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In Deutschland leben wesentlich mehr Behinderte, als bisher angenommen

Noch mehr behinderte Menschen: Es gibt eine "hohe Dunkelziffer" (Foto: RKB by S.-Hofschlaeger/pixelio.de)

Aktuelle Zahlen zeigen: Es gibt hierzulande mindestens 12,93 Mio. behinderte Menschen – das sind 35 Prozent mehr, als bisher bekannt. Wächst da eine neue Wählermacht heran?

In Deutschland leben 12,934 Millionen mit Menschen mit einer Behinderung. Dies sind 3,34 Mio. mehr als die bisher angenommen 9,6 Mio. Die Gruppe der Schwerbehinderten ist nun 8,05 statt 7,1 Mio. groß. Dies ist ein Plus von 0,95 Mio. oder 13,4 Prozent. Darauf hat Karl Finke, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderungen Niedersachsen, hingewiesen. Allein in seinem Bundesland sind 1,26 Mio. behinderte und 748.000 schwerbehinderte Menschen gemeldet (Stand 31.12.2011).

Die im Dunkeln sieht man nicht

Finke betont, dass viele seelisch behinderte und hörgeschädigte Menschen in dieser Statistik nicht berücksichtigt sind: „„Die im Dunkeln sieht man nicht“, sagt Finke.

Mit den Zahlen sind diejenigen Menschen erfasst, die von ihren Versorgungsämtern einen schriftlichen Bescheid als Mensch mit einer Behinderung erhalten haben. Der Grad der Behinderung (GdB) wird – zwischen 20 und 100 – in Zehnerschritten (nicht mehr in Prozent) bemessen:

• Eine Behinderung liegt vor bei einem GdB von mindestens 20,
• eine Schwerbehinderung ab einem GdB von 50,
• eine Gleichstellung ist möglich ab einem GdB von 30.

Personen mit einem GdB von weniger als 50, aber wenigstens 30 können auf Antrag einem schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden, wenn sie wegen ihrer Beeinträchtigung(en) ohne die Gleichstellung einen geeigneten Arbeitsplatz nicht erlangen oder nicht behalten können.

Auch Gleichgestellte bekommen Schwerbehinderten-Status

Die Gleichstellung wird durch die für den Wohnort zuständige Agentur für Arbeit erteilt. Für gleichgestellte behinderte Menschen gelten die gleichen gesetzlichen Regelungen wie für schwerbehinderte Menschen. Ausnahmen sind Ansprüche auf Zusatzurlaub (§ 125 SGB IX), auf unentgeltliche Beförderung im öffentlichen Personenverkehr und auf die vorgezogene Altersrente für schwerbehinderte Menschen.

Inwiefern die aktuelle Statistiken einen realen Anstieg betroffener Menschen widerspiegeln oder ob es einfach nur mehr erfolgreiche Antragsteller für einen Schwerbehindertenausweis gibt, ist nicht bekannt.

Neue Planungsbasis für Politik und Aktionspläne

Die neuen Zahlen erfordern laut Finke bundesweit eine andere Planungsbasis „für vernünftiges politisches Planen und Handeln im Rahmen von Aktionsplänen und Zuordnung einer Zielgruppe wie behinderte Menschen.“

Zwar sei im allgemeinen Bewusstsein Behinderung häufig mit Rollstuhlnutzern, blinden Menschen und schwerstbehinderten Menschen in Heimen verbunden. Diese stellten jedoch nur einen geringen Anteil dar.

Können behinderte Menschen Wahlen entscheiden?

Karl Finke

„Dem weit größeren Anteil behinderter Menschen sieht man ihre jeweilige Behinderung nicht sofort an. Dennoch ist sie dauernd präsent und für die Lebensqualität jedes einzelnen bestimmend“, sagte Finke. „Da eine Behinderung in der Regel im Laufe des Lebens auftritt und behinderte Menschen sich ihrer Beeinträchtigung stets bewusst sind, spielen sie auch bei Wahlen eine große Rolle“, glaubt Finke möglicherweise etwas zu optimistisch – nach ROLLINGPLANET-Erfahrungen sind sich behinderte Menschen ihrer Macht nicht wirklich bewusst.

„Jede fünfte wahlberechtigte Bürgerin und jeder fünfte wahlberechtigte Bürger ist ein Mensch mit einer Behinderung. Sie alle wollen im Rahmen von Aktionsplänen jetzt bei Arbeit, Schule, Wohnen, Freizeit und Sport mitentscheiden und weg vom gesellschaftlichen Katzentisch am großen Stammtisch von vornherein mitbestimmen, wie es die UN-Behindertenrechtskonvention vorsieht“, so Karl Finke.

Mit 20 Prozent der Stimmen käme man locker in den Bundestag. ROLLINGPLANET grübelt: Mag uns Angela Merkel – die am Wochenende in ihrem Videoblog das Thema „Menschen mit Behinderung“ aufgegriffen hat – etwa gar nicht aufrichtig, sondern sieht in uns nur ein potentielles Stimmenvolk?

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