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„Inklusion ist ein anderer Blick auf den Menschen“

Grüne in Rheinland-Pfalz machen sich für Integration behinderter Kinder in Regelschulen stark und halten eine Fachtagung in Mainz ab. Von Gisela Kirschstein

Grünen-Bildungsexpertin Ruth Ratter sagt: „Wir wollen, dass die Verschiedenheit der Kinder nicht zu einer Ausgrenzung führt“ (Foto: Ruth Ratter)

Können Kinder verschiedener Lernstufen und Behinderungen gleichzeitig in Mathematik unterrichtet werden? „Das ist eigentlich super einfach“, sagt Franz Strupp. Man nehme nur mal eine Pyramide: An dem Dreieck könnten die einen Kinder die Winkel berechnen, die anderen die Flächen. Und für eine dritte Gruppe Kinder sei eine Pyramide einfach „ein buntes Gebäude, aber die wissen dann wenigstens, dass es eine Pyramide gibt“, sagt der Mathematiklehrer.

Strupp ist stellvertretender Direktor der Integrierten Gesamtschule (IGS) „Anna Seghers“ in Mainz. 900 Schüler hat die Schule, 84 davon haben eine motorische Behinderung, sind hör- oder sehbehindert oder haben eine Lernschwäche. Die Integration solcher Kinder in den ganz normalen Unterricht einer Regelschule, die sogenannte Inklusion – an der IGS „Anna Seghers“ leben sie das schon seit gut 20 Jahren.

Verschiedenheit soll nicht zu Ausgrenzung führen

Die rheinland-pfälzischen Grünen machen sich genau für dieses Modell stark. „Wir wollen, dass die Verschiedenheit der Kinder nicht zu einer Ausgrenzung führt“, sagt die Grünen-Bildungsexpertin Ruth Ratter heute in Mainz. Jeder Mensch habe Stärken und Schwächen, jeder müsse aber auch das gleiche Recht auf den gleichen Zugang zu Bildung haben. Das gebiete auch die 2009 verabschiedete Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen.

Auf einer Fachtagung diskutieren die Grünen nun mit Wissenschaftlern, Lehrern und Eltern, wie die Inklusion in der Praxis umgesetzt werden kann. Die Ergebnisse sollen in die Entwicklung eines Inklusionsgesetzes im Landtag einfließen.

Inklusion, das sei vor allem „ein anderer Blick auf den Menschen“, sagt der Integrationsexperte der Grünen, Fred Konrad. Viele Kinder hätten Nachteile beim lernen. Der Ausgleich dafür werde in Deutschland aber auf den Privatbereich abgeschoben, etwa bei der Nachhilfe. Ein „Nachteilsausgleich“ sei aber auch im ganz normalen Schulsystem möglich – er bedeute schlicht, dass jedes Kind individuell aufgrund seiner Stärken und Schwächen gefördert werde. Eine Schule, die jedem Kind gerecht werde, sei keine anforderungsfreie Schule, sondern fordere und fördere jedes Kind eben individuell, betont Konrad.

Schulen nicht gut ausgestattet

Genau das bestreitet die Opposition in Rheinland-Pfalz: Die CDU kritisiert, nicht jedes beeinträchtigte Kind könne an allen Regelschulen unterrichtet werden, dafür seien die Schulen im Land nicht gut genug ausgestattet. Dem widerspricht das Bildungsministerium: 640 Vollzeitstellen würden jetzt schon für die inklusive Schulform an rheinland-pfälzischen Schwerpunktschulen zusätzlich eingesetzt, weitere 200 Stellen sollten bis 2016 dazu kommen. Bis dahin könnten, so das Ministerium, 40 Prozent der behinderten Kinder im Land an Regelschulen unterrichtet werden. Derzeit sind es bereits 25 Prozent der insgesamt 19.700 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Rheinland-Pfalz liegt damit jetzt schon über dem Bundesdurchschnitt von 22,3 Prozent. Das lobt auch die Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, Jutta Allmendinger. Die Professorin rechnet zudem vor, dass Inklusion letztlich auch billiger sei: 85 Prozent der Schüler auf Förderschulen machten keinen Schulabschluss und deshalb auch keine Berufsausbildung. Das bedeute für diese Menschen „eine lebenslange Alimentierung“. Die Kosten dafür aber seien wesentlich höher als die für eine Betreuung während der Schulzeit, argumentiert die Expertin.

Allmendinger plädiert deshalb dafür, dass die Betreuung dem Kind folgen müsse und nicht umgekehrt. Das würde sich auch die IGS „Anna Seghers“ wünschen: Medizinische Hilfen durch Ergotherapeuten oder Logopäden wären zwar eigentlich notwendig, die Schule könne dies aber nicht anbieten, sagte Schulleiter Harry Poignie. „Wir fühlen uns manchmal nicht in der Lage, die Kinder richtig zu fördern“, sagt er. Wunsch der Schule wäre deshalb ein echtes Unterstützungszentrum mit allen Experten. „Wenn die Therapie in die Schule kommen würde, das wäre optimal“, fügt er hinzu.

(dapd)

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