IRMA löst Mitleid mit technisch schlecht versorgten Behinderten aus

Am Freitag und am Wochenende (1.-3. Juni) fand die erste „IRMA – Internationale Reha- und Mobilitätsmesse für Alle“ in Bremen statt. ROLLINGPLANET-Nutzer Michael Heil war dort und berichtet.

Auf der IRMA präsentiert: Von der Firma Jelschen Behindertenfahrzeuge rollstuhlgerecht umgebauter Van (Foto: Jelschen)

Noch eine Messe. Noch mehr Werbe- und Marketingaufwand in der der ohnehin schon gebeutelten Rehabranche?! Brauchen wir das?

Bremen ist bekanntlich nicht der Nabel der Welt. Liegt auch nicht auf der Durchfahrtsstrasse zu den Zentren der Republik. Von daher ist der Ansatz, gerade im norddeutschen Bereich eine Mobilitätsmesse zu organisieren, gar nicht so abwegig. Ivo Escales, seit über 25 Jahren in der Reisebranche für Behinderte, speziell im Medienbereich engagiert, ging das Wagnis ein und folgte dem Ruf, endlich auch etwas für die stiefmütterlich behandelte Region der Friesen und Niedersachsen zu tun.

Vorweg: Ein voller Erfolg. Auch wenn bei der Durchsicht der Aussteller vor allem eines auffiel: Die Rollstuhlhersteller glänzten genauso mit Abwesenheit wie viele Dienstleister und Rehafachhändler vor Ort, die ja eigentlich ihre Kunden vor der Haustüre in großer Zahl betreuen sollten.

“Endlich mal ein Angebot in unserer Region“

Stattdessen überregionale Autoumbauer, Reiseanbieter, Freizeitgeräte-Hersteller wie Handbiker und Caravans, Segways für Rollstuhlfahrer und eine kleine Kartstrecke für Rennsportler. Hier hat Ivo Escales unter der Mithilfe seiner gesamten Familie eine Sisyphusarbeit gegen den Strom geschafft, die nur einem alten Hasen wie ihm gelingen konnte. Nicht so umfangreich, wie man sich eine etablierte Rehamesse vorstellt, aber zu groß, um im nächsten Jahr nicht wieder stattzufinden.

Durchweg zufriedene Gesichter bei den ungefähr 60 Ausstellern, und die Besucher, Tausende Betroffene aus Berlin, Rostock, Kiel und Aurich, die alle kostenfreien Eintritt genossen, waren einhellig der Meinung: „Endlich auch mal ein Angebot in unserer Region“ – statt hunderte Kilometer nach Düsseldorf oder Karlsruhe fahren zu müssen.

So gesehen hat die Messe voll ins Schwarze getroffen, und von der gekonnten Moderation von Horst und Petra Rosenberger aus Berlin bis zur Messeparty mit einer 15-köpfigen Salsaband hatte die Show alles, was einer größeren zur Ehre gereicht hätte.

Rollstühle, die mehr behindern als helfen

Ebenfalls sehr auffallend: Fast jeder Aussteller mit großer Messeerfahrung wie Paravan, Grabowski oder Reha + Sport aus Hannover wunderte sich über das offensichtlich mangelnde Versorgungsniveau der Betroffenen im Raum Bremen mit schlecht angepassten Rollstühlen, fehlerhaften Abmaßen und Einstellungen, die oft mehr behindern als helfen.

Das hat denn auch am meisten überrascht! Aus dem Stand eine Messe mit Niveau und Wiederholungscharakter in der Peripherie der Republik geschaffen. Vielleicht sollte uns das zu denken geben.

Der Autor ist Rollstuhlfahrer und Geschäftsführer der Rehability Reha-Fachhandel GmbH & Co. KG in Weinheim.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN