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Illusions-Therapie mit Spiegel verringert Phantomschmerz

(Foto: (Foto: Flickr/Leuthard)

Die Methode hilft Bein- oder Armamputierten dabei, chronische Phantomschmerzen zu verringern. Im Gehirn stimuliert diese Behandlungsform neue Regionen, die ursprüngliche Zentren für Motorik ersetzen, berichten Neurologen der Meduni Wien im Fachmagazin „Fortschritt Röntgenstrahlen“.

(pte) – 250.000 Amputierte leben derzeit in Deutschland. Die Zahl nimmt parallel zum Anstieg der Lebenserwartung und der Diabetes-Fälle jährlich um 25.000 Fälle zu.

Drei von vier Arm- oder Beinamputierten spüren im fehlenden Körperglied Kribbeln oder elektrisierende Schmerzen, sogenannte „Phantomschmerzen“. Mehr als die Hälfte der Betroffenen leidet bis zu fünf Stunden täglich darunter, 28 Prozent sogar Tag und Nacht. Außerdem sind viele Amputierte – 62 Prozent – auch von Schlafstörungen geplagt, wobei dies besonders bei Menschen mit Phantomschmerzen der Fall ist.

„Schlechter Schlaf ist bei Schmerzpatienten allgemein ein Thema, wobei sich ebenso die Schlafqualität auf das Schmerzempfinden auswirkt. Überraschenderweise werden Patienten auch aufgrund von Phantomschmerzen aus dem Schlaf geweckt. Das steht im Gegensatz zur Annahme, dass dieser Schmerz allein im Kopf entsteht, da die Psyche nachts ja ausgeschaltet ist“, so der Wiesbadener Wissenschaftler Uwe Kern.

Oft helfen Medikamente nicht

„Die erste Wahl sind hier Medikamente im Reha-Zentrum oder Krankenhaus, doch bei einem beträchtlichen Anteil der Patienten gehen die Schmerzen nicht völlig weg“, berichtet Stefan Seidel, Neurologe an der Meduni Wien und Leiter der neuen Studie, die im Fachmagazin “Fortschritt Röntgenstrahlen” veröffentlicht wurde.

Die Wirkung einer zusätzlichen Spiegeltherapie untersuchte Seidel bei acht Beinamputierten. In zwölf Sitzungen innerhalb von drei Wochen bewegten die Probanden im Langsitz das gesunde Bein, während ein Spiegel zwischen den Beinen vorgaukelte, auch das andere, amputierte Bein sei noch vorhanden und bewege sich mit. „Ein Faktor des Phantomschmerzes geht auf das Missverhältnis zurück, dass man das verlorene Bein noch spürt, es aber nicht sieht. Hier setzt die Spiegeltherapie an“, erklärt der Forscher.

Heilung durch Umlernen

Erwartungsgemäß verringerte sich der mittlere Schmerz im Verlauf der Therapie in der klinischen Messung deutlich. Neue Ergebnisse lieferte zusätzlich die Messung der Gehirntätigkeit per funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) vor und nach der Behandlung. „Deutlich erhöht war nun die Aktivität im Stirn- und Schläfenlappen. Die beiden Areale sind ursprünglich nicht primär für die Motorik zuständig, sondern für Planung und Kontrolle von Bewegungen und Abläufen“, so Seidel.

Das lernfähige, plastische Gehirn erlaubt somit, Schmerzwahrnehmung durch Verschiebung der Aufgaben zwischen einzelnen Arealen zu verändern. Das Alter des Patienten dürfte dabei keine wichtige Rolle spielen, wurde der Effekt doch bei 30- und 70-jährigen Probanden gleichermaßen beobachtet. „Allerdings verlief die veränderte Gehirnaktivität nicht bei allen gleich. Wenn man das Motor-Netzwerk durch Spiegeltherapie oder andere ‚Mind-Body-Interventionen‘ ganz individuell aktiviert und trainiert, treten deutlich weniger Phantomschmerzen auf.“

Prothese bringt Vorteile

Ein wichtiges Kriterium für die Heilung von Phantomschmerzen ist auch der Gebrauch der Prothese. Wiesbadener Forscher kamen 2009 zu dem Schluss, dass der Schmerz umso eher besiegt werden kann, je verschmolzener sich ein Patient mit der Prothese fühlt.

Die Wissenschaftler befragten seinerzeit 500 Patienten mit Amputation und untersuchten, welche Faktoren zur Ausprägung der Schmerzen im nicht mehr vorhandenen, amputierten Körperteil führen. Die Wahrnehmung der Prothese scheint dabei allein eine Rolle zu spielen, während man bei Geschlecht, Alter, Medikamenteneinnahme und Gewicht keine Zusammenhänge feststellen konnte. „Betroffene brauchen sich laut den Ergebnissen keinen Vorwurf machen, dass sie aufgrund dieser Faktoren den Schmerz verspüren“, erklärte damals Uwe Kern.

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