ich vorher gar nicht gedacht. Und es gab viele ähnliche Barrieren in dieser Schule. Diese Dinge gingen mir zu dieser Zeit viel im Kopf herum.

Aber nicht nur die physischen Barrieren machten mir sehr zu schaffen. Mehr getroffen hat mich die Haltung meines Umfeldes mir gegenüber. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht wie sie bin, sondern „anders“. Diese Situation war für mich so belastend, dass ich es auf der Schule nicht mehr ausgehalten und sie verlassen habe.

„Tief verletzt und deprimiert“

Würden Sie kurz Ihre Kindheitserlebnisse bis zur Schule schildern?

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwei Jahre alt war. Genau zu dieser Zeit habe ich mich mit Polio infiziert. Seither kann ich nicht mehr laufen. Meine beiden Eltern haben sich neu vermählt und mich einfach zu meinen Großeltern geschickt. Zu dieser Zeit hatte ich noch keinen Rollstuhl und musste mich daher auf dem Boden kriechend fortbewegen.

Trotz alledem habe ich versucht, wie alle anderen Kinder auch, meine Kindheit zu genießen. Ich hatte zwar Freunde, aber das waren größtenteils meine Cousins und Cousinen oder andere Verwandte. Aber sie haben mich akzeptiert wie ich war und ich hatte Spielkameraden. Manchmal, wenn wir zusammen gespielt haben, haben meine Freunde einfach die Spielregeln geändert, so dass ich auch mitmachen konnte.

In meinem Dorf hat zum Glück niemand auf mich herabgeblickt. Doch trotz dieser guten Erfahrungen kann ich mich noch gut erinnern, wie ich gehört habe, dass meine Großmutter zu anderen sagte, „Ja, wir ziehen den Jungen groß. Aber wir wissen, dass wir niemals etwas von ihm zurückzubekommen werden.“

Solche Worte haben mich natürlich tief verletzt und deprimiert. Auf der anderen Seite aber haben sich mich auch gerade motiviert, allen zu beweisen, dass dem nicht so ist.

War es für Sie möglich eine Schule zu besuchen? Wenn ja, was haben sie für einen Abschluss? Könnten Sie uns bitte einen „normalen“ Tag aus Ihrer Schulzeit schildern?

Ich wurde mit sieben Jahren eingeschult. Die Grundschule habe ich von der ersten bis zur sechsten Klasse besucht. Mein Großvater hat mich jeden Morgen mit dem Rad zur Schule gefahren. Morgens wurde auch von mir erwartet, an der alltäglichen Morgenzusammenkunft auf dem Hof teilzunehmen. Niemand hat mich in dieser Schule gehänselt oder schlecht behandelt. Im Gegenteil, meine Klassenkameraden haben mir geholfen, wenn wir die Räume wechseln mussten, indem sie mich Huckepack genommen haben. Auch alle Lehrer haben mich anständig behandelt und mich unterstützt.

In dieser Schule hatte ich nie das Gefühl, dass man auf mich herabgeblickt hat. Das war für mich wirklich ein wahrer Glücksfall. Wenn es irgendetwas gab, an dem ich nicht teilnehmen konnte, habe ich zusammen mit meinen Klassenkameraden und meinem Lehrer über eine Lösung nachgedacht und umgesetzt. Wenn es trotz aller Bemühungen einmal keine Lösung gab, so war es für mich auch kein Problem meinen Kameraden nur zuzuschauen. Ich wusste, dass ich akzeptiert war. Deshalb war das überhaupt nicht schlimm. Leider wechselte ich danach, wie oben beschrieben, auf eine weiterführende Schule, in der ich sehr schlechte Erfahrungen sammeln und daher abbrechen musste.

„Dieser Job hat mein Leben verändert“

Sind Sie derzeit arbeitstätig? Wenn ja, welchen Beruf haben Sie? Ermöglicht er Ihnen ein unabhängiges Leben?

Nachdem ich die Schule für fünf Jahre unterbrochen hatte, entschloss ich mich zu einer außerschulischen Weiterbildung. Zu dieser Zeit lebte ich bei meiner Mutter in einer Provinz in der Nähe von Pattaya. Und plötzlich wurde ein Traum für mich wahr, als ich erfuhr, dass es in der Nähe eine Schule für Menschen mit Behinderung gab. Daraufhin habe ich keine Zeit verloren und mich sofort an dieser Schule beworben.

Zu meinem Glück hat mich die Redemptorist Vocational School for the Disabled auch sofort aufgenommen. Als Hauptfach habe ich Computer und Business Management gewählt. Der Unterricht wurde komplett von ausländischen Lehrern auf Englisch gehalten. Nach meinem Abschluss im Jahr 2003 habe ich recht schnell eine Stelle als Information-Officer beim Zentrum für Behinderung und Entwicklung in Asien-Pazifik(APCD) in Bangkok bekommen.

Das Büro wurde ganz neu eröffnet und von der Management-Ebene wurde gewünscht, auch Menschen mit Behinderung einzustellen. Ich hatte Glück und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und bekam nach einem Bewerbungsgespräch die Stelle. Daher bin ich von Pattaya nach Bangkok gezogen.

Dieser Job hat mein Leben komplett verändert. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben so viel Gehalt bekommen, dass ich mir eine eigene Wohnung mieten und selbständig leben konnte. Ich konnte mir kaufen, was ich gerne hatte, und meine Freizeit so verbringen, wie ich es wollte. Außerdem habe ich meine Schwester noch finanziell unterstützt, die derzeit an einer Universität studiert hat. Meine Mutter war wahnsinnig stolz auf mich!

Bekommen Sie Unterstützung von jemandem?

Ich habe ein paar alte Rollstühle von der verantwortlichen Gesundheitsbehörde bekommen. Aber wegen ihrer besseren Qualität habe ich mich entschieden, Second-Hand Rollstühle aus Japan zu benutzen. Abgesehen davon bekommen Menschen mit Behinderung in Thailand seit dem Jahr 2010 einen monatlichen Zuschuss von 500 Baht vom Staat. Das sind in etwa 12 Euro und ist keinesfalls ausreichend, für diejenigen, die nicht über ein geregeltes Einkommen verfügen. Allein die ständigen Taxikosten, in Bangkok kann ich mit meinem Rollstuhl wegen des zu dichten Verkehrs nur mithilfe eines Taxis die Straßenseite wechseln, übersteigen den Betrag.

Auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind nur sehr beschränkt für mich nutzbar. Von 27 Haltestationen der Schwebebahn in Bangkok sind nur fünf mit einem Lift ausgestattet.

„Menschen mit Behinderung werden als unbrauchbar angesehen“

Was ist für Sie die größte Schwierigkeit, mit der Menschen mit Behinderungen in Ihrem Land zu kämpfen haben?

Die größte Herausforderung ist die Barrierefreiheit. Allein die physischen Barrieren in öffentlichen Gebäuden, Schulen, dem Transportsystem usw. machen es Menschen mit Behinderung schwer oder unmöglich, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dies liegt an der Einstellung der Menschen uns gegenüber. Menschen mit Behinderung werden als hilflos und unbrauchbar angesehen. Die Einstellung in Thailand ist immer noch sehr stark von Mitleid geprägt. In Europa betrachtet man die Situation dagegen aus dem Winkel der Menschenrechte, die für alle gleichermaßen gelten.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um die Situation von Menschen mit Behinderungen in Ihrem Land zu verbessern?

Die Zugänglichkeit zu Schulen, Transport zu öffentlichen Einrichtungen, zu Information und Kommunikation und Arbeitsplätzen sollte zuerst verbessert werden.


Teil 1: Salemon Tsopitio aus Nkongsamba/Kamerun
Teil 3: Maria Veronica Reina aus Argentinien/USA


Der Beitrag stammt aus der Broschüre „Ich bin anders, aber gleich“. Wir veröffentlichen diese Serie mit freundlicher Genehmigung des Vereins Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. (bezev). Dieser setzt sich für eine gleichberechtigte Beteiligung von Menschen mit Behinderung an Entwicklungsprozessen ein, die zu einer gerechten und sozialen Welt beitragen und im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gestaltet werden.

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