IGeL-Angebote: Geldgeile Ärzte oder sinnvolle Gesundheitschecks?

Selbstzahler-Leistungen für Augeninnendruck-Messung bis Zahnreinigung: Viele Mediziner nutzen die Sorgen ihrer Patienten aus, warnen Krankenkassen.

Ein Vorwurf lautet: Manche IGeL-Angebote können sogar fatale Folgen wie unnötige Operationen haben. (Symbolfoto: Shutterstock)

Ein Vorwurf lautet: Manche IGeL-Angebote können sogar fatale Folgen wie unnötige Operationen haben. (Symbolfoto: Shutterstock)

Man sieht das Näschen, die Arme, die Hände und den Mund, wie er sich öffnet und schließt – per Babyfernsehen können Eltern den Fötus im Mutterleib beobachten. Viele lassen sich davon berühren. Doch bringt der Ultraschall mit der räumlichen Abbildung auch medizinisch etwas? Es ist die bisher letzte der vielen Selbstzahler-Leistungen, die der Medizinische Dienst der Krankenkassen überprüft hat. Das Ergebnis ist so negativ wie bei fast allen dieser Angebote: Einen erkennbaren Nutzen attestieren die Kassenprüfer der Methode nicht.

Dabei werden Patienten immer wieder zu Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) gedrängt, wie etwa ein Beschwerdeportal der Verbraucherzentrale zeigt. Eine Patientin beschreibt hier, wie ihr der Frauenarzt beim ersten Besuch während der Schwangerschaft ein Formular zum Ankreuzen in die Hand drückte. Tests auf Windpocken, Blutzucker, Wunsch-Ultraschall und sieben andere Angebote für jeweils 20 bis 150 Euro konnte sie wählen. „Natürlich möchte ich ein gesundes Kind bekommen“, schreibt sie, „aber braucht man das alles?“ Doch sie traue sich auch nicht, ihrem Arzt alles abzusagen.

Milliardenschwerer Markt

Knapp 20 Millionen IGeL-Leistungen werden laut Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK im Jahr erbracht – mehr als eine Milliarde Euro bekommen die Ärzte dafür. Kein Wunder, dass sie den Sinn dieser hunderten verschiedenen Leistungen verteidigen. Kein Wunder aber auch, dass die Kassen das Feld höchst kritisch sehen. Ihr Anspruch ist: Trotz Kostendrucks erstatten sie alles Nötige.

Wenn es um angeblich zweifelhafte Praktiken der Ärzte geht, ist Peter Pick denn auch nicht zimperlich. Pick ist der Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Kassen-Spitzenverbands, quasi der Herr über Kassen-Überprüfungen aller Art. Er wirft vor allem Frauen- und Augenärzten, Orthopäden, Hautärzten und Urologen vor, besonders oft IGeL-Leistungen auf dreiste Weise verkaufen zu wollen. „In der Branche spricht man von den IGeL-Königen.“ Wie auf dem Basar gehe es in der Arztpraxis dann oft zu. Die Kritik ist nicht neu (siehe dazu ROLLINGPLANET-Bericht: Igelittigitt! Wenn Ihr Arzt zum Verkaufsmonster wird).

Die professionelle Zahnreinigung ist eine etablierte Zusatzleistung – ihr Nutzen aber ebenfalls umstritten. (Foto: Shutterstock)

Die professionelle Zahnreinigung ist eine etablierte Zusatzleistung – ihr Nutzen aber ebenfalls umstritten. (Foto: Shutterstock)

Selbstzahler-Leistungen beim Arzt bringen den Patienten nach Ansicht der Krankenkassen meistens keinen nachweisbaren Nutzen. Die Angebote könnten vielfach sogar schaden, sagte der Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Kassen-Spitzenverbands (MDS), Peter Pick. Die Ärzte setzten ihre Patienten teils unter „aggressiven Verkaufsdruck“, am häufigsten Orthopäden, Hautärzte und Urologen.
Der MDS hat 41 dieser Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) überprüft. Nur 3 wurden „tendenziell positiv“ bewertet: Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne, Lichttherapie bei depressiven Störungen und Stoßwellentherapie bei Fersenschmerz.
Zu den häufigsten Risiken zählen laut den Kassen Fehlalarme bei Ultraschall der Eierstöcke und der Brust zur Krebsfrüherkennung. Die Gefahr sei, dass kleine Tumoren unnötig operiert werden. Keine oder nur geringe Hinweise auf einen Nutzen gebe es beim PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs sowie bei professioneller Zahnreinigung.
Neu untersucht hat der Medizinische Dienst ergänzende Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft, etwa das „Baby-Fernsehen“ in 3D. Das schade nicht – nutze bei Kosten zwischen 20 und 200 Euro aber auch nicht zusätzlich. Mehr als die drei Routine-Ultraschalluntersuchungen seien medizinisch nicht nötig, sagte MDS-Expertin Michaela Eikermann.
Keine neuen Studien gebe es zur häufig angebotenen Messung des Augeninnendrucks zur Früherkennung des grünen Stars. Es bleibe bei der tendenziell negativen Bewertung. Denn die Messung habe nur eingeschränkte Aussagekraft. Patienten könnten verunsichert werden.
Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) kritisierte: „Ein Verkauf von Zusatzleistungen gegen Bargeld kann die Arzt-Patienten-Beziehung negativ belasten.“ Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte: „Viel zu häufig werden Patienten überrumpelt von Angeboten, deren Nutzen oft umstritten ist.“ Nötig sei eine vierzehntägige Bedenkzeit.

Sogar unnötige OP’s als Folge?

Pick ärgert es, wenn Sätze fallen wie: „Das sollte ihnen ihre Gesundheit wert sein“. Aus seiner Sicht ist das so: Wenn sich für den Nutzen einer Methode genug Nachweise in wissenschaftlichen Studien finden lassen, dann sperren sich die Kassen auch nicht. Bei vielen IGeL-Leistungen sei das aber nicht der Fall.

Bei den Untersuchungen während der Schwangerschaft ist es so: Drei Ultraschalluntersuchungen werden angeboten, um mögliche Fehlbildungen oder andere Komplikationen früh zu erkennen. Einschlägige Studien haben bezüglich des Nutzens keine Unterschiede zwischen der spektakuläreren Variante des Babyfernsehens und dem normalen Ultraschall gezeigt. Bei einem anderen Ultraschallverfahren zur Untersuchung der Blutgefäße gibt es zwar Studien, die darauf hindeuten, dass dadurch die Zahl von Totgeburten etwas gesenkt werden kann. Es gibt aber auch andere Studien, bei denen sogar etwas mehr Schwangere mit solchen Untersuchungen eine Totgeburt hatten.

Ähnlich ist das bei anderen häufigen IGeL-Leistungen: Etwa der Messung des Augeninnendrucks – für Hinweise auf einen zusätzlichen Nutzen sei die Studienlage zu dürftig. Patienten könnten dadurch aber sogar verunsichert werden. Oder Ultraschall der Brust zur Krebsfrüherkennung – Studien für einen direkten Nutzennachweis fehlten, doch Frauen könnten unter einem Fehlalarm leiden. Bei entsprechenden Untersuchungen der Eierstöcke warnen die Kassen vor unnötigen Operationen.

Warnung vor Colon-Hydro-Therapie

Ob es um die operative Behandlung des Schnarchens geht, den Thrombose-Check oder Akupunktur bei Spannungskopfschmerz: Überall fehlt es laut den Kassen an Beweisen, dass die Methoden etwas bringen.

Nur vereinzelt geht der Daumen nach oben – wenn die Ferse schmerzt, kann etwa eine Stoßwellentherapie durchaus lindernd wirken. Hier komme derzeit folgerichtig auch ein Verfahren zur Anerkennung als Kassenleistung in Gang, beteuerten die Kassenvertreter. Nur selten warnen die Kassen regelrecht vor einem Angebot. So gibt es bei Verstopfung die Colon-Hydro-Therapie, bei der der Darm in spezieller Weise gespült wird. Eines der Risiken: eine Verletzung der Darmwand.

(RP/mit Materialien von Basil Wegener, dpa)

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