Ins Abseits gestellt

Böses Foul: DFB will keine Menschen mit Rollatoren oder Down-Syndrom – wie passt das zu den lauten Inklusionsbekenntnissen des Verbandes? Von Max Kramer

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (Foto: Daniel Karmann/dpa)

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) inszeniert sich gerne als besonders modern, tolerant und inklusiv. So verkündete der DFB-Präsident Gerhard Niersbach im vergangenen Sommer auf der verbandseigenen Internetseite vollmundig: „Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, möglichst vielen Menschen mit Behinderungen einen Zugang zum Fußball zu ermöglichen“.

Große Worte, die in das geradezu makellose Außenbild des größten Einzelsportverbands der Welt passen. Handelt es sich dabei nur um Phrasendrescherei oder steckt tatsächlich mehr dahinter? Die Rollator-Nutzerin Lisa Kowalski (Name von der Redaktion geändert) hat dazu ein klares Urteil: „Der DFB redet zwar immer von Inklusion, in der Realität ist davon aber keine Spur zu sehen!“ Was war passiert?

Kowalski, von Kindheit an leichte Spastikerin und seit zwei Jahren auf einen Rollator angewiesen, ist Frauenfußballfan und besucht regelmäßig Spiele verschiedener Clubs und Nationalmannschaften. Als am 1. Mai 2015 mit dem DFB-Pokal-Finale der Frauen in Köln ein Highlight im Fußballkalender ansteht, will die 60-Jährige unbedingt mit von der Partie sein, auch wenn sie dafür eine für sie beschwerliche Anreisezeit von eineinhalb Stunden sowie Ticketkosten von 20 Euro auf sich nehmen muss.

Ende März wendet sie sich deswegen per E-Mail an den Ticket-Service des DFB mit der Bitte, ihr für die Begegnung im RheinEnergieStadion eine Karte zukommen zu lassen, die ihrem Handicap gerecht wird. Als Antwort kommt zunächst – nichts.

Wenn Behinderte nerven: Nachhaken hilft

Fußball DFB-Pokal Frauen Finale: Turbine Potsdam – VfL Wolfsburg am 1. Mai 2015 im RheinEnergieStadion in Köln. Wolfsburgs Trainer Ralf Kellermann feiert mit seinen Spielerinnen, vorne Alexandra Popp (l.) und Torfrau Almuth Schult, den Gewinn des DFB-Pokals. (Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Fußball DFB-Pokal Frauen Finale: Turbine Potsdam – VfL Wolfsburg am 1. Mai 2015 im RheinEnergieStadion in Köln. Wolfsburgs Trainer Ralf Kellermann feiert mit seinen Spielerinnen, vorne Alexandra Popp (l.) und Torfrau Almuth Schult, den Gewinn des DFB-Pokals. (Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Eine Woche später fragt die eingefleischte Ruhrpottlerin nach und erhält schließlich am Abend des selben Tages eine Auskunft, die sie, wie sie im Gespräch mit ROLLINGPLANET sagt, „emotional stark belastet und getroffen hat“. In der E-Mail des DFB, die uns vorliegt, heißt es: „Ein Zugang mit Rollator ist nicht gestattet.

Man könne ihr lediglich einen regulären Randplatz, der per Krücken über mehrere Stufen erreichbar sei, oder eine „Rollstuhlkarte“ anbieten, für die man aber wiederum in einem Rollstuhl erscheinen müsse. Kowalski reagiert schockiert, sagt, sie habe damit überhaupt nicht gerechnet: „Das ist Ausgrenzung pur! Weder die eine noch die andere Option kam für mich infrage, da ich auf meinen Rollator angewiesen bin und behinderungsbedingt unmöglich auf Krücken gehen kann; einen Rollstuhl besitze ich auch aus finanziellen Gründen nicht. Ich fühlte mich deshalb mehr als veräppelt, das war eine Beleidigung!“

War der Traum vom DFB-Pokal-Finale also ausgeträumt? Und das nur, weil man auf einen Rollator, der den Betroffenen Stabilität und Sicherheit gibt, angewiesen ist? Mitnichten! Kowalski bohrte nach, kontaktierte unter anderem die Behindertenbeauftragte des 1. FC Köln – und bekam letztlich eine Karte für den Rollstuhl-Bereich. Warum bei den DFB-Stellen doch noch ein Umdenken erfolgte, weiß sie nicht. „Es ist ein Armutszeugnis, dass man als Rollator-Nutzerin erst drei Mal nachfragen muss, um die gleichen Rechte wie jeder andere Mensch auch zu bekommen. Das zeigt mir letztlich, dass man in diesem Bereich durchaus immer etwas machen kann – wenn man denn nur will.“

Ordner nicht sensibilisiert für Menschen mit Behinderung

Nach kurzer Zeit war die heiß ersehnte Karte schließlich da, dem Besuch des Spiels zwischen dem VfL Wolfsburg und Turbine Potsdam (Endstand 3:0) stand also nichts mehr im Wege. Ende gut, alles gut? Leider nicht, denn auch im Stadion selbst kam es Kowalski zufolge zu einem unerfreulichen Zwischenfall: Als sie sich während der Halbzeitpause an eine Absperrung stellt, damit die Reihennachbarn möglichst problemlos wieder an ihre Plätze gelangen können, wird sie von einem der Ordner unwirsch aufgefordert, sich hinzusetzen, da sie die Sicht auf das Spielfeld verdecke – und das, obwohl das Spiel noch nicht einmal wieder angepfiffen worden war. „Ich war so baff, dass ich mich kommentarlos auf meinen Platz begab. Als ich mich schließlich umdrehte, sah ich zahlreiche Leute, die an ähnlichen Absperrungen standen. Warum durfte ausgerechnet ich das nicht?“ Nach dem Spiel habe sie den betroffenen Ordner angesprochen – seine Reaktion? „Gab es nicht, nullkommanull!“, so Kowalski.

Wie ist die Rechtslage? Tatsächlich wird Rollator-Nutzern der Zugang zu zahlreichen Fußballstadien erschwert oder bisweilen sogar untersagt. So heißt es in § 7 der Stadionordnung von Borussia Dortmund: „Den Besuchern des Stadions ist das Mitführen bzw. Nutzen folgender Gegenstände untersagt: […] f) Leitern […], Kinderwägen, Rollatoren“. Damit sich an diesen Zuständen etwas ändert, hat Kowalski auch das Büro des Behindertenbeauftragten von Nordrhein-Westfalen, Norbert Killewald, angesprochen. Ihr Anliegen, die Bedingungen für behinderte Menschen generell sowie für Rollator-Nutzer im Speziellen zu verbessern, sei zwar angehört und mit der Bitte um Verständnis beantwortet worden.

„Die meisten Leute sind hilfsbereit“

Tenor: Man habe bereits zahlreiche Schritte zur Verbesserung der Situation unternommen, könne aber noch nicht sagen, wann es zu konkreten Maßnahmen komme. Auch deshalb hat Kowalski große Zweifel, dass sich die Lage für die zahlreichen behinderten Sport- und Fußballfans mittelfristig zum Guten wendet: „Dazu fehlen sowohl der Wille als auch das Verständnis!“ Im alltäglichen Umgang mit Mitmenschen und -bürgern gebe es hingegen in der Regel keinerlei Probleme: „Es ist immer wieder toll zu sehen, wie hilfsbereit die meisten Leute sind – warum können nicht auch Institutionen wie der DFB solch ein Maß an Empathie an den Tag legen?“

Der Skandal um das Down-Syndrom-Mädchen

Bereits im Vorfeld des Finales hatte es Kritik am DFB gegeben, da die Organisatoren die 15-jährige Karola, die das Down-Syndrom hat und eine von 90 Fahnenträgerinnen sein sollte, wieder nach Hause schickten. Wie „Spiegel Online“, „Focus Online“ und andere Medien berichteten, sollten die zwei kleinsten Mädchen der Gruppe noch vor dem Einüben der Choreographie gehen – Karola gehörte nicht dazu, wurde aber trotzdem aussortiert. Reiner Zufall? Wohl kaum. Zwar wurde dem tief traurigen Mädchen auf Druck der Öffentlichkeit angeboten, beim Länderspiel der Männer zwischen Deutschland und USA mit den Spielern einzulaufen – die widerfahrene Demütigung und Enttäuschung dürfte dies aber wohl kaum wettmachen.

Es obliegt nun dem DFB stellvertretend für viele Organisationen und Behörden, mit konkreten Maßnahmen zu zeigen, ob ihm die Integration aller Mitglieder der Gesellschaft wirklich am Herzen liegt – oder ob er Inklusion in Wahrheit doch nur als inhaltsleere, schlagzeilenträchtige Phrase definiert.

Anmerkung: Der DFB unterstützt unter anderem die Bundesliga der blinden Fußballer.

(RP)

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