""

„Ich höre mit den Augen“: Star-Komponist Helmut Oehring denkt erst in Gebärden, dann in Klängen

Er ist eine ziemliche coole Sau, und in seinen Opern treten taube Sänger auf. Er wurde als Kind gehörloser Eltern geboren – das hat ihn geprägt. Am 8. März ist Uraufführung seines neuen Stücks „SehnSuchtMEER oder Vom Fliegenden Holländer“. Von Dorothea Hülsmeier

Der Komponist Helmut Oehring im Februar bei einer Pressekonferenz in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf (Foto: Daniel Naupold/dpa)

Der Komponist Helmut Oehring im Februar bei einer Pressekonferenz in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf (Foto: Daniel Naupold/dpa)

„Null Ahnung“ von klassischer Musik hatte Helmut Oehring als Kind. In seinem Zuhause spielte Musik überhaupt keine Rolle. Kein Wunder: Als Kind gehörloser Eltern wuchs der im Jahr des Mauerbaus 1961 geborene Ostberliner zu Hause weitgehend in Stille auf.

Seine Muttersprache war die Gebärdensprache, für seine Eltern übersetzte er zwischen den Welten. Von Schulkameraden wurde er gemobbt, Freunde hatte er nicht. Als DDR-Wehrdienstverweigerer kam für Oehring gerade mal eine Lehre als Tiefbauer beim VEB Autobahnkombinat Dresden in Frage.

Einer der gefragtesten lebenden Komponisten

Heute ist der 51-jährige Oehring einer der gefragtesten zeitgenössischen Komponisten. Dabei brachte er sich erst mit 25 Jahren das Notenlesen bei. Oehrings inzwischen auf rund 250 Kompositionen angewachsenes Werk wird überall auf der Welt gespielt. Der Meisterschüler von Georg Katzer an der Berliner Akademie der Künste – seit 2005 ist er auch Mitglied – bekam den Hanns-Eisler-Preis, den Arnold-Schönberg-Preis und viele andere Auszeichnungen.

Wenn er gestikuliert, dann wirkt das, als ob Musik Hände hätte. Lässig in löchrigen Jeans, schlabbrigem Pullover und mit Fünf-Tage-Bart kommt Oehring aber gar nicht abgehoben daher. Mit einem Anflug von Berliner Schnodder-Schnauze sagt er zum Beispiel Sätze wie: „Die meisten finden neu komponierte Musik heute irgendwie blöd.“ Denn sie sei anders als Brahms oder Bach. „Meine Musik ist aber nicht blöd“, betont Oehring. Er fasst den Musikbegriff weiter.

Gebärden gehören zu seinem Klangraum

Melodie ist für Oehring nur ein Aspekt von Musik. Auch Gebärden gehörten zum Klangraum dazu, und menschliche Töne, die ganz fremd und anders klingen. „Der Klang, der uns berührt, ist auch ein physisches Ereignis“, sagt er mit einer sanften Stimme. Streicher führen den Bogen in Oehrings Stücken auch mal mit Plastiktüten über der Hand.

Zur Oper brachte ihn Freddie Mercury. Der opernähnliche Gesang in Queens „Bohemian Rhapsody“ (siehe Video unten) begeisterte Oehring. Überhaupt hat Oehring ein Faible für Rock, Pop und Rap. In seiner 2011 erschienenen Autobiografie schreibt er, dass Eminem, „einer der genialsten Rapper“, in direkter Traditionslinie zu klassischen Komponisten von Schönberg bis Beethoven und Bach stehe. „Eminem, die coole Sau.“

Gehörlose Sänger in seinen Opern

Oehrings Werke machen es dem Ohr nicht leicht, das war zu erwarten. In seinen Opern treten gehörlose Sänger auf, oft arbeitet er mit der Gebärdensolistin Christina Schönfeld zusammen.

Am 8. März lotet er in der Uraufführung seiner neuen Oper „SehnSuchtMEER oder Vom Fliegenden Holländer“ in Düsseldorf aus, wie weit Wagner „verheutigt“ werden kann. Freimütig bekannte Oehring kürzlich, dass er vor diesem Auftragswerk Wagner kaum kannte und auch „voller Vorurteile“ war. Dann tauchte Oehring in die Wagner-Welt ein, hörte sämtliche Werke, und las viel über und von dem großen Komponisten des 19. Jahrhunderts.

„Wagner ist ein Magier“, stellt Oehring fest und ergänzt: „Wagner war ein schräger Typ.“ Wagner sei nicht vornehm gewesen und in Paris ausgebuht worden. Solche Typen mag Oehring, weil „der auch mal ein Weinglas umgekippt hat, wenn er in Gesellschaft war und sich daneben benommen hat“.

Am Anfang sind die Gebärden

Wenn Oehring sich ans Komponieren begibt, dann denkt er erst einmal in Gebärden. Ab einem bestimmten Punkt lebe er dann nur noch in Klängen. So tief ist Oehring in dem „Paralleluniversum der Klänge“, dass er die Figuren auf der Bühne kaum noch wahrnimmt. In Claus Guth hat er einen erfahrenen Regisseur an seiner Seite, der den kreativen Strom in Bahnen lenkt.

Im Juni setzen Guth und Oehring ihre Zusammenarbeit mit der Uraufführung von „AscheMOND oder The Fairy Queen“ nach der Musik des Barock-Komponisten Henry Purcell für die Berliner Staatsoper fort. Unumstritten sind seine Werke nicht, er wird von den Kritikern auch mal niedergemacht.

Ein Zauberer, der sich an Wagner wagt

Oehring verändert Wagner. Für ihn ist es ein „Tasten und Suchen in der Grammatik Wagners“, um sie „liebevoll ins Heute zu bringen“.
Komponieren hat für Oehring etwas mit „Zauberei“ zu tun. „Ich verzaubere und verwandle das Material.“ Dabei sieht sich Oehring auch als ein „Brückenmensch“, der Verbindungen von einem Sprachufer zum anderen baut, so wie er es jahrelang als Dolmetscher für seine Eltern tat.

„Ich höre mit den Augen“, schreibt Oehring am Anfang seines Buches. „Mit anderen Augen.“


Eine raffinierte Oper, die ratlos macht: SehnSuchtMEER oder Vom Fliegenden Holländer


(dpa)



Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN