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Inklusion: Kein Gymnasium für Kinder mit Down-Syndrom?

Was tun mit sogenannten geistig Behinderten, die das Abitur nicht schaffen? Ein Fall aus Baden-Württemberg sorgt für Diskussion.

Der Viertklässler Henri, ein Kind mit Down-Syndrom, malt in seinem Aufgabenheft. Nach dem Willen der Mutter soll er auf ein Gymnasium gehen  (Foto: dpa)

Der Viertklässler Henri, ein Kind mit Down-Syndrom, malt in seinem Aufgabenheft. Nach dem Willen der Mutter soll er auf ein Gymnasium gehen (Foto: dpa)

Und es geht doch: Der Spanier Pablo Pineda ist der weltweit erste Mensch mit Down-Syndrom, der die Universität absolvierte. Seine Erfahrungen flossen in dem Film „Me Too“ ein (ROLLINGPLANET berichtete: Me Too – Wer will schon normal sein?).

Davon ist Henri noch weit entfernt. Er will ganz normal sein. Vier Jahre lang hat er gemeinsam mit seinen Klassenkameraden gelernt und gespielt. Nach der Grundschule möchte der Elfjährige mit Down-Syndrom nun gerne wie seine Freunde aus Walldorf in Baden-Württemberg aufs Gymnasium wechseln.

Allerdings, so weiß auch die Mutter, könnte er dem Unterricht geistig nicht folgen und hätte daher ein anderes Lernziel als das Abitur – es wäre einer der ersten Fälle dieser Art auf einem Südwest-Gymnasium. Die Schule lehnt das bislang ab (ROLLINGPLANET berichtete: Der Inklusionsskandal von Walldorf).

Henris Mutter Kirsten Ehrhardt ist völlig klar, dass ihr Sohn nie Abitur machen könnte. Darum gehe es aber auch gar nicht. „Er soll mit den Kindern zusammenbleiben, die er kennt“, fordert sie. „Die Normalität, die wir jetzt vier Jahre lang aufgebaut haben, würde sonst verloren gehen.“

Eltern protestieren

Das Gymnasium fühlt sich an den Pranger gestellt. Seit Jahrzehnten würden hier auch körperlich behinderte Kinder unterrichtet, sagt die Vorsitzende des Elternbeirats, Regina Roll. Allerdings seien diese – anders als Henri – in der Lage, dem Unterricht geistig zu folgen. Die Lehrer könnten dem Jungen momentan nicht gerecht werden. „Sie haben keine sonderpädagogische Ausbildung.“ Am Gymnasium herrsche auch ein ganz anderes Tempo als an der Grundschule. Die Förderung, die Henri brauche, könne er hier nicht bekommen, sagt Roll.

Mutter Ehrhardt ist anderer Ansicht – schließlich stehe ihrem Sohn ein Sonderpädagoge zur Seite. Sie sieht ein grundsätzliches Problem: „In den weiterführenden Schulen ist das Thema Inklusion noch gar nicht angekommen.“ Die Schulleitung des Gymnasiums in Walldorf bei Heidelberg will sich öffentlich nicht mehr zu dem Fall äußern. Inzwischen versucht die Landesregierung, in dem festgefahrenen Streit zu vermitteln.

Vor fünf Jahren trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Damit verpflichtete sich Deutschland, die Inklusion an den Schulen umzusetzen. Ziel ist es, Kinder mit Behinderung genauso zu fördern wie Lernschwache, Migranten und Hochbegabte. Da Bildung Ländersache ist, gelingt die Umsetzung je nach Bundesland unterschiedlich gut.

Der Fall Henri sei "ein fatales Signal und eine große Enttäuschung für Eltern von Kindern mit Handicap", sagt Baden-Württembergs Gerd Weimer (Foto: dpa)

Der Fall Henri sei „ein fatales Signal und eine große Enttäuschung für Eltern von Kindern mit Handicap“, sagt Baden-Württembergs Gerd Weimer (Foto: dpa)

Die Umsetzung der Inklusion brauche mehr Zeit als erwartet, kritisierte kürzlich der Landes-Behindertenbeauftragte Gerd Weimer. Der Walldorfer Fall sei „ein fatales Signal und eine große Enttäuschung für Eltern von Kindern mit Handicap“. „Dies zeigt, dass wir rasch rechtlich Klarheit im Schulgesetz brauchen, damit Betroffene sich nicht weiter als Bittsteller fühlen müssen, sondern ihr verbrieftes Recht auf Gleichberechtigung und Teilhabe geltend machen können.“

Lehrer sind sich nicht einig

An Henris Grundschule habe der gemeinsame Unterricht bislang gut funktioniert, sagt Schulleiter Werner Sauer. „Ich weiß nicht, ob Henri auf einer Sonderschule so viel gelernt hätte.“ Er will keine Schulempfehlung für den Jungen abgeben, betont aber: „Mir wäre daran gelegen, dass es in irgendeiner Form weitergeht, auf einer Regelschule.“ Sonst fühle er sich veräppelt, sagt der Schulleiter. „Wir haben da so viel Zeit, Herzblut und Nerven reingesteckt.“

Der Leiter des Karlsruher Max-Planck-Gymnasiums, Uwe Müller, versteht die Vorbehalte des Walldorfer Gymnasiums. An seiner Schule besucht ein Jugendlicher mit Down-Syndrom die sechste Klasse. „Ich bezweifle, dass es gut ist für den betroffenen Schüler.“ Die Lehrer seien anfangs optimistisch gewesen, inzwischen aber ernüchtert und frustriert. In der Sonderschule würde der Schüler Dinge lernen, die er fürs Leben wirklich brauche, zum Beispiel kochen, den Busfahrplan lesen oder eine Fahrkarte kaufen, sagt Müller. „Bei uns lernt er Latein und Mathematik, der er nicht folgen kann.“

(RP/Christine Cornelius/dpa)

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8 Kommentare

  • Mister Marple

    Ich kann zwar die Haltung der Mutter verstehen, aber auch die Haltung der Schule. Soziale Beziehungen sind schön und gut, aber wenn der Junge gar nichts lernt – und das scheint die Konsequenz zu sein – was soll er dann auf dem Gymi? Nur damit er in den Pausen mit seinen Kumpels rumhängen kann?

    7. April 2014 at 13:09
  • Chris Stern

    Ich bin da auch sehr zwiegespalten.
    Vier Jahre Grundschule- und ALLE Klassenkameraden gehen auf DIESES Gymnasium?
    Da ist also kein Kind dabei, das eine andere Schulform besucht?
    Und- falls doch, wie sieht es dann mit diesen Kindern aus?
    Werden diese Kinder diskriminiert, weil sie „nur“ eine Empfehlung für die Hauptschule haben (weil sie leistungsmäßig nicht so stark sind)?
    Müsste dann im Grunde genommen nicht JEDER Schüler aufs Gymnasium gehen?
    Und danach?
    Jedes Studium für jeden? Ungeachtet der Eignung, Neigung, etc.?
    Das sollte nochmal überdacht werden…

    7. April 2014 at 14:06
  • Mrhansa CG

    Ganz ehrlich : ein nachweislich geistig Behinderter hat auf einem Gymnasium nichts verloren. Damit wird das Kind doch auch nicht glücklich. Die Leute schaffen es doch nicht mal jemanden der eine abgeschlossene Berufsausbildung hat zu intigrieren!! ( rede von mir)

    7. April 2014 at 14:29
  • Alicia Richter

    Es gibt einen spanischen Lehrer in pädagogischen Psychologie mit Down Syndrom und er hat auch einen Universitätsabschluss!

    7. April 2014 at 15:02
  • Barbara Doppler

    Die Förderung muß auf das Kind abgestimmt werden: wer studieren kann und will bitteschön egal welche Behinderung vorliegt, aber das hier kommt mir vor als würde man aus einem Rollifahrer unbedingt einen Marathonläufer machen wollen. Ich finde es ja schon super, dass in dieser Schule körperbehinderte Kinder selbstverständlich unterrichtet werden. Klasse!!

    7. April 2014 at 15:57
  • David Siems

    Ob es denn gleich das Gymnasium sein muss, sei dahingestellt. Aber man sollte auf jeden Fall überprüfen, ob Henri einen regulären Schulabschluss bewältigen kann. Auch ein Hauptschulabschluss wäre ein Erfolg.

    8. April 2014 at 13:22
  • soschu

    In Artikel 5, Abs. 4, der UN-Konvention steht: „Besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, gelten nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens.“ Und Förderschulen gehören zu diesen besonderen Maßnahmen! Auch Artikel 24 der Konvention, in dem es um Bildung geht, spricht nicht von einem inklusiven, gleichen Schulwesen. Die Konvention enthält keinerlei Aussagen, wie deutsche Schulen gegliedert sein sollen, geschweige denn fordern sie die Schließungen von deutschen Förderschulen!
    Inklusion macht nur dann Sinn, wenn das Recht auf Bildung auch im Rahmen der Inklusion für jeden Schüler gewährleistet wird. In den Förderschulen gibt es kleine Klassen, jedes Kind wird da abgeholt, wo es steht.
    Warum also soll man ein gut laufendes System einfach mir nichts dir nichts abschaffen?
    Der Grundgedanke „Inklusion“ ist gut. Aber bei diesen Planungen wird Kindern mit Lernproblemen die Aussicht auf ein gutes Schulleben genommen. Was für eine Zukunft haben sie dann?

    9. April 2014 at 19:01
  • G. Reck

    Diese aberwitzige Diskussion ist nur die ganz natürlich Folge der falschen Regelung, dass die Eltern über den Übertritt ans Gymnasium entscheiden dürfen. Natürlich fordern dann Eltern von absolut ungeeigneten Schülern aus Gründen der Gleichbehandlung dieses Recht ein. Falls man das Gymnasium retten will, muss wieder die Leistung entscheiden und sonst nichts. Dann hätte sich diese Diskussion erübrigt.

    Im Übrigen habe ich Frau Eckhardt bei Günther Jauch gesehen und habe das Gefühl, dass sie einfach nicht wahrhaben will, dass ihr Kind behindert ist, und deshalb ihre Augen vor der Realität verschließt. Man kann doch auch nicht fordern, dass ein Rollstuhlfahrer aus Gründen der Inklusion Stürmer bei der örtlichen Fußballmannschaft wird, weil alle seine Freunde da auch Fußball spielen.

    19. Mai 2014 at 02:55

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