IPC disqualifiziert Paralympics-Schwimmer Josef Craig wegen Olympia-Tattoos

Berechtigt oder eine Schweinerei? Nach der Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees ist sich die Szene nicht einig, wie sie die Affäre bewerten soll.

Josef Craig mit seinem Olympia-Tattoo (Foto: Facebook)

Josef Craig mit seinem Olympia-Tattoo (Foto: Facebook)

Josef Craig hatte schon glücklichere Zeiten als Sportler. Als 16-Jähriger gewann er 2012 in London bei den Paralympics Gold (400m Freestyle, S7, in bis heute bestehender Weltrekordzeit von 4:42.81) und wurde anschließend von Queen Elizabeth ausgezeichnet. Derzeit ist dem britischen Schwimmer allerdings nicht nach Feiern zumute. Der inzwischen 19-Jährige ist Mittelpunkt einer Affäre, die kontroverse Diskussionen ausgelöst hat. Das Internationale Paralympische Komitee hat ihn bei der Para-EM (1. bis 7. Mai) im portugiesischen Funchal disqualifiziert, weil er eine Tätowierung der Olympischen Ringe auf der Brust nicht abgedeckt hat. So was passiert also, wenn man für den olympischen Gedanken werben will.

Natürlich gibt es immer Vorschriften. Auch in diesem Fall. Das IPC beruft sich auf seine Regularien, denen zufolge seit 2012 Reklame „auf dem Körper in jeglicher Hinsicht verboten“ ist. (Alle, die sich eher für Paragraphen als für sportliche Leistungen begeistern, können in dem englischsprachigen Magazin „Swimvortex.com“ ausführliche Betrachtungen zur komplizierten juristischen Situation nachlesen).

Die Paralympics hatten bis 1987 die fünf Olympischen Ringe als Symbol, mussten aber dann ein neues für sich kreieren (setzt sich zusammen aus drei farbigen Bögen in Rot, Blau und Grün), nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf sein Exklusivrecht gepocht hatte. Grafiktechnisch sind also Olympia und Paralympics seit fast 30 Jahren voneinander abgegrenzt, obgleich man inzwischen immer wieder betont, gemeinsam unterwegs zu sein. Die vielbeschworene Inklusion ist also nicht Logo.

Unterschiedliche Reaktionen

In der deutschen Schwimmszene reagiert man wütend auf den am vergangenen Wochenende vom IPC vorgenommenen Rauswurf von Craig. Sein Konkurrent Torben Schmidtke aus Potsdam bezeichnete die IPC-Entscheidung als „eine Schweinerei. Das kann nicht sein. Mein Gott. Man muss auch ein bisschen auf dem Teppich bleiben und nicht wegen jedem Mist disqualifizieren“, sagte der 27-Jährige. „Man wird kurz vor dem Start gefragt, ob man ein Tattoo hat. Er hat es wahrscheinlich gesagt und sie haben ihn durchgelassen. Dann steigt er aus dem Becken und wird disqualifiziert.“

Harsche Kritik an Craig dagegen äußerte der dreimalige Paralympics-Sieger im Rollstuhl-Sprint, Jeff Adams. „Wir können uns nicht über mangelnde Aufmerksamkeit im Vergleich zu Olympia beschweren und uns dann ihr Logo statt unseres tätowieren“, schrieb der Kanadier bei Facebook. „Wenn du nicht bei Olympia teilnimmst, sondern ein Paralympics-Teilnehmer bist, mach dir auch ein Paralympics-Tattoo und zeige dich als stolzer Paralympian. Die einzige Erklärung dafür, sich das Olympia-Tattoo statt des paralympischen stechen zu lassen, ist die, dass du dich für deine eigene Bewegung schämst.“

Das IPC hat bereits angekündigt, bei den diesjährigen Paralympics in Rio (7. bis 18. September) streng darauf zu achten, dass seine Vorschriften von den Athleten befolgt werden.

(RP)

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2 Kommentare

  • DaniB

    Eine Disqualifikation wegen eines Tattoos finde ich absolut unverhältnismäßig – zumal es sich nicht einmal um „Werbung“ handelt.
    Die Damen und Herren Funktionäre sollten sich mal lieber verstärkt um die Disqualifkation von Dopingsündern kümmern, und das in allen Ländern.

    5. Mai 2016 at 10:59
  • Niels Grunenberg

    Was waren das für Zeiten in Peking, als wir auf die unmißverständliche Aufforderung, das Tattoo zu bedecken, geschlossen mit der Abreise gedroht haben. Hervorzuheben waren damals insbesondere die USA.
    God bless America!

    6. Mai 2016 at 12:58

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