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„Ich muss bei Null anfangen“: Ronny Ziesmer will sich in Rio 2016 seinen Traum erfüllen

Seit Jahren arbeitet er als Co-Kommentator für das ZDF, doch nun hegt der Querschnittgelähmte wieder eigene sportliche Ambitionen. Von Andreas Hardt

Ronny Ziesmer bei seiner Arbeit als TV-Kommentator (Foto: Frank May/dpa)

Ronny Ziesmer bei seiner Arbeit als TV-Kommentator (Foto: Frank May/dpa)

In der kommenden Woche kehrt Ronny Ziesmer wieder einmal zu den Turnern zurück. Zu dem Sport, der sein Leben zum größten Teil geprägt hat. In jeder Hinsicht.

Bei den Weltmeisterschaften, die am Montag in Antwerpen beginnen, wird der querschnittsgelähmte Ziesmer als TV-Experte für das ZDF arbeiten und dort „viele alte Bekannte treffen, aber auch einige neue Gesichter“. Und er dürfte in Belgien einmal mehr daran erinnert werden, wie es sich anfühlt, auf der großen Bühne des Spitzensports zu stehen.

Zweimal täglich auf dem Trainingsplatz

Vom speziellen Flair großer Meisterschaften kann und will der 34-Jährige nicht lassen. Die Welt des Spitzensports war über mehrere Jahre sein Alltag, ehe ein Trainingsunfall kurz vor den Olympischen Spielen 2004 seine Karriere als Turner stoppte.

Neun Jahre später schuftet Ziesmer wieder zweimal täglich auf dem Trainingsplatz. Denn der Cottbuser arbeitet intensiv an seiner Rückkehr in den Hochleistungssport. Den Traum von Olympischen Spielen, der 2004 so brutal endete, den will er sich nun 2016 in Rio de Janeiro im Rennrollstuhl doch noch erfüllen. Ziesmer will bei den Paralympics über die Sprintdistanzen von 100 und 400 Meter starten.

„Man muss sich arrangieren“

Vier Monate vor seinem folgenreichen Trainingsunfalll: Ronny Ziesmer (SC Cottbus) beim Weltcup-Turnier im März 2004 in Cottbus an den Ringen ((Foto: dpa)

Vier Monate vor seinem folgenreichen Trainingsunfalll: Ronny Ziesmer (SC Cottbus) beim Weltcup-Turnier im März 2004 in Cottbus an den Ringen ((Foto: dpa)

Selbst wenn er einen Großteil seiner Bewegungsfähigkeit verloren hat, sein Ehrgeiz, der ihn einst zu einem der vielversprechendsten Turner des Landes werden ließ, ist immer noch da. „Wenn man zu den Paralympics will, dann muss man sich quälen. Der Rest der Welt schläft ja auch nicht“, sagt Ziesmer. In Watte gepackt werden will er nicht. Wer nach den Folgen seines Unfalls fragt, erhält die ziemlich pragmatische Antwort: „Man muss sich arrangieren. Das Leben geht weiter.“

Dazu gehört eben auch die Tätigkeit als TV-Experte. Natürlich schaut er bei den Turnern noch genau hin. „Im Turnen ist immer alles möglich. Es muss nur ein kleiner Fehler passieren und schnell ist die Spitzenplatzierung futsch“, weiß er. Und was erwartet er von den deutschen Startern?

„Ich rechne damit, dass Fabian Hambüchen ins Mehrkampffinale kommt und dort auch etwas reißen kann. Auch am Reck, am Barren und am Boden kann er vorn mit dabei sein. Wenn Matthias Fahrig am Boden eine super Übung erwischt, ist er auch vorn mit drin.“

Er hat noch keinen eigenen Rennrollstuhl

Ronny Ziesmer im Rennrollstuhl (Foto: Sparkassen-Finanzgruppe)

Ronny Ziesmer im Rennrollstuhl (Foto: Sparkassen-Finanzgruppe)

In seiner Heimatstadt Cottbus trainiert Ziesmer am Landesstützpunkt für Behindertensport. Nach dem verunglückten Trainingssprung 2004 in Kienbaum und der anschließenden Reha hatte er sich zunächst am Handbike versucht und war damit beim Berlin-Marathon gestartet. Doch seine Chancen auf die Paralympischen Spiele über die 42-Kilometer-Distanz waren gering. Also sattelte Ziesmer um.

„Ich bin hier ein absoluter Newcomer, im Grunde muss ich bei Null anfangen“, sagt er. Anders als im Turnen gehe es in der Leichtathletik außerdem viel um Ausdauerarbeit: „Am Reck dauert die Belastung vielleicht maximal eine Minute. Wenn ich mit dem Rennrollstuhl zehn Kilometer fahre, geht das je nach Geschwindigkeit 30 bis 60 Minuten.“ Auch am Material wolle er weiter feilen, denn noch hat er keinen eigenen, auf ihn maßgeschneiderten Rennrollstuhl.

„Er gibt immer 120 statt 100 Prozent“

Begegnung im Mai 2005 mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (l). Im Hintergrund der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (l-r), Henrik Stehlick (Trampolinturnen) Andreas Wecker (Olympiasieger am Reck) und Anna Dogonadze (Olympiasiegerin Trampolinturnen). (Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Begegnung im Mai 2005 mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (l). Im Hintergrund der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (l-r), Henrik Stehlick (Trampolinturnen) Andreas Wecker (Olympiasieger am Reck) und Anna Dogonadze (Olympiasiegerin Trampolinturnen). (Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Doch der Ehrgeiz des Leistungssportlers – den hat er in sich. Den Willen und die Bereitschaft sich für ein großes Ziel zu quälen. Auch deshalb glaubt Landestrainer Ralf Paulo daran, dass es Ziesmer schaffen kann, auch wenn er mit seiner Bestzeit über 100 Meter von 29,29 Sekunden noch deutlich den 24 Sekunden hinterher fährt, die der Deutsche Behindertensport-Verband in seiner Schadensklasse T 51 wahrscheinlich als Nominierungs-Norm für Rio verlangen wird.

„Ich traue ihm eine ganze Menge zu. Er arbeitet sehr konzentriert an sich und sucht immer nach Möglichkeiten, wenn etwas nicht funktioniert. Er ist jemand, der um alles kämpft und immer 120 statt 100 Prozent gibt“, meint Ralf Paulo.

(dpa)

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