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Internationaler Alzheimer-Tag (2): Die Angehörigen

Dreiviertel aller Menschen mit Demenz leben in den eigenen Wänden. Mit Schulungen will die Deutsche Alzheimer Gesellschaft Angehörige besser für die schwere Aufgabe der Pflege wappnen.

(Foto: Gerd Altmann/pixelio.de)

Manchmal sei es schwer zu ertragen, sagt sie. Wenn ihre Schwiegermutter alle fünf Minuten dasselbe fragt. Wenn sie nicht trinken will, vergisst, zur Toilette zu gehen. Vor neun Jahren begann die Demenz, längst ist die Pflege der im Haus lebenden 80-Jährigen zu einer 24-Stunden-Aufgabe für die 46 Jahre alte Schwiegertochter geworden. Die Zeit für einen Angehörigenkurs für die Pflege von Demenzkranken hat die Hausfrau sich aber dennoch genommen.

„Viel zu oft stoße ich an meine Grenzen“, sagt sie. Ihren Namen will sie lieber nicht nennen. Demenz empfindet sie immer noch als Tabu. Zu viele Freunde hätten sich abgewendet. Im Stuhlkreis im kargen Veranstaltungsraum der Reha-Klinik in Reichshof-Eckenhagen stößt das, was sie täglich erlebt, jedoch auf Verständnis.

Bewältigungsstrategien für Pflegende

Alle 18 Teilnehmer, fast nur Frauen, erkennen sich wieder in den beispielhaften Problemen des Alltags mit Demenzkranken, die Pflegewissenschaftler Jochen Schmidt von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Nordrhein-Westfalen beschreibt. Der Referent lehrt am dritten Seminarabend „Bewältigungsstrategien für Pflegende“ – der Kern dessen, was die Pflegekurse leisten sollen: Angehörige besser wappnen für die häufig schwere Aufgabe der Pflege.

„Die Menschen mit Demenz“, sagt Schmidt, «sind gar nicht unser Problem. Unser Problem sind die Angehörigen, die sich aufopfern». Vor lauter Fürsorge für ihre Liebsten, die immer mehr Hilfe brauchen, vergessen sie, für sich selbst zu sorgen. Die Folge seien nicht selten Überforderung, Burnout, körperliche Beschwerden. Etwa dreiviertel der Menschen mit Demenz werden zu Hause betreut, schätzt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.

Schmidts Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch den Vortrag zieht: Wer die Herausforderung bestehen will, muss die Krankheit verstehen. Und er muss akzeptieren, dass die Demenz ihre Liebsten verändert. Muss hinnehmen, dass ihnen die Logik abhandenkommt; dass „Morgen“ keine Kategorie mehr ist, sondern ohne funktionierendes Kurzzeitgedächtnis nur noch das Hier und Jetzt zählen. «Und wir möchten vermitteln, wie wichtig es ist, sich als Pflegender Freiräume zu schaffen, um sich nicht zu überfordern.“

Einfache Kniffe für die Angehörigen

Die Pflegenden sind dankbar für einfache Kniffe, die ihnen der Referent mit auf den Weg gibt: Wenn Mutter schreit und sich nach Kräften wehrt, sobald es ans Duschen geht, muss eine andere Lösung her. „In ihrer Kindheit gab es noch keine Duschen – Samstags war Badetag“, sagt Schmidt und regt an, einen Stuhl in die Dusche zu stellen, um die vertraute Situation zu simulieren. „Oder sie versuchen es mit dem guten, alten Waschzuber.“

Schmidt ist froh, dass das Angebot auf steigendes Interesse stößt. Oft seien die Hemmschwellen groß, bis Angehörige Hilfen wie diese in Anspruch nähmen. Die 18 pflegenden Angehörigen sind den Weg gegangen. Glücklicherweise, wie nicht nur der Referent findet: „Wir hätten schon viel früher kommen sollen – ich sehe meine Mutter nun mit anderen Augen“, sagt eine Teilnehmerin.

(Florentine Dame/dpa)

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Internationaler Alzheimer-Tag (3): Die Mutter
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