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In Deutschland gibt es zu wenige barrierefreie Tourismus-Angebote

Eine Expertenanhörung des Deutschen Bundestages verdeutlicht: Die Fremdenverkehrswirtschaft vernachlässigt Menschen mit Behinderung und Senioren.

Aus dem Verzeichnis „Reisen für Alle“: Das Königliche Kurhaus Bad Reichenhall (Bayern) ist für Rollstuhlfahrer und blinde Menschen geeignet und gehört damit zu den Positivbeispielen für barrierefreien Tourismus. Allerdings nehmen laut Experten viele Einrichtungen, Hotels und Anbieter das Thema „Barrierefreiheit“ immer noch nicht ernst. (Foto: Bayern Tourismus Marketing GmbH)

Aus dem Verzeichnis „Reisen für Alle“: Das Königliche Kurhaus Bad Reichenhall (Bayern) ist für Rollstuhlfahrer und blinde Menschen geeignet und gehört damit zu den Positivbeispielen für barrierefreien Tourismus. Allerdings nehmen laut Experten viele Einrichtungen, Hotels und Anbieter das Thema „Barrierefreiheit“ immer noch nicht ernst. (Foto: Bayern Tourismus Marketing GmbH)

Durch den Mangel an behindertengerechten Angeboten entgehen der Fremdenverkehrswirtschaft nach wie vor Umsätze in erheblichem Umfang. Darauf hat der Geschäftsführer der Gesellschaft Bayern-Tourismus-Marketing, Martin Spantig, gestern im Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages hingewiesen.

In einer Expertenanhörung zum Thema „Nachhaltige Wertschöpfung durch Barrierefreiheit“ sprach Spantig von Menschen mit Behinderung, aber auch Senioren und Familien mit kleinen Kindern, die ebenfalls darauf angewiesen sind, in Hotels, Restaurants oder Freizeiteinrichtungen möglichst keine Treppen überwinden zu müssen, als von einer „maßlos verkannten Zielgruppe“. Hier bestehe ein „enormes Nachfragepotenzial“, das bisher nur unzureichend bedient werde.

Großer Bedarf

Spantig bezifferte die Kaufkraft von Menschen, die auf barrierefreie Zugänge angewiesen seien, europaweit auf 780 Milliarden Euro. In Deutschland leben nach seinen Worten zehn Millionen Behinderte, 13 Prozent der Bevölkerung. Einer Umfrage zufolge, die Spantig zitierte, wären über 60 Prozent von ihnen bereit, für passende Urlaubsangebote auch mehr zu bezahlen. Dass sie gerne häufiger verreisen würden, wenn die touristische Infrastruktur auf ihre Bedürfnisse besser eingerichtet wäre, gaben 48 Prozent an. Und 37 Prozent erklärten, sie hätten schon einmal gänzlich auf eine Reise verzichtet, weil sie keine passenden Angebote fanden. „Da liegt der Umsatz auf der Straße und wird nicht abgeholt“, kritisierte Spantig das „Handlungsdefizit“ der Branche.

Unter dem Motto „Reisen für Alle“ betreibt das Deutsche Seminar für Tourismus in Zusammenarbeit mit dem Verein „Tourismus für Alle“ und gefördert vom Wirtschaftsministerium seit 2014 ein Projekt zur Einführung einer bundeseinheitlichen Kennzeichnung behindertengerechter Angebote, an dem sich bisher elf der 16 Bundesländer beteiligten. Auf der zugehörigen Webseite sind bisher knapp 2000 barrierefreie Betriebe und Einrichtungen verzeichnet. Die Bayern-Tourismus-Marketing setzt nach den Worten ihres Geschäftsführers auf die Vorbildwirkung von zehn „Pilotdestinationen“, wo in den nächsten Jahren die Voraussetzungen für ein „barrierefreies Gesamt-Urlaubserlebnis“ entstehen sollen. Schulungsmaterialien und ein einschlägiger „Leitfaden für Touristiker“ sollen den Prozess unterstützen.

Viele Betriebe sind desinteressiert

In Brandenburg gibt es nach den Worten des Geschäftsführers der dortigen Tourismus-Marketing-Gesellschaft Dieter Hütte bereits seit 1998 einen „Reiseführer für Menschen mit Behinderung“ sowie Ratgeber für Bau und Gestaltung barrierefreier Einrichtungen. Seit 2008 sei eine Mitarbeiterin seiner Gesellschaft ausschließlich mit dem Thema Barrierefreiheit befasst, berichtete Hütte. Seit 2010 gebe es auch eine einschlägige Internet-Seite, auf der mittlerweile 879 behindertengerechte Angebote in Brandenburg verzeichnet seien.

Der Initiative zur Einführung einer bundeseinheitlichen Kennzeichnung hat sich das Land bisher dennoch nicht angeschlossen. Bei einer Umfrage in der Branche hätten sich 138 Betriebe gemeldet, von denen 84 bekundeten, daran nicht interessiert zu sein.

Der Vorsitzende des Vereins „Tourismus für Alle“, Rüdiger Leidner, erinnerte daran, dass bereits 2003 eine Studie des Wirtschaftsministeriums ein enormes Umsatzsteigerungspotenzial durch behindertengerechte Angebote ausgewiesen habe. „Wir brauchen aktuelle Zahlen, die die gesamte Wertschöpfungskette im Tourismus berücksichtigen“, forderte Leidner.

(hib/wid)

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3 Kommentare

  • Wolfsspitz

    Solange der Gesetzgeber Barrierefreiheit nicht zwingen Vorschreibt passiert das nicht viel.

    22. Juni 2017 at 21:46
  • Gabriel Nistor

    Kein Wunder, da die Privatwirtschaft NICHT verpflichtet wird. (Entgegen dem UN-BRK, an dem ausgerechnet Deutschland 2006 ratifiziert hat)

    23. Juni 2017 at 08:05
  • Kalli Jakob

    Stimmt

    23. Juni 2017 at 12:03

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