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Insolventer Rollstuhlhersteller Meyra Ortopedia: Die ersten 149 Mitarbeiter hat es erwischt

Suche nach Investor läuft weiter – aber bislang kam es noch mit keinem der 30 potentiellen Interessenten zu einem Deal.

Meyra-Zentrale in Kalldorf (Kalletal)

Meyra-Zentrale in Kalldorf (Kalletal)

Der insolvente Rollstuhlhersteller Meyra Ortopedia aus Kalletal-Kalldorf (Nordrhein-Westfalen) stellt mit Wirkung zum 1. Juni (Samstag) 149 seiner insgesamt 413 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „von der Erbringung ihrer Arbeitsleistungen“ frei. Die Kündigungen können erst dann erfolgen, wenn mit der Arbeitnehmervertretung ein Interessenausgleich und Sozialplan verhandelt worden sind.

Der vorläufige Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt und Wirtschaftsprüfer Hans-Peter Burghardt, Herford, informierte heute bei einer Belegschaftsversammlung über diese Maßnahme.

Burghardt erläuterte: „Das ist natürlich keine leichte Entscheidung, für keinen der Beteiligten. Allerdings ist dieser Schritt unvermeidbar. Wir müssen die Kapazitäten des Unternehmens an der Nachfrage orientieren. Das ist in der Vergangenheit viel zu lange aufgeschoben worden. Ziel muss es sein, in absehbarer Zeit in die Profitabilität zurückzukehren, um das Unternehmen zu erhalten. Dazu ist die Anpassung der Belegschaft ein wichtiger Schritt, gerade auch im Hinblick auf potentielle Investoren.“

Das eigentliche Insolvenzverfahren beginnt

Burghardt hat außerdem heute beim zuständigen Amtsgericht Detmold die Eröffnung des Insolvenzverfahrens empfohlen. Bisher befand sich das Unternehmen in der Phase des vorläufigen Insolvenzverfahrens, das am Freitag (31. Mai 2013) endet – ebenso wie das sogenannte Insolvenzausfallgeld der Bundesagentur für Arbeit. Meyra Ortopedia hatte am 28. März 2013 Insolvenzantrag gestellt.

Laut Burghardts Gutachten sind die Voraussetzungen für die Eröffnung des Insolvenzverfahrens gegeben, das Unternehmen sei grundsätzlich in der Lage, den Geschäftsbetrieb fortzuführen und vorhandene Aufträge abzuarbeiten. Das Gericht wird jetzt über die Eröffnung des Insolvenzverfahrens entscheiden.

Banken prüfen Gewährung eines Massekredits

Der Gläubigerausschuss, der die Interessen der Gläubiger vertritt, koppelte in seiner jüngsten Sitzung seine Zustimmung zur Fortführung des Geschäftsbetriebs nach erfolgter Eröffnung des Insolvenzverfahrens an die Gewährung eines Massekredits. Die Zustimmung des Gläubigerausschusses zur Fortführung des Geschäftsbetriebs ist gesetzlich notwendig. Das Kreditvolumen beläuft sich auf knapp 900.000 Euro. Der Kredit wird benötigt, um den Geschäftsbetrieb weiter zu stabilisieren, heißt es.

Die beteiligten Banken prüfen jetzt die Gewährung des Massekredits. Mit einer Entscheidung ist innerhalb der nächsten Wochen zu rechnen.

Was ist ein Massekredit?

Bei einem Massekredit handelt es sich um einen „schnellen Kredit“, der einem vor der Insolvenz stehenden oder insolventen Unternehmen von Banken, dem Bund oder einzelnen Ländern gewährt wird, damit das Tagesgeschäft weitergeführt werden kann.

Der Zweck ist eine Schadensminderung, da ein plötzlicher Abbruch der Geschäftstätigkeit mangels Kapitals zur Nichteinhaltung von Verträgen mit entsprechenden Folgen führen würde. Auch ungenutztes Betriebsvermögen – Maschinen und Gewerbeimmobilien – würde zwar nach wie vor Kosten verursachen, aber keine Einnahmen mehr erwirtschaften. Alles das würde die spätere Insolvenzmasse belasten und für die Gläubiger den Schaden weiter erhöhen.

Mit einem Massekredit hingegen können noch laufende Verträge und Verpflichtungen geregelt abgewickelt und vorhandenes Betriebsvermögen kann bis zur Stilllegung genutzt werden.

Da der Kredit aber in einer Situation gegeben wird, in der niemand mehr bereit wäre, einen üblichen Kredit einzuräumen, wird der Kreditgeber eines Massekredits zum Ausgleich des erhöhten Risikos an die erste Stelle der Gläubigerliste gesetzt und im Falle des Konkurses als erster aus der Konkursmasse bedient. Daher die Bezeichnung „Massekredit“.

Suche nach Investor läuft weiter

Die Suche nach einem potentiellen Investor läuft indessen weiter. Burghardt betonte: „Zahlreiche Interessenten haben sich bereits gemeldet. Dabei handelt es sich sowohl um Unternehmen aus der Branche als auch um potentielle strategische Investoren. Derzeit prüfen mehr als 30 Interessenten einen Einstieg bei Meyra. Grundlage für diese Entscheidung ist neben der Beurteilung der aktuellen Situation natürlich auch das vom Unternehmen erarbeitete Sanierungskonzept.“

Das Unternehmen Otto Bock gehört nicht zu den Interessenten, wie ROLLINGPLANET vor einigen Tagen exklusiv meldete: „Wir planen derzeit keine Beteiligung an Meyra“, teilte der Weltmarktführer in der technischen Orthopädie auf ROLLINGPLANET-Anfrage mit.

Wirklich überzeugend scheinen die Angebote der bisherigen potentiellen Investoren nicht zu sein – denn: Parallel könnten sich auch jetzt noch weitere Interessenten an den vorläufigen Insolvenzverwalter wenden, heißt es. „Wir werden nichts unversucht lassen, um die Marke Meyra zu erhalten“, so Burghardt.

(RP/PM)

Meyra-Insolvenz
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2 Kommentare

  • Sabine Mildenberger

    🙁

    28. Mai 2013 at 15:27
  • Initiative Barriere-Frei

    Das ist echt schlimm!!! 🙁

    29. Mai 2013 at 02:15

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