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Ich, ich, ich: Bewundert mich!

Immer mehr Menschen brauchen Aufmerksamkeit und Bewunderung in einem Maße, das zwar nicht immer krankhaft, aber narzisstisch ist. Warum ist das so?

Bin ich cool? (Foto: MSB MUSIC GROUP/pixelio.de)

Bin ich cool? (Foto: MSB MUSIC GROUP/pixelio.de)

Narzisstische Menschen fühlen sich besonders, wollen übermäßige Bewunderung, und beanspruchen das Beste für sich. Das Umfeld nimmt solche Menschen ganz anders wahr: Sie nutzen zwischenmenschliche Beziehungen aus, verhalten sich arrogant und sind wenig mitfühlend. Und unsere Gesellschaft ist nach Expertenmeinung der Nährboden für solche Verhaltensweisen.

„Wenn man Erfolg haben will, braucht man narzisstische Eigenschaften“, sagt der Präsident der Psychotherapeutenkammer Bayern, Nikolaus Melcop, in München.

Erfolgsdruck fördert Narzissmus

Auch zu hohe Anforderungen an Kinder und Jugendliche bei fehlender emotionaler Unterstützung begünstigen laut Melcop narzisstische Eigenschaften. Später könne auch eine starke Erfolgsorientierung in der Arbeitswelt dazu führen. Anforderungen an Führungskräfte ähneln oft den Kriterien, die einen Narzissten ausmachen. Von sich übermäßig überzeugt zu sein, werde dadurch gefördert und gefordert.

Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Schmidbauer geht davon aus, dass auch das Internet für Menschen mit narzisstischen Eigenschaften eine große Rolle spiele: Sie seien dort aktiver als andere und nutzten beispielsweise soziale Netzwerke zur positiven Selbstvermarktung.

Selbstdarstellungen im Internet

Sich im Internet darzustellen, sei reizvoll für Menschen mit narzisstischen Eigenschaften, weil jemand, der sich online besonders präsentiere, auch stärker wahrgenommen werde, erklärt Schmidbauer. Reaktionen auf Aussagen oder Inhalte kämen nicht unmittelbar, sondern man sitze „in einer geschützten Hülle zu Hause vorm Computer“. Das setze auch die Hemmschwelle herab, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen.

Bei etwa sechs Prozent der Bevölkerung entwickeln sich die narzisstischen Eigenschaften im Laufe ihres Lebens zu einer narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS).

Ein selbstverliebter Mensch, der großspurig auftritt, ist nicht automatisch krank: „Ein gesunder Narzissmus gehört zum gesunden Menschen dazu“, sagte Melcop.

Wann wird es krankhaft?

Nur wenn eigentlich normale Eigenschaften ein krankhaftes Ausmaß annehmen, ist jemand von der sogenannten narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen. Maßstäbe sind unter anderem Größengefühl, Erfolgsfantasien, Neid oder das Ausnutzen anderer. Um die Diagnose stellen zu können, muss das Verhalten der Betroffenen dauerhaft von der Norm abweichen.

Eine Therapie könne Betroffenen oft helfen, da sind sich Schmidbauer und Melcop einig. Dabei werde am Verhalten gearbeitet und nach der Ursache der Persönlichkeitsstörung gesucht. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kommen häufig aber gar nicht auf die Idee, dass sie eine Therapie brauchen: „Sie erleben sich als jemanden, der unfehlbar ist und keine Hilfe braucht“, sagte Melcop. Oft geben deshalb Eltern oder Angehörige den Anstoß für eine Therapie.

Manche Casting-Kandidaten jahrelang depressiv

Dazu passt auch diese Nachricht: Die Teilnahme an einer Casting-Show ist für manche Kandidaten eine so schlimme Erfahrung, dass sie auch nach Jahren noch depressiv sind. Das ergab eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in München und der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen.

Überlebte die "Supertalent"-Show glücklicherweise ohne Depressionen: Dergin Tokmak (Kinderlähmung seit seinem achten Lebensjahr)

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Vor allem junge Teilnehmer im Alter von erst 16 oder 17 Jahren könnten häufig nicht abschätzen, was es bedeute, bei einer Casting Show wie „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS/RTL) mitzumachen. „Da haben wir wirklich Fälle, in denen wir sagen können, hier ist ein Schaden eingetreten“, sagte die Leiterin der Studie, Maya Götz.

Dauerhaft rufschädigend

Für die Studie wurden den Angaben zufolge erstmals 59 ehemalige Teilnehmer im Alter von 16 bis 34 Jahren befragt. Sie hatten bei Casting-Shows wie „DSDS“, „Das Supertalent“ oder „The Voice of Germany“ mitgemacht. Etwa die Hälfte sah das Erlebnis eher positiv, ein Drittel hatte gemischte Gefühle, und für etwa ein Fünftel war die Teilnahme eine ausgesprochen negative Erfahrung.

Götz sagte, hier drängten sich jugendschutzrechtliche Fragen auf. Die Auftritte seien anschließend für potenzielle Arbeitgeber im Internet abrufbar und somit dauerhaft rufschädigend. Da in den Shows Menschen beurteilt würden, fühle sich anschließend auch jeder aus ihrem Umfeld dazu aufgerufen, ihnen seine Meinung zu sagen.

„Die kommen nach Hause, und jeder erzählt ihnen, was sie falsch gemacht haben», schilderte Götz. Damit umzugehen, sei sehr schwer. Viele unterschätzten die Folgen einer solchen Show mit vielen Millionen Zuschauern.

Wenn sich Menschen vorführen lassen

Problematisch sei auch, dass die Kandidaten von den Machern der Shows in bestimmte Schubladen einsortiert würden. „Man wird in einen Typ reingepresst.“ Dies sei vielen aber während der Aufnahmen gar nicht bewusst – zu ihrem großen Erstaunen und Erschrecken erlebten sie dann bei der Ausstrahlung, wie sie vorgeführt würden.

Eine Kandidatin, die während der Teilnahme 18 Jahre alt war, sagte: „Ich hätte mich niemals dort beworben, wenn ich gewusst hätte, was die mit den Leuten da alles machen, nur um sie blöd darzustellen, nur damit die Leute was zu lachen haben.“

(dpa)

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