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Ich bin anders, aber gleich (3): Maria Veronica Reina, Argentinien/USA

Maria Veronica Reina bei einer Rede vor der Generalversammlung der UN in New York

Im dritten und letzten Teil unserer Serie über Menschen mit Behinderung in Afrika, Asien und Südamerika schildert Maria ihren Beruf bei der Weltbank, schlecht gelaunte Priester und Vorurteile in ihrer Heimat.

Wer sind Sie und wie leben Sie? Bitte stellen Sie sich vor.

Mein Name ist Maria Veronica Reina, und ich stamme aus Argentinien. Derzeit arbeite ich in Washington DC bei der Weltbank und wohne in Arlington im Bundesstaat Virginia in den USA. Ich kam vor zehn Jahren in die USA, als ich eine Stelle bei einer Nichtregierungsorganisation angenommen habe.

„Ich gehörte nicht dazu“

Wann haben Sie zum ersten Mal festgestellt, dass es Barrieren in Ihrem Alltag gibt? Was waren das für Barrieren? Wie hat sich das ausgewirkt?

Vor langer Zeit, nachdem ich einen Autounfall hatte und einen Rollstuhl zur Fortbewegung brauchte. Ich war wie vor meinem Unfall auch, mit Freunden unterwegs ins Kino. Aber es war unmöglich. Selbst mit guter Vorbereitung – ich hatte jemand organisiert, der mich bis zum Kino fuhr, da es keine barrierefreien öffentlichen Verkehrsmittel gab – waren die Stufen vor dem Kino und die nicht behindertengerechten Toiletten ein zu großes Hindernis.

Als Rednerin bei der UN im Jahre 2007

Das hat mich ziemlich enttäuscht und fertig gemacht. Ich war so lange im Krankenhaus gewesen und wollte doch einfach nur einen bisschen Spaß haben und einen schönen Abend mit meinen Freunden verleben. Damals war ich ein Teenager und habe gelernt, dass ich nicht dazu gehöre, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich war sehr unglücklich zu dieser Zeit.

War es für Sie möglich eine Schule zu besuchen? Wenn ja, was haben sie für einen Abschluss ? Könnten Sie uns bitte einen „normalen“ Tag aus Ihrer Schulzeit schildern bitte?

Ich hatte meinen Unfall mit 17 Jahren. Ich war gerade in meinem letzten Schuljahr und konnte es nach meinem Krankenhausaufenthalt glücklicherweise noch zu Ende bringen. Danach wollte ich Lehramt studieren, aber das wurde mir verboten. Damals herrschte in Argentinien eine Diktatur. So wurde verordnet, dass Menschen mit Behinderung keine Lehrer werden durften. Schulen, die Lehrerkurse angeboten hatten, wollten mich ebenfalls nicht, da sie wussten, dass ich am Ende nicht das für den Lehrerberuf geforderte Gesundheitszeugnis bekommen würde. Man wollte sich mit „Leuten wie mir” nicht im Klassenraum belasten.

Ich habe das System ausgetrickst und einen Abschluss in Erziehungspsychologie gemacht. Dieser Abschluss war ein ausreichender Berechtigungsnachweis, um zu lehren ohne das Gesundheitszeugnis vorweisen zu können. Den Lehramtsabschluss habe ich nach Wiedereinführung der Demokratie in Argentinien nachgeholt.

Während des Studiums hatte ich große Probleme, da die Universität nicht barrierefrei geplant und angelegt war. Jeden Tag musste mich jemand, mein Vater, ein Kommilitone oder jemand von der Hochschule die Stufen zum Eingang samt meinem Rollstuhl hochtragen. Einmal in der Universität angekommen, gab es weitere Schwierigkeiten.

„Ich hatte keinen Mut, die Stimme zu erheben“

Der einzige ebene Weg, den ich zu meinem Klassenzimmer nehmen konnte, führte durch eine Kapelle. Jedoch untersagte mir der Priester zu den Zeiten, an denen eine Messe gelesen wurde, durch die Kirche zu fahren. Das führte dazu, dass ich einige Klassen verpasst habe. Aufgrund der bestehenden Anwesenheitspflicht und um die unfreiwillig verlorenen Stunden nachzuholen, musste ich zusätzlichen Unterricht belegen und Extra-Klausuren schreiben.

Obwohl ich wusste, dass ich nicht mit meinem Rollstuhl vorbei konnte, bis die Messe geendet hatte, war ich jeden Tag da. Immer hinter der geschlossenen Tür der Kapelle darauf wartend, dass die Messe endete, der Priester krank oder in besserer Stimmung war, um endlich durchfahren zu können.

Ich konnte damals nichts anderes tun. Ich besaß nicht den Mut, meine Stimme zu erheben. Aber zu dieser Zeit gab es überall viel Angst und Schweigen. Ich erinnere mich an eine Zeit voller Schmerzen und Ohnmächtigkeit ob der Ungerechtigkeiten, die mir widerfahren waren. Auf der anderen Seite hatte ich auch noch keine Ahnung, was die Menschenrechte überhaupt sind. Heutzutage erheben sich die Menschen und machen auf solcherlei Missstände aufmerksam. Ich denke, Erfahrungen wie meine, wären heute nicht mehr möglich.

Sind Sie derzeit arbeitstätig? Wenn ja, welchen Beruf haben Sie? Ermöglicht er Ihnen ein unabhängiges Leben?

Bei einem Treffen mit Präsident Obama im Weißen Haus am 24.7.2009, als die USA die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichneten.

Ja, ich arbeite für die Weltbank und bin Managerin für ein Programm im Bereich Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit. Ich kann wegen meines Gehalts unabhängig leben. Als ich noch in Argentinien war, habe ich sehr viel gearbeitet. Auch schon vor meinem Abschluss als Hilfskraft in der Schule. Aber ich war so etwas wie eine Ausnahme für mein Land.

In Argentinien haben Menschen mit Behinderung größte Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden und diese Stelle auch zu behalten. Aber es ist sehr wichtig festzuhalten, dass ich in Argentinien trotz meiner Einkünfte nicht allein leben konnte. Das lag daran, dass mein Gehalt zu gering war, um alle Ausgaben, die ein selbständiges Leben mit sich bringt, abzudecken. Das war wohl der entscheidende Grund, warum ich mich nach einem Arbeitsplatz im Ausland bemühte. Ich wollte gänzlich unabhängig und selbstbestimmt leben.

Bekommen Sie finanzielle oder materielle Unterstützung von jemandem?

Nein, ich bekomme nichts.

„Argentinien macht Fortschritte, aber es ist ein langer Weg“

Was ist für Sie die größte Schwierigkeit, mit der Menschen mit Behinderungen in Ihrem Land zu kämpfen haben?

In meinem Geburtsland Argentinien ist die größte Herausforderung das Fehlen eines Bewusstseins für die Belange von Menschen mit Behinderung. Die Mehrheit der Menschen glaubt, wir seien „irgendwie anders“ und dass unsere Erwartungen und Potenziale viel geringer seien. Eine Behinderung wird generell als ein individuelles und familiäres Problem gesehen. Man sieht nicht, wie soziale Normen und Einrichtungen das Problem tangieren. Ich habe schon oft erlebt, dass die Leute glauben, sie würden einem einen großen Gefallen erweisen, dabei machen sie nur das, wozu sie per Gesetz verpflichtet sind.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um die Situation von Menschen mit Behinderungen in Ihrem Land zu verbessern?

Ich mag die Entwicklung Argentiniens derzeit. Armutsbekämpfung und eine Entwicklung für alle stehen im Zentrum der Bemühungen. Jetzt ist es Zeit, die am meisten marginalisierten Gruppen, zu denen auch Menschen mit Behinderung gehören, in den Prozess, die Durchführung und Planung von Projekten und Strategien mit aufzunehmen. Man macht Fortschritte, jedoch ist es immer noch ein weiter Weg. Trotzdem schaue ich hoffnungsvoll in die Zukunft.

Haben Sie das Gefühl, als Frau anders behandelt zu werden als ein Mann?

Ich bin wirklich nicht sicher, ob ich sagen kann, dass in Argentinien Frauen mit einer Behinderung anders behandelt werden als Männer. Aber ich habe bei Frauen bei spezifischen medizinischen Belangen, sowohl in den USA als auch in Argentinien, Probleme mit Unwissenheit und Barrierefreiheit erlebt.


Teil 1: Salemon Tsopitio aus Nkongsamba/Kamerun
Teil 2: Sawang Srisom aus Bangkok/Thailand


Der Beitrag stammt aus der Broschüre „Ich bin anders, aber gleich“. Wir veröffentlichen diese Serie mit freundlicher Genehmigung des Vereins Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. (bezev). Dieser setzt sich für eine gleichberechtigte Beteiligung von Menschen mit Behinderung an Entwicklungsprozessen ein, die zu einer gerechten und sozialen Welt beitragen und im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gestaltet werden.

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