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„In IT-Firmen laufen mit Sicherheit einige undiagnostizierte Autisten herum“

Eine Betroffene kommentiert die SAP-Ankündigung, in den kommenden Jahren mehrere Hundert Autisten zu Programmierern ausbilden und beschäftigen zu wollen. Von Andrea Bröker

Binär und aus der Reihe getanzt (Foto: Mariocopa/pixelio.de)

Binär und aus der Reihe getanzt (Foto: Mariocopa/pixelio.de)

Siehe dazu auch unsere Berichte Sapperlot! Achtet auf Chancen, nicht auf Defizite und Wie der Software-Gigant SAP Autisten als perfekte Mitarbeiter entdeckte

Ich finde es klasse, dass die Firma SAP Autisten einstellen möchte. Leider haben Menschen mit Autismus oft große Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz gemäß ihrer Qualifikation zu finden und zu behalten, denn viel zu oft werden sie nur defizitär betrachtet.

Aber sie haben neben ihren Einschränkungen auch positive Eigenschaften und mitunter sogar besondere Begabungen, die oftmals nicht oder nur unzureichend wahrgenommen werden. Autisten sind dabei nicht nur detailverliebt, supergenau und teilweise hochspezialisiert, sondern auch gewissenhaft, ehrlich und loyal.

Rahmenbedingungen müssen passen

Stimmen die Rahmenbedingungen, um die autistischen Defizite zu kompensieren (ruhiges Büro, klare Arbeitsanweisungen, verständnisvolle Kollegen etc.), können sie äußerst gute Mitarbeiter sein. Dabei sind Autisten so vielfältig wie alle anderen Menschen auch: manche haben im IT-Bereich ihre Stärken, andere dafür in anderen Bereichen, wie das im Artikel auch erwähnt wird.

Es wäre schade, diese Ressourcen weiterhin ungenutzt zu lassen, und langsam erkennen das auch Arbeitgeber. Wichtig bei der Einstellung von Autisten ist, dass Vorgesetzten und Kollegen das Behinderungsbild Autismus nahe gebracht wird, um Verständnis für das Anderssein ihres autistischen Mitarbeiters zu bekommen und um Missverständnisse in der Kommunikation miteinander gar nicht erst entstehen zu lassen bzw. deutlich zu reduzieren.

SAP-Entscheidung verwundert nicht

Insofern ist das Vorhaben, in den jeweiligen Abteilungen Mitarbeiter als Coaches auszubilden, um zwischen autistischen und neurotypischen Mitarbeitern zu vermitteln, ein guter Ansatz.

Dass ausgerechnet eine große IT-Firma nun mit gutem Beispiel vorangeht und Autisten beschäftigen möchte, wundert mich übrigens nicht.

Denn es ist ja bekannt, dass viele Autisten computeraffin sind und in den IT-Firmen laufen mit Sicherheit neben Computerspezialisten, Nerds und sonstigen Mitarbeitern auch einige undiagnostizierte Autisten herum, die für Kollegen und Vorgesetzte dort ganz normal sind, in einer anderen Sparte womöglich viel mehr auffallen würden. Daher kann ich mir gut vorstellen, dass dieses Projekt von Erfolg gekrönt sein wird.

Unsere Autorin ist 41 Jahre alt, bei ihr wurde 2010 das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Nach einer IT-Fortbildung im Bereich Webdesign und einer Ausbildung zur Bürokauffrau arbeitet sie als Sekretärin bei der Beratungsstelle Autismus Karlsruhe e.V. ROLLINGPLANET wird sie demnächst in einem ausführlichen Interview vorstellen.

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2 Kommentare

  • Gitti Götz

    ich finde das hochspannend. Wir könnten alle was draus lernen, was den Umgang auf der Arbeit mit Menschen angeht, die nicht so ins Schema passen. Ich bin nicht autistisch. Ich mag Menschen, aber nicht zu viele auf einmal. Ich will nicht dauernd quasseln und mir nicht dauernd Gequassel anhören. Die Debatten um das, was auf der Arbeit richtig und gut ist, werden aber dominiert von Leuten, die gerne quasseln. Und die erzählen mir ständig dass ich es falsch mache. Ja, ich hab auch schon viel daraus gelernt und quassle mit, um nicht anzuecken. Ich will mich aber nicht dauernd verbiegen. Akzeptiert doch bitte mal dass ich am liebsten die Tür zumache und mich in meine Formeln vergrabe. Dafür löse ich jedes EDV-Problem für Euch! Ich bin auch super-teamfähig. Ich mobbe niemanden und tratsche nicht, dafür ist mein Interesse an Menschen viel zu gering. Ich bin absolut pflegeleicht, brauche nur meine Ruhe, ab und zu ein bisschen Lob und will nicht dauernd hören, dass ich irgendwie komisch bin. Sorry, dass das jetzt so lange geworden ist, aber es musste mal raus!

    22. Mai 2013 at 11:51
  • Andrea Bröker

    Ich kann das absolut verstehen. Ich als Autistin mag Sozialkontakte (es ist ein Gerücht, dass Autisten keine Freunde haben (wollen)), aber nicht zu viele, so dass es mich nicht überfordert. Mal mit Kollegen quatschen ist schön, zu wissen, sie sitzen nebenan ist gut. Aber auch einfach in Ruhe seine Arbeit machen zu können ist ebenfalls schön. Es kommt halt immer auf das richtige Maß an. Was in manchen Firmen an Getratsche abgeht (womöglich bis hin zum Mobbing jener Kollegen, die da nicht mitziehen), so dass man sich fragt, wo da die eigentliche Arbeit bleibt, ist echt krass. Ich bin froh, dass ich inzwischen einen Arbeitsplatz habe, der für mich ideal ist.

    22. Mai 2013 at 13:39

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