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Ich, das Krümelmonster

Exklusiv auf ROLLINGPLANET: Das Bekennerschreiben des Krümelmonsters, das den 100 Jahre alten goldenen Keks von Bahlsen entführte und Lösegeld fordert.

Bekennerfoto des Krümelmonsters (Foto: dpa)

Leute, Ihr habt das alle falsch verstanden. Ich wollte doch gar keine Werbung für Bahlsen machen, sondern für die Lebenshilfe Mannheim, die ein vielbeachtetes Keksprojekt auf die Beine gestellt hat (Webseite: Firmenkeks), damit Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung nicht immer nur stumpfsinnig Schrauben drehen müssen.

Aber ich finde es löblich, dass Bahlsen nun 52.000 Kekspackungen spenden will. Ich würde vorschlagen, 50.000 davon gehen an meine Freundin Sabina, mein kleines Schleckermäulchen, der Rest an die Insassen von Werkstätten für Menschen mit Behinderung, die sich oft nicht einmal Kekse leisten können, wenn sie nicht schon in der Mitte des Monats pleite sein wollen.

Keks der Lebenshilfe Mannheim (Foto: www.firmenkeks.de)

Aber jetzt erst mal etwas über mich. Mein Papa heißt Jim Henson, eine Mutter habe ich nicht (Krümelmonster brauchen so etwas nicht). Wie Ihr wisst, wohne ich in der Sesamstraße. Ich habe ein blaues Fell und rollende Augen, weshalb ich Ehrenbürger des ROLLINGPLANETen bin. Heutzutage gilt man ja selbst bei kleinsten Abweichungen von der Normalität als behandlungsbedürftig und nicht mehr gesellschaftsfähig, aber an mein blaues Fell lasse ich keinen Psychiater und Schönheits-Doc. Im englischsprachigen Original heiße ich „Cookie Monster“. Eigentlich ist mein Name Sid, aber das weiß kaum einer. Obwohl Englisch meine Muttersprache ist, drücke ich mich da grammatikalisch immer falsch aus („Cookies! Me Eat!“), während ich im Deutschen stets von mir selbst in der dritten Person rede („Krümel möchte Keks haben!“) – ich bin also das wahre Vorbild von Lothar („Ich sage: Ein Loddar möchte junge Frauen haben!“).

Wenn Kekse gemein werden

Ich wurde 1966 geboren. Ich bin also nicht mehr der Allerjüngste (47 Jahre alt) und wollte mit meiner Aktion besonders die Jüngeren wachrütteln, die wie verrückt über den Witz „Keine Arme, keine Schokolade“ in „Ziemlich beste Freunde“ gelacht habt. Der vermeintliche Kultwitz steht nicht in der Originalvorlage von Philippe Pozzo di Borgo, den haben die Drehbuchautoren einfach so reingeschrieben. Und weil Ihr jungen Hüpfer das nicht mehr wissen könnt: Das war mal ein echter Anti-Behinderten-Witz. Ist schon lange her. In den 1970er Jahren war eine Serie von derben Witzen populär, die mit „Mami, Mami …“ anfingen, einer davon ging so und diskriminierte Contergan-Opfer:

Sohn zur Mutter: „Mami, Mami, kann ich Kekse haben?“
Mutter: „Ja klar, du weißt ja, wo die Kekse stehen!“
Sohn: „Aber Mama, ohne Arme komme ich da doch nicht ran!“
Mutter: „Tja, ohne Arme keine Kekse!“

Leute, Ihr habt das alle falsch verstanden. Vielleicht bin ich gar kein moderner Robin Hood, sondern nur ein echter Kleinkrimineller, der einfach etwas lustiger drauf ist, und nicht nur goldene Kekse klaut, sondern auch Kirchenglocken, für die man ebenfalls ganz schön viel Geld bekommt.

Das sind doch mal wahre Helden

Ich will Euch deshalb mal verraten, wer wirklich ein moderner Robin Hood ist: Zum Beispiel Sánchez Gordillo, der als Dorfbürgermeister des andalusischen Städtchens Marinaleda angesichts der Eurokrise für seine armen Bürger einen Supermarkt plünderte. Oder die Filialleiterin einer Bank, die im Malu-Dreyer-Land Rheinland-Pfalz 14 Monate lang die Konten von armen Kunden mit Geldschwierigkeiten ausgeglichen hat und sich dabei von der Kohle wohlhabender Kunden bediente. Oder ihr Kollege aus Baden-Württemberg, der zwei Millionen Euro zu Gunsten bedürftiger Kunden veruntreute: „Ich hatte Mitleid mit Arbeitslosen und sozial Schwachen und wollte ihnen helfen.“ Daher hatte er die Gelder bestimmter Bankkunden auf Konten solcher Kunden verschoben, die an Geldmangel litten und keine Bankkredite mehr bekamen. Oder der 32-jährige Enric Duran, der mittels Kreditbetrugs 39 Banken um insgesamt 492.000 Euro erleichterte. Mit dem Geld unterstützte er eine antikapitalistische Publikation, die in einer Auflage von 350.000 Exemplaren erscheinen sollte. Und er hatte eindeutig Recht: „Wer sich vom System befreien will, muss Kredite aufnehmen und sie nie zurückzahlen.“ Ist doch besser, als wie einst die RAF Leute zu erschießen.

Nun gut, ich will Euch jetzt nicht weiter mit politischem Krimskrams auf den Keks gehen. Liebe Polizisten, natürlich werdet Ihr mich irgendwann schnappen, aber danach, verehrter Richter, lass doch einfach mal Gnade äh Humor vor Recht gelten. Ich bin doch nicht der Dagobert Arno Funke, der mit echten Bomben herumlief. In was für einem Land leben wir denn, wo man nicht mal mehr einen Keks klauen darf?

Ach so, eine politische Botschaft hätte ich doch noch, selbst wenn das nicht in der UN-Behindertenrechtskonvention empfohlen wird: Kekse für alle Menschen mit Behinderung!

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