Inklusion: Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Theorie trifft auf Praxis: Laut der Bertelsmann-Stiftung sind noch große Anstrengungen nötig, Experten vor Ort verweisen dagegen auf die Erfolge und den Faktor Zeit. Von Carsten Linnhoff

Gilt als beispielhaft für gelungene Inklusion: die Kettelergrundschule in Bonn (Foto: Kettelergrundschule)

Gilt als beispielhaft für gelungene Inklusion: die Kettelergrundschule in Bonn (Foto: Kettelergrundschule)

Die Kettelergrundschule in Bonn ist etwas Besonderes. Hier werden die Schüler jahrgangsübergreifend unterrichtet. Der Anfänger in der 1. Klasse lernt gemeinsam in einer Gruppe mit den Viertklässlern. Damit aber nicht genug. Die Schule treibt das Thema Inklusion bereits seit 2006 intensiv voran. Zu dieser Zeit war die Forderung nach gemeinsamem Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern noch lange nicht in der öffentlichen Diskussion. Erst 2009 gilt in Deutschland eine entsprechende UN-Vereinbarung.

Dass die Schwächeren von den Stärkeren lernen, setzt die Ganztagsschule in Bonn also auf mehreren Ebenen erfolgreich um. Die Jüngeren lernen von den Älteren und Behinderte von Nichtbehinderten. Beide Seiten profitieren. Immer mehr Grundschulen und Kitas folgen diesem Prinzip. Das belegt eine am Donnerstag vorgestellte Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach stieg die Inklusionsquote seit fünf Jahren bis zum Schuljahr 2013/2014 um über 70 Prozent auf 31,4 Prozent.

Wissenschaft und Praktiker uneins

Dieser positive Trend setzt sich allerdings nicht über alle Bildungsstufen fort. Bei Realschulen und Gymnasien ist das Inklusionstempo wesentlich geringer. Diese Schulformen erreicht nur knapp jeder Zehnte der rund 71 400 Schüler mit Förderbedarf in Deutschland. Bei den Grundschulen sind es bereits 47 Prozent.

Ist das Glas also nun bundesweit halb leer oder halb voll? Hier streiten sich Wissenschaft und Praktiker.

Elisa Rissmann ist eine von drei Sonderpädagogen an der Kettelergrundschule in Bonn. Ungefähr jedes dritte Kind bekommt hier eine spezielle Förderung. „Unsere Schule tut viel. Aber dies zu dritt zu bewältigen, ist eine Herausforderung“, sagt Rissmann. An anderen Schulen werde Inklusion hingegen kaum gelebt. Genau deshalb findet sie es schwer, die Situation mit Quoten zu verallgemeinern. „Natürlich kann ich verstehen, dass man gerne den Fortschritt in Zahlen sehen möchte, aber das Ganze ist ein Riesenprojekt – das dauert“, sagt die Pädagogin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Kritik an der Bertelsmnn-Studie

Eine ähnliche Kritik äußert auch Matthias Löb an der Studie der Bertelsmann-Stiftung. Der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe muss einen Spagat bewältigen. Sein Kommunalverband betreibt in Nordrhein-Westfalen 35 Förderschulen, die ausschließlich Schüler mit besonderem Bedarf aufnehmen. Gleichzeitig steigt der gesellschaftliche und politische Druck, die Inklusionsquote an Regelschulen zu steigern.

„Ärgerlich ist an der Studie, dass nur auf die Rückständigkeit verwiesen wird und nicht auf die Erfolge, die wir haben“, sagt Löb. Inklusion brauche Zeit. „Es kann nicht alles sofort kommen. Wir reden doch ernsthaft erst seit drei bis vier Jahren über dieses Thema.“

„Ehrliche Sichtweise“ gefordert

Löb fordert neue Denkansätze. Auch in Bezug auf die Förderschule. „Ich frage mich, warum dieses spezielle pädagogische Konzept, bei dem ja in der Regel zwei speziell ausgebildete Fachkräfte mit nur einer Handvoll Schülern arbeiten, in der Diskussion keine Rolle mehr spielt.“ Löb gibt zu bedenken: „Wir halten die Kinder ja nicht krankhaft bei uns fest. Aber mittlerweile kommt jedes 3. Kind, das bei uns ist, von einer Regelschule zu uns zurück.“

Der Praktiker fordert eine ehrliche Sichtweise ein. „Nur 1 bis 3 Prozent der Schüler mit Förderungsbedarf schaffen es auf einen Ausbildungsplatz und bekommen später dann auch einen Arbeitsplatz. Das ist viel zu wenig. Es zeigt aber, dass nicht jeder Schüler alles leisten kann“, sagt Löb.

Die Bertelsmann-Stiftung fordert einen größeren finanziellen Einsatz. „Zu oft scheitert gemeinsames Lernen an mangelhafter Infrastruktur und unzureichender Ausbildung der Lehrer“, sagt Jörg Dräger vom Stiftungs-Vorstand. Löb schlägt in die gleiche Kerbe: „Die Bedingungen, die wir heute an Förderschulen haben, werden wir in den Regelschulen noch nicht in zehn Jahren haben.“

(dpa)

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