Industrie 4.0: Eine Chance für die Arbeitswelt von behinderten Menschen?

Größter bundesweiter Kongress zum Thema Arbeit und Behinderung findet im September in Chemnitz statt.

Experten sind überzeugt: Digitalisierung, 3-D-Animationen und sprechende Benutzeroberflächen im Computer werden die Arbeitswelt dramatisch verändern. (Foto: Shutterstock)

Experten sind überzeugt: Digitalisierung, 3-D-Animationen und sprechende Benutzeroberflächen im Computer werden die Arbeitswelt dramatisch verändern. (Foto: Shutterstock)

ROLLINGPLANET hat noch nie einen Hehl daraus gemacht: Die Institution Werkstätten für Menschen mit Behinderung sehen wir skeptisch – aber den nachfolgenden Terminhinweis wollen wir nicht boykottieren: es geht, zweifellos, um wichtige Fragen – nämlich zur Arbeitswelt 4.0. Das ist aus unserer Sicht jedenfalls für Menschen mit Behinderung ein sehr viel zukunftsträchtigeres und sinnstiftenderes Thema als, sagen wir mal, für die Rüstungsindustrie tätig zu sein.

Welche Chancen und Risiken bieten die neuen technischen Möglichkeiten von Industrie 4.0 für die Arbeitswelt von behinderten Menschen? Werden sie benachteiligt werden oder eröffnen sich gerade durch die Digitalisierung, 3-D-Animationen und sprechende Benutzeroberflächen im Computer neue Perspektiven? Dies ist ein Impulsthema des größten bundesweiten Zukunftsforums zum Thema Arbeit und Behinderung mit über 90 Veranstaltungen, Workshops und Diskussionsrunden. Der Fachkongress „Werkstätten:Tag 2016“ findet vom 20. bis 23. September in Chemnitz statt.

Veranstalterin der alle vier Jahre stattfindenden Konferenz ist die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM). Schirmherrin 2016 ist die Bundesministerin für Arbeit und Soziales Andrea Nahles.

Forum für behinderte und nicht behinderte Menschen

Erwartet werden zirka 2.000 Teilnehmer, behinderte und nicht behinderte Menschen: Werkstattbeschäftigte, Fachkräfte und Geschäftsführer der Werkstätten. Sie alle kommen ins Gespräch mit namhaften Repräsentanten aus den Bereichen Soziales, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Das Programm ist in Zusammenarbeit mit den Werkstattbeschäftigten und ihrer Interessenvertretung – den Werkstatträten Deutschland – entstanden. 300.000 Menschen mit geistigen, körperlichen und psychischen Behinderungen sind in rund 700 Werkstätten an 2.700 Standorten bundesweit tätig. Sie werden von rund 70.000 Fachkräften angeleitet. Träger der Werkstätten sind kirchliche Verbände und Wohlfahrtsverbände.

Mehr ausgelagerte Arbeitsplätze als Ziel

Martin Berg, Vorstandsvorsitzender der BAG WfbM, sieht die Flexibilisierung der Arbeitsprozesse als wichtige Entwicklung für die Zukunft: „Unsere Kernaufgabe ist es, Angebote zur Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit körperlichen, geistigen und psychischen Behinderungen zu gestalten, für die es sonst kaum Angebote gibt. Dies kann auch unabhängig vom Ort der Werkstatt geschehen. Wir engagieren uns dafür, dass zunehmend Arbeitsplätze direkt in die Industrieunternehmen ausgelagert werden können.“

Arbeitswelt 2030: Wie Roboter behinderten Menschen helfen

Zukunftsforscher diskutieren mit den Werkstätten und kooperierenden Wirtschaftsunternehmen, wie die Arbeitswelt 2030 aussehen könnte. Wissenschaftler stellen ihre Projekte und Visionen vor, wie Assistenzroboter behinderte Menschen bei ihrer Arbeit unterstützen, um mehr Teilhabe zu ermöglichen. Die Werkstatträte werden ihre Wünsche für die Zukunft als Ergebnis aus einem Workshop präsentieren. „Wir setzen uns für gute Möglichkeiten zur Ausbildung und Weiterbildung, mehr Mitbestimmung sowie faire Arbeitsbedingungen ein“, betont der 1. Vorsitzende der Werkstatträte Deutschland, Johannes Herbetz.

Behinderte Menschen qualifizieren: Vorbild Sachsen

Eine Säule des Fachkongresses ist das Thema Bildung und Qualifizierung. „Bildung ist die Grundvoraussetzung, um Menschen mit Behinderungen eine berufliche Perspektive zu eröffnen“, betont Berg. Hier geht das Gastgeberland des „Werkstätten:Tag 2016“, der Freistaat Sachsen, mit gutem Beispiel für ganz Deutschland voran. 19 Werkstätten des Diakonischen Werks Sachsen haben hier mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Sachsen, drei Förderschulen, der Handwerkskammer sowie der Bundesagentur für Arbeit standardisierte Bildungsrahmenpläne erarbeitet. Dazu wurden 69 Praxisbausteine definiert, die es behinderten Menschen möglich machen, eine nachvollziehbare und anerkannte berufliche Qualifizierung zu erwerben – unter anderem für Hotel, Gaststätten und Hauswirtschaft, Reinigungs- und Entsorgungsberufe, Lagerlogistik, Textilverarbeitung und Büroberufe. „Uns ist damit ein großer Schritt in der Weiterentwicklung der Angebote beruflicher Bildung in Richtung allgemein gültiges Ausbildungssystem gelungen“, so Matthias Dieter, Referent der Behindertenhilfe der Diakonie Sachsen.

Das komplette Programm des Werkstätten:Tag 2016 ist im Internet veröffentlicht unter: www.werkstaettentag.de

(RP/PM)

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1 Kommentar

  • Lynkas

    Ich will nicht in Hotel, Gaststätten und Hauswirtschaft, Reinigungs- und Entsorgungsberufen, Lagerlogistik, Textilverarbeitung und Büroberufen arbeiten! Das sind langweilige, mich unterfordernde Tätigkeiten, die mir von der Helferlobby, die gerne definiert, was Behinderte zu wollen haben, schöngeredet werden!Warum sind es denn immer diese Berufe, die ich als Behinderte gefälligst zu machen habe?

    16. Juli 2016 at 13:40

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