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Ilja Seifert: „Vielleicht schreie ich zu leise – oder Sie hören nicht richtig hin“

ROLLINGPLANET-Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Ilja Seifert (Die Linke): Bereits nach der dritten Frage wurde er wütend. Trotzdem verriet er uns, wie sein Verhältnis zu Wolfgang Schäuble ist und dass er lieber Bier als Wein trinkt.

Ilja Seifert

Das Kurz-Portrait

[spoiler]Der 60-jährige Ilja Seifert, behinderten- und tourismuspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, ist nach Wolfgang Schäuble Deutschlands bekanntester Politiker im Rollstuhl. Aus Wikipedia erfahren wir:

Er ist seit einem Badeunfall 1967 querschnittgelähmt. Der Germanist war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Von März bis Oktober 1990 gehörte Seifert der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an und zählte dann zu den 144 von der Volkskammer gewählten Abgeordneten, die am 3. Oktober 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages wurden.

Nachdem Seifert nach der Bundestagswahl 1994 aus dem Bundestag ausscheiden musste, wurde er 1998 ein weiteres Mal in den Bundestag gewählt. Nach dem Scheitern der PDS an der Fünf-Prozent-Hürde bei der Bundestagswahl 2002 schied Seifert wiederum aus dem Bundestag aus.

Seit 2005 ist er erneut Mitglied des Deutschen Bundestages.

Seifert war 1990 Gründungspräsident des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland Für Selbstbestimmung und Würde e. V. und ist seit 1999 Vorsitzender des Berliner Behindertenverbandes (BBV). Seit 1995 ist Seifert Partner des Sachverständigenbüros Barrierefreies Leben Seifert & Schröder in Berlin.

Darüber hinaus hat er mehrere Lyrikbände veröffentlicht.
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Das Interview

Herr Dr. Seifert, behinderte Menschen und die Linken haben eins gemeinsam: Der größte Teil der Bevölkerung möchte eigentlich am liebsten nicht mit ihnen an einem Tisch sitzen. Was wird zuerst kommen: dass Behinderte vollständig in die Gesellschaft, ins Bildungssystem (Stichwort: Inklusion) und in die Arbeitswelt integriert sind oder dass Die Linke als Partner für eine Bundesregierung salonfähig wird?

Ich möchte gar nicht für irgendeine Regierung „salonfähig“ werden. Es geht um Akzeptanz. Sowohl Menschen mit Behinderungen als auch linke Politikerinnen und Politiker haben spezifische Erfahrungen und Blickwinkel auf die Gesellschaft und ihre Entwicklung. Diese zu nutzen, ist sinnvoll für alle. In einem demokratischen Gemeinwesen müsste es selbstverständlich sein, unterschiedliche Perspektiven nicht nur zu dulden, sondern sie sogar zu wollen.

Wie würden Sie sich einem Blinden beschreiben?

Ich sehe die Welt etwas anders als Du, nämlich eine halbe Etage tiefer.

Was macht Sie als Behinderter besonders wütend?

Solche Fragen.

Welche Gründe könnte es für behinderte Menschen geben, Die Linke zu wählen – wo setzt sich Die Linke mehr für behinderte Menschen ein als andere Parteien?

DIE LINKE ist diejenige Partei, die seit 1990 am konsequentesten dem Selbstvertretungsrecht von Menschen mit Behinderungen Geltung verschafft: In dieser Zeit hatten und haben wir die meisten selbst betroffenen, in der Behindertenbewegung fest verwurzelten Abgeordneten im Bundestag und etlichen Landtagen. Schon das ist ein Alleinstellungsmerkmal und ein Grund, uns auch fürderhin zu wählen.

Aber selbstverständlich haben wir auch weitgehende Konzepte zur Teilhabeermöglichung und zum Ausgleich behinderungsbedingter Nachteile. Diese debattieren wir im parlamentarischen und außerparlamentarischen Raum regelmäßig mit den Betroffenen. Dabei verfolgen wir einen behinderungsübergreifenden Ansatz, der selbstbestimmtes Leben, freie Persönlichkeitsentfaltung und volle Teilhabe ermöglichen soll.

War die Situation behinderter Menschen in der DDR besser oder schlechter als in der Bundesrepublik?

Diese Frage einigermaßen seriös zu beantworten, hieße, mehrere umfangreiche Bücher zu schreiben. Es gibt eben keine einfache Schwarz-Weiß-Antwort.

Bringt ein Internationaler Tag der Menschen, wie ihn die Vereinten Nationen jährlich am 3. Dezember ausrufen, überhaupt etwas?

Ein bißchen schon. Zumindest etwas publizistische Aufmerksamkeit. Das ist mehr als nichts, wenn auch viel zu wenig.

Eine Frage an den Vielfahrer Seifert: Die Deutsche Bahn wirbt immens mit ihrem Mobilitätsservice. Uns wundert allerdings, dass überhaupt kein Aufschrei hörbar wird, weil man sich bei der Bahn mindestens zwölf Stunden vorher anmelden muss, um eine Einstieghilfe zu bekommen. Grenzt das für manche Rollstuhlfahrer, die aus beruflichen Gründen auch mal spontan verreisen müssen, nicht an Berufsverbot? Und auch für andere behinderte Menschen ist das nicht gerade erfreulich, wenn sie nicht spontan reisen dürfen.

Wenn Sie keinen Aufschrei hören, kann das daran liegen, dass viele meiner Bekannten und ich persönlich zu leise schreien. Es kann aber auch daran liegen, dass Sie nicht richtig hinhören. Ich jedenfalls kritisiere das so oft und so laut und wo immer ich kann. Viele andere Betroffene tun das auch. Vielleicht wissen wir zu wenig voneinander?

Sie brauchen uns jetzt keine intimen Details verraten. Uns würde aber trotzdem interessieren: Sprechen Sie mit Herrn Dr. Schäuble auch mal privat über Ihre Behinderungen, so ganz unabhängig von der Politik?

Selten, aber gelegentlich schon. Jedenfalls achten wir uns diesbezüglich gegenseitig. Unsere politischen Differenzen bleiben davon jedoch unberührt.

Und jetzt werden wir doch indiskret: Bei einem Glas Wein?

Ich bin Biertrinker.

Die Frage an den Germanisten, kurz vor Weihnachten: Welches Buch, in dem es um eine/n Behinderte/n geht, sollte ich verschenken?

Egal. In jedem Buch geht es um Menschen, bei den meisten wird nur nicht ausdrücklich hinzugeschrieben, dass sie diese oder jene Beeinträchtigung haben. Das ist wie im „richtigen Leben“, die meisten geben es nur nicht zu.

Was ist Ihr liebstes Gedicht aus Ihrer Feder?

Die Alpen sind
Nicht für mich gefaltet. Berge
Verweigern
Dem Rollstuhl
Den Weg. Aufwärts
Nicht anders
Als abwärts. – Trotzdem
War ich da.

Venedig ist
Nicht für mich gebaut. Kanäle
Tragen
Den Rollstuhl
Nicht. Und viele Brücken
Sind stufig. – Dennoch
War ich da.

Freunde
Traf ich und
Weniger
Erfreute. Die Welt ist
Nicht eingestellt
Auf mich, auf
Meine Lebensweise. – Aber
Ich
        bin
                da!

Herr Seifert, wir danken Ihnen für das Gedicht und die Antworten.

Das Interview wurde per Email geführt

Foto: Wikipedia/dielinke_sachsen. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) lizenziert.

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3 Kommentare

  • Quer

    Sehr interessantes Interview! Aber warum ist er nach der dritten Frage wütend geworden?

    16. Dezember 2011 at 09:43
  • Andrea Kirsch

    Der Mann war mir bisher nie sympathisch. Das hat sich jetzt ein wenig geändert.

    16. Dezember 2011 at 12:44
  • Arnd

    Warum verheimlichen Sie seine Stasi-Vergangenheit ???

    17. Dezember 2011 at 10:00

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