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Ilya Kaminsky: Der Sound, den wir nicht hören

Ein Kritiker verglich ihn sogar mit einem Nobelpreisträger: Der gehörlose Dichter, den leider noch kein deutscher Verlag entdeckt hat, liest heute beim Poesiefestival Berlin.

Ilya Kaminsky (Foto: University of Arizona)

Ilya Kaminsky (Foto: University of Arizona)

Jeden Sommer verwandelt sich Berlin für zehn Tage in eine Hochburg der Poesie. 100 bis 200 Dichter und Künstler aus aller Welt kommen zum Poesiefestival Berlin und präsentieren aktuelle Tendenzen zeitgenössischer Dichtkunst. Einer von ihnen ist der fast gehörlose Schriftsteller Ilya Kaminsky aus San Diego (USA), der heute Abend in der Akademie der Künste liest.

Das Poesiefestival Berlin beschäftigt sich in diesem Jahr (7. bis 15. Juni) mit dem Thema „Heimat“. Denn: Jeder Mensch hat, hatte oder sucht Heimat, so die Veranstalter. Die Menschen sind umgeben von Menschen, die im Exil leben müssen oder ihr Zuhause aufgegeben haben. Ist eine Sprache zu haben schon Heimat? Und was heißt das alles für die Dichtung?

Was ist Heimat?

Kaminsky hat darauf seine ganz eigenen Antworten gefunden. Er ist in vielfacher Hinsicht ein Heimatsuchender: Er ist ein Mensch mit Behinderung, russischer Kindheit (in Odessa geboren, mit 16 in die USA emigriert), jüdischem Glauben (und jüdischen Dichtern als Vorbildern: Mandelstam, Celan, Isaak Babel) und amerikanischem Lifestyle. „Ich glaube, ein Dichter kommt nicht in einem Land zur Welt. Ein Dichter kommt in der Kindheit zur Welt. Und die Glücklichsten verweilen in diesem Bereich, wie Anna Achmatowa es über Boris Pasternak gesagt hat“, erklärt Kaminsky seine Jugend.

Dancing in Odessa2001 veröffentlichte Kaminsky – mit gerade einmal 24 Jahren – sein erstes Buch: „Musica Humana“. 2004 folgte der Gedichtband „Dancing in Odessa“, sein bisher wichtigstes Werk, das mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem ein Jahr später mit dem renommierten Whiting Writers’ Award der Mrs. Giles Whiting-Stiftung. Seine Gedichte sind im wahrsten Sinne des Wortes poetisch (siehe „That Map of Bone and Opened Valves“ unten), sie erzählen von Kindheit und Krieg, von Glück und Einsamkeit – und sind leider noch nicht auf Deutsch erhältlich. Ein Autor, den leider und zu Unrecht noch kein deutscher Verlag entdeckt hat.

„Ein erschreckend guter Poet“

Der Kritiker John Timpane von der „Philadelphia Inquirer“ verglich ihn in einer Rezession zu „Dancing in Odessa“ sogar mit einem russischen Nobelpreisträger für Literatur: „Wie Joseph Brodsky ist Kaminsky ein erschreckend guter Poet, ein weiterer Poet aus der ehemaligen UdSSR, der das Englische adoptierte, beschämt uns Muttersprachler… (Das Buch) wickelt uns ein in die Welt eines neuen und wunderbaren Poeten.“

Der 36-Jährige, der an der San Diego State University Literatur lehrt und auch als Übersetzer arbeitet, schreibt auf Englisch, eine Sprache, die er nie klar gehört hat. „Ich kannte die Sprache nicht, bevor ich umzog“, erklärt er in einem schriftlich geführten Interview mit der „Berliner Zeitung“. Für ihn war das eine erhebliche Umstellung. Die angelsächsischen Sätze seien grammatikalisch wesentlich strenger organisiert als die slawischen: „Der Sprachwechsel war für mich der Umzug aus einem wilden Basar in ein Opernhaus. Die meisten Dichter würden wilde Basare den Opernhäusern vorziehen.“

Wie erfährt ein Gehörloser Dichtung? „Zu schreiben angefangen habe ich im Russischen. Aber ich bezeichne mich als einen amerikanischen Dichter. Was das heißt? Meine Frau zu küssen ist eine amerikanische Erfahrung. Spazieren gehen. Auswärts essen. Mit meinen Katzen spielen. Mit Freunden sprechen. In Bar-Streitereien verwickelt werden. Zärtlichkeiten austauschen mit dieser konkreten Sprache, die ich dennoch kaum höre.“

(RP)

In diesem Gedicht erzählt Kaminsky von einem Sound, den wir nicht hören…

Ilya Kaminsky: That Map of Bone and Opened Valves

That was the summer we damned only the earth.
That was the summer strange helicopters circled.
We examined each other’s ears, we spoke with our hands in the air—
It is the air. Something in the air wants us too much.
On the second day
helicopters circle and our legs run
in the fever-milk of their own separate silences.
A sound we do not hear lifts the birds off the water where a woman
takes iron and fire in her mouth.
Her husband is trying to make
sense of her face, that map of bone and opened valves.
The earth is still.
The tower guards eat sandwiches.
On the third day
the soldiers examine ears
of bartenders, of accountants, of soldiers, you wouldn’t know
the wicked things silence does to soldiers.
They tear Pasha’s wife from her bed like a door off a bus.
On the sixth day, we damn only the earth.
My soul runs on two naked feet to hear Vasenka.
I no longer have words to complain
my God and I see nothing in the sky and stare up and
clearly I do not know why I am alive.
And we enter the city that used to be ours
past the theaters and gardens past wooden staircases and wrought iron gates
in the morning that puts ringing in our ears.
Be courageous, we say
but no one is courageous
As a sound we do not hear lifts the birds off the water.

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