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Inklusion und blabla

Götz Aly

Götz Aly (Screenshot eines YouTube-Videos)

Der Historiker Götz Aly entlarvt ein Modewort – und wünscht sich weniger Bedeutungshuberei der Blender.

ROLLINGPLANET hat sich schon mehrfach dazu bekannt, allergisch gegen den neuerdings ständig verwendeten Begriff „Inklusion“ zu sein. Das ist schlecht, wenn man ein Magazin für behinderte Menschen macht – denn hier geht es nicht ohne „Inklusion“.

So hat selbst ROLLINGPLANET seinem Schülerschreibwettbewerb den Titel „Inklusion und Menschen mit Behinderung“ verordnet, nicht ohne jedoch darauf hinzuweisen: „Die in unserer ‚Szene‘ allgegenwärtige Diskussion um Inklusion ist uns vielfach zu abgehoben. Und beschert uns zu viele Floskeln, die keinem helfen.“

Wenigstens einer versteht uns: Götz Aly. In einer Kolumne, die sowohl in der „Frankfurter Rundschau“ als auch der „Berliner Zeitung“ erschien, wehrt er sich: „Inklusion heißt das neue Modewort. Aber Bedeutungshuberei war schon immer ein beliebtes Spiel der Blender.“ Er schreibt:

Inklusion? Aus der mittelalterlichen Klostergeschichte kenne ich Inklusen. Als solche wurden Mönche und Nonnen bezeichnet, die sich für ihr restliches Leben einmauern und einmal täglich ein karges Mahl durch einen Schlitz reichen ließen, um dem Gottesreich ungestört entgegenzubeten. Sie entfernten sich freiwillig, brachen radikal mit der Menschenwelt.

Aly zitiert aus einem Gespräch mit einem Freund:

„Du weißt doch, unser schwerbehinderter Sohn Markus ist jetzt 33. Ja, bei all der Last, es war schön mit ihm. Unser Staat stellt enorme Hilfen bereit – Pflegegeld, Grundsicherung, Tagesförderstätte, Familienhelfer, Transport –, aber jetzt werden wir selber gebrechlich. Tragen, Pflegen, die Grundanspannung, die kurzen Nächte, das wird zu viel. Wir suchen eine Unterbringung für Markus – eine schwere, aber notwendige Entscheidung.“ – „Ein Behindertenheim?“ – „Nein“, entgegnete mein Freund, „was früher Behindertenheim und später betreute Behinderten-WG genannt wurde, heißt jetzt „Inklusionsprojekt für Menschen mit besonderen Bedürfnissen“. – „Einfacher wird die Entscheidung nicht.“ – „Aber schöner verpackt“, murmelte mein Freund, „in Wortblasenfolie.“

Die Uno, erklärt Aly, speise das „Inklusionsblaba“: Das englische „inclusion“ der Behindertenkonvention darf nicht als Integration in die deutsche Übersetzung.

Ganze Kolumne lesen: Diskurs der Wortblasen

Der in Heidelberg geborene Götz Haydar Aly (64) war auch Journalist. Der mehrfach ausgezeichnete Historiker beschäftigt sich vor allem mit den Themen Euthanasie, Holocaust und Wirtschaftspolitik der nationalsozialistischen Diktatur.

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1 Kommentar

  • A.Ullrich

    Der Staat stellt Hilfen bereit???? der Staat tut so, als stelle er sie bereit. Erst wenn man wirklich betroffen ist, dann merkt man, wie der Sozialstaat Deutschland blendet. Alles nur nach außen schöne Bilder, aber nichts dahinter. Was für eine Farce!!!

    Inklusion mit Einmauern zu vergleichen ist ebenso dumm, wie jetzt zu jammern, dass kein Geld da ist, um endlich auch behinderten Menschen zu ermöglichen, Abschlüsse zu machen und am normalen Leben teilzunehmen.

    Vor Jahren hat Deutschland die Konvention unterschrieben und getan wurde nichts, jetzt soll es wieder Hau-Ruck gehen und da kann man Lehrer und Eltern ja wunderbar gleichermaßen gegen die böse Inklusion aufbringen.

    20. April 2012 at 14:17

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