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Inklusion im Sport – es geht nicht nur um Markus Rehm

In zahlreichen deutschen Ligen gibt es den Wettstreit zwischen behinderten und nichtbehinderten Athleten. Ein Überblick von Andreas Schirmer

Jochen Wollmert jubelt über Gold bei den Paralympics 2012 in London – und spielt ansonsten auch gegen Nichtbehinderte (Foto: dpa)

Jochen Wollmert jubelt über Gold bei den Paralympics 2012 in London – und spielt ansonsten auch gegen Nichtbehinderte (Foto: dpa)

Im Schatten von Behindertensport-Ausnahmeathleten wie Oscar Pistorius oder Markus Rehm gehört die Inklusion in einer Reihe von Sportarten zum Alltag. Ob im Bogenschießen, Handball, bei den Sportschützen, im Schwimmen, Volleyball oder Tischtennis: Gehandicapte kämpfen von der Kreis- bis zur Bundesliga gegen nichtbehinderte Athleten.

„Man muss sich in einer Klasse einordnen, wo die Leistungsfähigkeit zwischen Behinderten und Nichtbehinderten eine Vergleichbarkeit zulässt“, sagte Frank-Thomas Hartleb, Sportdirektor des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) am Dienstag.

DBS-Präsident Beucher warnt vor Diskriminierung im Fall Rehm


Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa/lhe)

Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes Friedhelm Julius Beucher (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa), hat davor gewarnt, Sportler mit Behinderungen von Wettkämpfen mit Nichtbehinderten auszuschließen. „Wenn im Regelwerk von Sportverbänden der Einsatz von Prothesen verboten wird, wäre das eine Diskriminierung“, schrieb Beucher in einem Beitrag für die morgige Ausgabe des Berliner „Tagesspiegel“. Beucher bezog sich auf den Fall des unterschenkelamputierten Weitspringers Markus Rehm, über dessen Teilnahme bei der Leichtathletik-EM am Mittwoch entschieden wird.

Zwar müssten auch in Rehms Fall mögliche Wettbewerbsverzerrungen durch den Einsatz der Prothese überprüft werden. Die eigentliche Debatte reiche jedoch weit über technische Aspekte hinaus. Die Kernfrage ist für Beuchert: „Kann ein Handicap, das ja immer ein Nachteil ist, zum vermeintlichen Vorteil werden?“ Beucher sprach sich auch gegen die Verwendung des Begriffs „Technik-Doping“ aus. Dieser sei ein „Kampfbegriff“ und wirke „hässlich und diskriminierend“.

Vorbild Jochen Wollmert

Im Tischtennis ist Jochen Wollmert (49) ein Beispiel, wie ein gemeinsames Sporttreiben auf höherem Niveau möglich ist. Der dreifache Paralympics-Sieger im Einzel wechselte im Juni vom TV Mosbach zum deutschen Rekordmeister Borussia Düsseldorf. Die Rheinländer sprachen von einem tollen Coup.

„Jochen Wollmert ist ein berühmtes Beispiel für gelebte Inklusion. Er wird bei uns sowohl mit Nichtbehinderten in der Verbandsliga spielen, als auch im Behindertensport in der Landesliga“, sagte Borussias Geschäftsführer Jo Pörsch. Als Inklusion wird die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen bezeichnet.

Wollmert, der von Geburt an versteifte Hand- und Fußgelenke hat, hatte zuvor auch mit Mosbach in der Badenliga und Oberliga gegen Nichtbehinderte gespielt. Zu seinen Teamkollegen zählte der frühere Doppel-Weltmeister Steffen Fetzner. Parallel schlug Wollmert im Behindertensport für den RBS Solingen auf und gewann zehn deutsche Mannschaftstitel. „Jetzt kehre ich in die Verbandsliga zurück“, sagte der 49-Jährige, der sich bei der Borussia fit machen will, um bei den Paralympics in Rio „ein Wörtchen um die Medaillen“ mitzureden.

Inklusion bei den Bogen- und Sportschützen

Fortgeschritten ist die Inklusion im Bogenschießen und bei den Sportschützen. Der Deutsche Schützenbund (DSB) hat sogar beschlossen, dass Behinderte bis hin zur Bundesliga in der Kategorie Luftgewehr und Luftpistole gleichberechtigt gegen gesunde Athleten antreten können.

Im Bogenschießen startete einst der Geraer Mario Oehme, Paralympics-Sieger im Team 1996 und Einzel 2004, auf Weltklassebene oft bei den Nichtbehinderten, konnte seinen Traum von einer Olympia-Teilnahme aber nicht realisieren. Das gelang 1996 der Italienerin Paola Fantato 1996. Ergebnis: Gold bei den Paralympics sowie Platz 54 bei den Sommerspielen in Atlanta.

Ein Meilenstein bei den Schwimmern

Kirsten Bruhn (Foto: Rainer Jensen /dpa)

Kirsten Bruhn (Foto: Rainer Jensen /dpa)

Beim Internationalen Schwimmfest in Essen vom 17. bis 20. Juli traten Behinderte und Nichtbehinderte zwar nicht gegeneinander an, aber die Wettkämpfe wurden abwechselnd durchgeführt. Mit dabei war Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn. „Das ist eine größere Bühne von ideellem Wert, weil wir jetzt inklusiv zusammen starten. Das ist etwas, was mir viel bedeutet“, sagte sie. „Das ist ein Meilenstein. Behindert zu sein ist nichts Schlechtes, es ist anders.“

Ein deutscher Schwimmer mit Handicap konnte sich bisher nicht für Olympia qualifizieren. Dafür die beinamputierte Südafrikanerin Natalie du Toit, die 2008 in Peking über 10 Kilometer auf den 16. Platz kam.

Handball und Motorsport

Im Handball machte sich der einarmige Torwart Matthias Thiemann einen Namen. Trotz der Behinderung spielte er einst in der Regionalliga für den TV Korschenbroich.

Ein weiteres Beispiel, dass man mit nichtbehinderten Sportlern mithalten kann, ist der ehemalige Formel-1-Pilot Alessandro Zanardi. Bei einem ChampCar-Unfall 2001 auf dem Lausitzring verlor Zanardi beide Beine oberhalb der Knie. Nachdem der Italiener zwischenzeitlich im Handbike bei den Paralympics Gold gewann, versucht er in diesem Jahr das Comeback im Motorsport in einem BMW Z4 GT.

Dass das Aufsehen um den unterschenkelamputierten Markus Rehm nach seinem Weitsprung-Coup bei den deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten, die Inklusion vorantreibt, sieht der DBS auch zwiespältig. „Es bringt den Behindertensport in die Öffentlichkeit“, meinte Hartleb, „doch sollte sich herausstellen, dass die Beinprothese Rehm einen Vorteil beim Titelgewinn gebracht hat, könnte es zu einer neuen Diskussion stehen. Wie steht der paralympische Sport dann da?“

„Politische Entscheidung“


Markus Rehm (Foto: Agentur Heimspiele)
Markus Rehm (Foto: Agentur Heimspiele)

Einen Tag vor Bekanntgabe des EM-Aufgebots wächst im Fall Rehm der Druck auf den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und der Zweifel an einer wissenschaftlich belegbaren Entscheidung.

„Es kann keine datenbasierte und seriöse Beurteilung sein“, erklärte Gert-Peter Brüggemann, Biomechaniker an der Deutschen Sporthochschule in Köln, am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. „Es ist und muss eine politische Entscheidung sein.“ DLV-Präsident Clemens Prokop widerspricht dem nicht: „Im Spannungsfeld zwischen Inklusion und Chancengleichheit ist der Chancengleichheit zum Schutz des Wettbewerbs der Vorrang einzuräumen.“

(dpa)

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