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Insolvenz: Rollstuhlhersteller Meyra ist pleite

Die Unternehmensgruppe ist seit Jahren in der Krise. Betroffen ist auch der PkW-Umrüster Petri + Lehr. Nun ist ein Neuanfang geplant.

Hurricane-Rollstuhl von Meyra: Derzeit sieht es düster aus

Hurricane-Rollstuhl von Meyra: Derzeit sieht es düster aus

So schnell kann es gehen. Noch vor zwei Wochen teilte Meyra mit, dass man als sogenannter Premiumpartner weitere zwei Jahre den Deutschen Rollstuhlsportverband (DRS) unterstützen werde. Die deutschen Rollstuhlbasketballer/innen der Natio spielen mit einem „Hurricane“, dem Vorzeigeprodukt des Unternehmens. Gleichzeitig sicherte sich der Technikpartner der deutschen Nationalmannschaften eine Option bis zum 31. Dezember 2017. Ob es bis dahin Meyra allerdings noch gibt, ist ungewiss.

Die 1936 gegründete und weltweit bekannte Traditionsfirma für Rollstühle und Rehabilitationsmittel hat beim Amtsgericht Detmold (Nordrhein-Westfalen) Insolvenz in Eigenregie angemeldet – noch rechtzeitig vor der nächsten fälligen Lohnzahlung, die nun die Bundesagentur für Arbeit drei Monate lang übernimmt. Bei dem Verfahren in Eigenregie bleibt das derzeitige Management im Amt und kann selbst mit seinen Geschäftspartnern und Mitarbeitern verhandeln, um sich Luft zu verschaffen.

Auch Petri + Lehr betroffen

Praxis und Voraussetzung bei solch einem Rettungsakt ist, dass die Gläubiger auf einen Großteil ihres Geldes (bis zu 70 Prozent) verzichten. Motto: Lieber etwas Geld bekommen als gar keins. Nur wenn es der Firmengruppe Meyra gelingt, ihre Geschäftspartner von einer dauerhaften Perspektive zu überzeugen, wird ein langfristig erfolgreicher Neuanfang möglich sein.

Von der Insolvenz sind neun Firmen betroffen, darunter auch die Petri + Lehr GmbH in Dietzenbach, die auf Pkw-Umrüstungen für körperbehinderte Autofahrer spezialisiert ist. Seinen Messeauftritt bei der Reha-Messe Karlsruhe (25.-27. April) hat Meyra abgesagt. Wie das Unternehmen gegenüber ROLLINGPLANET betont, wird Petri + Lehr jedoch sowohl in Karlsruhe als auch bei der IRMA in Bremen ausstellen.

Frank Meyer, geschäftsführender Gesellschafter, kündigte an, bis zum 1. Juni eine Auffanggesellschaft zu gründen. Bestehende und neue Aufträge sollen weiter ausgeführt werden. Das Unternehmen beschäftigt 430 Mitarbeiter, von denen selbst im Falle eines erfolgreichen Neustarts jedoch viele um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen.

Hart umkämpfter Reha-Markt

Meyra-Zentrale in Kalldorf (Kalletal)

Meyra-Zentrale in Kalldorf (Kalletal)

Als Grund für die Insolvenz nennt Meyer „untragbare Altlasten“, das europaweit sinkende Erstattungsniveau für Rehabilitationsmittel und das Ausbleiben erwarteter Zahlungseingänge. Tatsächlich sind auch Krankenkassen in Deutschland in den vergangenen Jahren weitaus strenger, bevor sie Hilfsmittel genehmigen.

Beispiel Rollstühle: Während sich einige aus unserer Redaktion daran erinnern, dass sie vor 20 Jahren problemlos alle zwei Jahre einen neuen Stuhl genehmigt bekamen, heißt es heute oft selbst nach fünf Jahren: Sie können doch einen gebrauchten aus Krankenkassen-Beständen bekommen.

Schon seit Herbst wird saniert

Meyer zeigt sich in einer Presseerklärung zuversichtlich, gemeinsam mit Insolvenzverwalter Hans-Peter Burghardt (Herford) und in Kooperation mit Lieferanten und Kunden die Voraussetzungen für einen Neuanfang zu schaffen. Im Herbst vergangenen Jahres habe man bereits ein Maßnahmenprogramm eingeleitet, um Produktion, Vertrieb und Verwaltung neu aufzustellen. Viele langjährige Geschäftspartner aus dem Rehamarkt wurden jedoch laut ROLLINGPLANET-Recherchen offiziell noch nicht von der Insolvenz informiert.

Und sie sind keineswegs so optimistisch wie der Erste Bevollmächtigte der IG-Metall-Verwaltungsstelle Detmold, Reinhard Seiler, der sich zuversichtlich zeigt: „Ich sehe große Chancen in einer Insolvenz. Wir müssen alles dransetzen, um den Betrieb zu stabilisieren.“ Für den Gewerkschafter kommt die Situation im Übrigen nicht überraschend, gebe es doch seit Jahren Auslastungsprobleme und Kurzarbeit.

Die goldenen Jahre sind vorbei

Die besten Zeiten erlebte Meyra zwischen 1980 und 2000. Anfang der 1980er verlegte das seinerzeit rasant wachsende Unternehmen seinen damaligen Standort Vlotho nach Kalldorf, wo man in eine neue Verwaltungs- und Produktionsstätte investiert hatte. Die Wiedervereinigung 1990 bedeutete für Meyra wie auch für andere Reha-Anbieter zunächst erheblich steigende Umsätze. 1993 kaufte Meyra den Konkurrenten Ortopedia. Nun gilt: Kopf einziehen, der wirtschaftliche Hurrikan ist da.

(RP/PA, Foto Firmenzentrale: Wikipedia/Grugerio. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.)

Meyra-Insolvenz
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7 Kommentare

  • Mike

    Das war doch längst abzusehen seit sieben Jahren immer wieder Kurzarbeit. Man hat hier ein Sterben auf Raten gemacht. hat Die meisten Meyra Produkte werden doch schon seit vielen Jahren überwiegend im Ausland produziert. Vieles kommt aus China. Zwar steht auf den Kartonagen immer noch „Germany“ aber deutsche Produkte sind dort schon längst nicht mehr drin. Erst wurde die Tochtergesellschaften in Kiel geschlossen. Dann das Werk Leipzig, der personalbestand wurde seit 2009 immer weiter reduziert.Jetzt soll das Werk in Podebrady geschlossen werden. Das sind alles klare Managementfehler die nur duch eine drastische Personalbereinigung in den oberen Etagen zu regeln ist.

    28. März 2013 at 14:19
  • Tim

    @Mike: Dann gib beim Insolvenzverwalter mal ein Gebot ab. Und machs besser.

    29. März 2013 at 11:02
  • Peter

    Zum Kommentar von Tim: Wenn du keine Ahnung hast worum es hier geht halt dich einfach raus.

    Es war schon seit 2009 absehbar, dass es bei MEYRA in einer Sackgasse landet. Seit Jahren geht es immer weiter bergab. Zuerst wurden die Tochtergesellschaften in Leipzig und Kiel geschlossen, dann Kurzarbeit und immer wieder Reduzierungen des Personal in der Verwaltung und in der Produktion. Für mich nur eine Frage der Zeit wann es ganz zu Ende ist.Mir tun nur die ganzen Mitarbeiter leid die jetzt bezahlen müssen für die Fehler der Chefs.

    30. März 2013 at 12:44
  • Wolf

    @alle:
    Immer schön mit wenn auch virtuellen Steinchen werfen, wird den Schuldigen schon treffen, und wenn nicht, das bißchen Kolleteralschaden …..

    1. April 2013 at 00:58
  • Sam

    Wenn ich hier die Kommentare von Tim und Wolf lese.Ein Satz und das war es.

    Meyra macht seit 7 Jahren Kurzarbeit
    und keiner der Chef hat es wohl verhindert.
    Ein böses Omen. Da wo jetzt Meyra ist war früher mal Stübbe Maschinenfabrik die kurz vor der pleite stand und an Mannesmann verkauft wurde. In den 70er Jahren hat Mannesmann 600 Arbeitnehmer entlassen was damals für einen Hungerstreik sorgte.Das wird wohl heute nicht mehr kommen.Bis Mai sind die Gehälter ja gesichert okay.Aber dann wird wohl der Vollstrecker kommen.Mir tun nur die Mitarbeiter leid und auch die Zulieferer.Einige Zulieferer werden wohl bald auch Insolvenz anmelden müssen weil Meyra ihre Rechnungen nicht bezahlt hat. Meyra hat es schon länger gewusst was kommen wird aber die Mitarbeiter und Zulieferer schön im dunkeln gelassen. Das wird ein schöner Teufelskreis werden.

    1. April 2013 at 22:39
  • Freddi

    Meyra war die letzte größere Rollstuhlfirma mit Produktion überwiegend in D (manuelle Rollstühle, elektrische Rollstühle usw), während der Wettbwerb seine Fertigung schon seit langem nach Fernost verlagerte (Invacare, Werksschliessung Frankreich) bzw. noch nie in Europa produzierte (Days, Bischoff-Bischoff usw.). Das war auf Dauer nicht durchzuhalten, entsprechend die Probleme der letzten Jahre und jetzt die Insolvenz.
    Lösung?
    Wenn es wirklich weitergehen soll werden vermutlich (wieder mal) deutsche Arbeitsplätze auf der Strecke bleiben, während man in Fernost feiert.
    Oder weiß jemand eine REALE Alternative zu diesem Szenario?

    3. April 2013 at 09:51
    • Marcello Don Strella Ciceantos Arbuenos

      Vlothooooo,Yeah wir sind die Größten. Wir kacken hier auf dich du Buchhalter. Wir und unser Bahnhof, was kümmert uns Meyra, wir sind die Größten, wir haben, Rewe, und Aldi, und Marktkauf, und WEZ, und Lidl, und Edeka, Rossmann, und weiß der geier was noch. Ich liebe diese Berge, wer liebt diese Berge nicht? Ich bin der Erlöser.

      13. April 2013 at 05:15

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