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Inklusion: Die Lehrer können das Meckern einfach nicht lassen

Gymnasiallehrer warnen die Politik davor, die Teilnahme behinderter Kinder am Regel-Unterricht durchzudrücken. ROLLINGPLANET-Mitarbeiter Thorsten Springer fordert: Hausaufgaben machen, basta.

Wer darf mitmachen? (Foto: Jürgen Jotzo/pixelio.de)

Wer darf mitmachen? (Foto: Jürgen Jotzo/pixelio.de)

Ich habe einen Wunsch. Mein Kind soll als Erwachsener kein Bedenkenträger sein, sondern ein fröhlicher Mensch.

Ich möchte, dass mein Kind eines Tages in seiner Schule lernt, offen zu sein für Neues, auch wenn es zunächst gefährlich oder kompliziert erscheinen mag. Ich möchte, dass mein Kind eines Tages bei erforderlichen Veränderungen nicht „Geht nicht“ oder „zu kompliziert“ brüllt, sondern mit einem „Schwierig, aber klar, wo ein Wille, da ein Weg“ und „Gemeinsam packen wir das schon“ Spiritfähigkeit erlernt. Ich zweifle mittlerweile, dass es die richtigen Lehrer treffen wird.

Oberstudiendirektoren treffen sich

Schon wieder jammern sie, dass das alles nicht geht. Bereits seit Monaten trommeln Lehrergewerkschaften gegen Inklusion. Und heute wird die Meckerei fortgesetzt. Gymnasiallehrer warnen die Politik davor, die Teilnahme behinderter Kinder am Regel-Unterricht durchzudrücken.

„Wir sind in den Schulen weder räumlich noch personell darauf vorbereitet“, sagte der Vize-Chef der Bundesdirektorenkonferenz (BDK), Hugo Oettinger, der dpa. Damit gemeinsamer Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern funktioniere, bräuchten Gymnasien die entsprechende personelle, räumliche und finanzielle Ausstattung.

Vom kommenden Mittwoch (6.3.) an treffen sich die Oberstudiendirektoren aus allen Bundesländern zu ihrer Frühjahrskonferenz in Karlsruhe. Die 25 Teilnehmer wollen dabei vor allem die „Möglichkeiten und Grenzen“ der Inklusion diskutieren.

Furcht vor Veränderungen und Mehrarbeit

Natürlich sind die Bedenken der Lehrer teilweise berechtigt. Sie fürchten, von der Politik im Stich gelassen zu werden, die zwar die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben hat (welche die Inklusion vorschreibt), ohne allerdings vorher das finanzielle und organisatorische Ausmaß der damit verbundenen Maßnahmen durchgedacht zu haben. Andererseits drängt sich der Eindruck auf: Sie wollen einfach nicht ihre Hausaufgaben machen, unsere Lehrer. Sie fürchten sich vor dem, was kommt, was sie nicht kennen, was mehr Arbeit machen könnte.

Sie vergessen dabei möglicherweise: In der Mehrheit der Fälle sind Menschen mit Behinderung nicht so kompliziert in der Schule – wenn alle an einem Strang zögen und mehr Enthusiasmus zeigten, würde es mit der Inklusion in Deutschland auch schneller klappen.

Da müssen sich Lehrer beispielsweise nicht einbilden, dass sie fünfzig Fortbildungskurse besuchen müssen, ehe sie einen behinderten Schüler unterrichten können. Vielleicht bin ich auch naiv, wenn ich glaube, dass Pädagogen mit ihrer Grundausbildung plus gesundem Menschenverstand eigentlich in der Lage sein sollten, sich auf Menschen, die nicht ganz dem Schema F entsprechen, einstellen zu können. So ist das eben mit den Hausaufgaben: Lästig und manchmal hart, aber gemacht werden müssen sie trotzdem.

(RP/mit Materialien von dpa)


Zum Themenschwerpunkt Schule und Inklusion


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8 Kommentare

  • Katharina

    „Damit gemeinsamer Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern funktioniere, bräuchten Gymnasien die entsprechende personelle, räumliche und finanzielle Ausstattung. “
    In dem Punkt muss ich ihnen aber Recht geben: Damit das mit der Inklusion gut funktionieren wird, müssen nicht nur Befehle gegeben, sondern auch die nötigen Mittel und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Da muss die Politik Geld in die Hand nehmen, sonst wird das nichts werden.

    2. März 2013 at 14:06
  • Willi Schroeder

    Nur weil Lehrer die Herausforderung nicht annehmen wollen, sollen Menschen mit Behinderungen das Abitur nicht machen können ??? Das verstehe wer will … Ich nicht !!!

    2. März 2013 at 15:09
  • Thomas Schuler

    Prinzipiell: Inklusion ist richtig und wichtig, ja.

    Aber: Manche Zeilen des Autors sind meiner Meinung nach schlicht populistisch.

    Zitat 1: „In der Mehrheit der Fälle sind Menschen mit Behinderung nicht so kompliziert in der Schule.“
    Soso. Was bitte heißt denn „nicht so kompliziert“? Und in welcher Hinsicht? Finanziell, baulich, verhaltensmäßig, methodisch-didaktisch? Oder wie?
    Hatte der Autor schon mal einen pubertierenden verhaltensauffälligen Schüler vor sich? Oder einen mit schwerer mehrfacher Behinderung? Mit ausgeprägtem Autismus, Mutismus oder ADHS? Oder auch alles zusammen?

    Zitat 2: „Pädagogen [sollten] mit ihrer Grundausbildung plus gesundem Menschenverstand eigentlich in der Lage sein, sich auf Menschen, die nicht ganz dem Schema F entsprechen, einstellen zu können.“
    Mit Verlaub, ja dieser Glaube ist naiv.
    Menschen mit Behinderung entsprechen nunmal nicht nur nicht ganz dem Schema F. Und gesunder Menschenverstand kann den individuellen Ansprüchen und Bedürfnissen der Vielzahl von Behinderungen nicht gerecht werden. Die Basis dafür kann nur eine professionelle Ausbildung legen.

    Nochmal: Inklusion ja, gar keine Frage. Aber sie derart auf die leichte Schulter zu nehmen halte ich für verantwortngslos!

    2. März 2013 at 16:05
  • Helge Blankenstein

    Immer wieder hört man Bedenken in Zusammenhang mit Inklusion.
    Bedenken zu haben ist richtig und wichtig. Sind Diskussionen doch Grundlage für Veränderungen.
    Wenn Bedenken aber übertrieben, unsachlich und nur aus Angstmacherei bestehen, dann sind sie nicht zielführend.
    Zunächst ist einmal festzuhalten, dass die Rechte von Schülern mit Behinderungen seit Bestehen der Bundesrepublik nicht beachtet wurden. Erst die UN Behindertenrechtskonvention hat die Politiker darauf gebracht, dass man über viele Jahre gegen Artikel des Grundgesetzes verstoßen hat.
    Ferner ist es wichtig festzuhalten, das fast jeder Lehrer, jede Schule Ängste haben, Schüler mit Behinderungen in der Klasse unterrichten zu müssen. Ein solches Szenario ist gewollt und entspricht, zum Glück für unsere Gesellschaft, nicht einmal ansatzweise der Realität. Nach vorsichtigen Berechnungen, würde in einer von Hundert Klassen ein Schulkind mit „geistiger Behinderung“ unterrichtet werden müssen, sollten alle Eltern darauf Wert legen, dass ihr Kind in einer Regelschule beschult werden würde. Denn eines wird gern vergessen. Die Förderschulen sind weiter vorhanden und die freie Schulwahl wird dafür sorgen, dass diese auch genutzt werden.
    Es ist dagegen schon eine bodenlose Unverschämtheit, wenn sich ein Bildungsminister, wie der aus Mecklenburg-Vorpommern, anlässlich eines Inklussionskongresses dazu hinreißen lässt, ein Szenario zu zeichnen, welches vor Menschenverachtung auf Stammtischniveau basiert. So erklärte er, dass der Sohn eines Arztes, automatisch ein intelligenterer Mensch ist und durch ein Kind aus einer, wie er es bezeichnet, bildungsfernen Familie, das Fortkommen des angeblich schlauen Arztkindes behindern würde. Wenn man solch eingeschränktes Denken propagiert, ist weiter von der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen auszugehen.
    Inklusion ist ungeeignet durch politischen Willen diktiert zu werden. Zunächst sollte man feststellen, wie viele Kinder mit motorischen und/oder sinnesbedingten Einschränkungen überhaupt an den Regelschulen beschult werden würden.
    Ferner ist es wichtig festzustellen, ob sich es unsere Gesellschaft überhaupt leisten kann, diesen Menschen Bildung zu verwehren. Denn es hat sich gezeigt, dass Schüler mit einer guten Schulausbildung, auch im späteren Leben nicht in Verwahranstalten enden, sondern auf dem 1. Arbeitsmarkt, nicht selten in gut bezahlten Positionen, tätig sind. Also somit zum volkswirtschaftlichen Einkommen beitragen.
    Warum kommt es einem so vor, als ob einige Protagonisten sich vehement gegen die Bildung von Kindern mit Behinderung sträuben? Kann es sein, dass die Wirtschaft in weiten Kreisen auf eine große Zahl von schlecht ausgebildeten Menschen aufbaut und eine Unterschreitung schlecht wäre? Oder ist es nur die Angst, vor einem wachsenden Selbstbewusstsein der Menschen mit Behinderungen?
    Genau betrachtet ist die Inklusionsdebatte doch nur durch jahrelanges gesetzeswidrige Verhalten notwendig geworden.
    Ach so. War Albert Einstein, ein gefeierter Vordenker und ausgemachter Mathematiker, nicht Autist?
    Helge Blankenstein
    Institut Impuls – sozialintelligentes Management

    2. März 2013 at 23:02
  • Thorsten Springer

    Hallo Thomas Schuler,

    ich hoffe doch sehr, dass mein Beitrag populistisch ist – in dem Sinne, dass ich nicht der einzige bin, der sich Inklusion wünscht.

    Zu Zitat 1: “In der Mehrheit der Fälle sind Menschen mit Behinderung nicht so kompliziert in der Schule.”
    => „Hatte der Autor schon mal einen pubertierenden verhaltensauffälligen Schüler vor sich? Oder einen mit schwerer mehrfacher Behinderung? Mit ausgeprägtem Autismus, Mutismus oder ADHS? Oder auch alles zusammen?“

    Nein, hatte der Autor nicht. (Ich habe ein behindertes, vierjähriges Kind.) Ich wäre möglicherweise viel zu ungeduldig dafür, aber deswegen bin ich genauso wenig Lehrer geworden wie z.B. auch Frauen und Männer nicht in den Dienstleistungsbereich gehen sollten, wenn sie nicht lächeln können. Von einem Lehrer kann ich also erwarten, dass er auch mit einer „schwierigen Klientel“ zurecht kommt.

    „Oder auch alles zusammen?“ Es wird immer schwierige „Fälle“ geben, aber wieso wird immer der Eindruck erweckt, als würden nun Menschen mit Behinderung wie die Hunnen die Schulen überrennen? Ich bleibe bei der Ansicht: Die Mehrheit der behinderten Schüler ist „finanziell, baulich, verhaltensmäßig, methodisch-didaktisch“ nicht so herausfordernd. Und selbst wenn? Muss so etwas unsere Gesellschaft nicht leisten können, egal ob im Alltag oder in der Schule?

    Zu Zitat 2: “Pädagogen [sollten] mit ihrer Grundausbildung plus gesundem Menschenverstand eigentlich in der Lage sein, sich auf Menschen, die nicht ganz dem Schema F entsprechen, einstellen zu können.”
    => „Die Basis dafür kann nur eine professionelle Ausbildung legen.“
    Man braucht für alles ein Diplom und, wie ich in meinem Beitrag geschrieben habe, 50 Fortbildungskurse? Das klingt mir nun wieder sehr Deutsch.

    2. März 2013 at 23:45
  • Thomas Schuler

    Lieber Herr Springer,

    Dann wären wir schon mindestens zwei, die sich Inklusion wünschen 🙂
    Ich selbst wurde „inkludiert“ und war schon „damals“ (vor 15 Jahren) am Gymnasium kein Einzelfall. Insofern: Ja, Inklusion funktioniert.
    Ich weiß allerdings nicht, ob man von einem Lehrer mit dem jetzigen Ausbildungsstandard der Uni wirklich verlangen kann, mit allen Schüler „zurecht“ zu kommen.
    Das ist die eine Seite.

    Die andere Seite: kommen alle Schüler mit einem Lehrer zurecht, der nicht einmal Grundwissen über Schüler mit handicap mitbringt? Erst gestern erlebt: Ein Grundschullehrer mit 2. Staatsexamen findet an den Grundschulen keine Stelle, wird aber an einer Schule für geistig behinderte Schüler wegen akutem Lehrermangel genommen. Zitat des Lehrers bei der Beschreibung seiner Schüler: „Ja und der eine, der hat sich den Hals irgendwie verätzt und hat da jetzt so ein Röhrchen im Hals und immer jemanden dabei, der halt auf ihn aufpasst.“
    Mir stellt es bei solchen Äußerungen ALLES auf. Weder Wissen um den Sinn der Krankenschwester als Idividualassistenz, geschweige denn medizinisches Wissen über Folgen einer Kanülenversorgung.
    Sicher kann man jetzt (teils zu Recht) auf den Lehrer zeigen und sagen „der soll sich auch mal selber fortbilden“, andererseits sollte vielleicht auch in der Ausbildung angesetzt werden.

    Überrennen werden Schüler mit Behinderung die normalen Schulen sicher nicht, denn diejenigen Schüler, die leicht inkludierbar sind, die sind schon auf diesem Weg über Außen-/Kooperationsklassen & Co.
    Was noch kommt sind die Schüler, die im Moment schon sich mit dem Thema befassten Förderschullehrer vor Herausforderungen stellen (mehrfache und schwere Behinderungen nur als Beispiel).
    Hier frage ich mich: erfährt ein solcher Schüler in einer Klasse mit 20 anderen Schüler und einer „normalen“ Lehrkraft eine angemessene Förderung?
    Nach dem, was ich gestern wieder beschrieben bekommen habe, fürchte ich: nein.

    Ihr Kind und jedes andere mit einem Handicap hat eine Lehrkraft verdient, das sich mit den Behinderungen seiner Schüler auskennt um sie angemessen fördern zu können.
    Und dieses Wissen muss nunmal zuerst vermittelt werden, egal ob schon in der Uni für alle Schulrichtungen oder im Rahmen einer Fortbildung.
    Egal ob es deutsch klingt oder nicht….

    3. März 2013 at 09:59
  • Frank Fahr

    Moin, bin Asperger. Ich gehe davon aus das hier einige nicht wissen wovon Sie sprechen. Insoweit sei Ihnen verziehen.
    Der Auto ist schlichtweg Naiv.

    Denn Inklusion stimmt nur auf dem Papier und für einige Behinderungen ist mehr nötig als nur eine Rampe bauen. Hier muß die Gesellschaft noch viel „mit gesunden Menschenverstand“ an sich arbeiten. Populismus und Sprüche helfen da nicht wirklich.

    Ob man es hören will oder nicht, dafür muß Geld und Fortbildung und die Hand genommen werden.

    Sonst wird das für einen Teil der Behinderten nix ……

    6. März 2013 at 13:47
    • Reinhold Drees

      …….. Ist es für einen Asberger normal wenn er seinem Willen nicht durchsetzen kann, das der Stiefsohn von einem Asberger kranken Patienten, angezeigt wird?

      Ist es normal das “ Freunde“ anonym bei der Polizei angeschwärzt werden? Haben Asberger keine Eier in der Hose? Ist es wahr das Asberger nur ihr eigenes krankhaftes Ego durchziehen? Das selbst die Ehefrau bei dem Nachbarn sich ausheulen muss weil, sie das Asberger Männchen nicht mehr ertragen kann, gehört das auch zur Krankheit dazu? Kann man das mit einer Co- Abhängigkeit mit Alkoholerkrankten vergleichen?

      Mit freundlichen, beobachtenden Grüßen
      Ihr . . . . . . .. Auge

      14. September 2013 at 13:50

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