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Ist Australien behindertenfeindlich?

Der Skandal um Baby Gammy hat den fünften Kontinent aufgewühlt. Wie geht er um mit Menschen, die Handicaps haben? Von Christiane Oelrich

Wurde aussortiert: Baby Gammy (Foto: dpa)

Wurde aussortiert: Baby Gammy (Foto: dpa)

Das Down-Syndrom-Baby Gammy rührt mit seinen großen Kulleraugen die ganze Welt. Dagegen ist sein Vater, der Australier David Farnell (56), in seiner Heimat die Hassfigur der Nation. Sein Versuch, im Fernsehen zu rechtfertigen, warum er seine gesunde Tochter mitnahm und deren behinderten Zwillingsbruder bei der Leihmutter in Thailand ließ, ging daneben. „Krokodilstränen“, titelte die Presse, als Farnell mit feuchten Angen sagte, er vermisse Gammy.

Seine wahre Einstellung offenbarte er an anderer Stelle: „Wir hätten den Embryo abgetrieben“, sagte er. „Wer will schon einen Sohn mit Behinderung.“ Ist das sportverrückte Australien, das sein Image mit Klischees kräftiger Naturburschen pflegt, behindertenfeindlich?

Vor sechs Jahren machte der Fall des deutschen Arztes Bernhard Moeller weltweit Schlagzeilen. Als Australien für ländliche Praxen händeringend Ärzte suchte, siedelte er nach Horsham im Hinterland von Melbourne über. Doch sein Antrag auf Bleiberecht wurde abgelehnt, weil sein Sohn Lukas das Down-Syndrom (Trisomie 21) hat. „Eine Bürde für das Gesundheitswesen“, hieß es.

Jean Goldblatt aus Südafrika zog 2002 als Rentnerin zu ihren Kindern nach Perth. Neun Jahre ging alles gut, doch nachdem bei ihr Demenz diagnostiziert wurde, sollte sie abgeschoben werden. „Kostenrisiko“ war das Urteil, wie ihre Tochter Nina Waltman empört berichtete. Moeller und Goldblatt hatten Glück: Nachdem die Fälle publik wurden, schalteten sich Politiker ein und verschafften ihnen die Papiere.

„Das ist ein Teufelskreis“

David Farnell (Screenshot)

David Farnell (Screenshot)

„Die Einstellung von Baby Gammys Vater ist leider enttäuschend weit verbreitet“, sagt Craig Wallace vom Netzwerk Menschen mit Behinderung (PWD). „Zu viele Menschen mit intellektuellen Behinderungen sind in Anstalten und Sonderschulen. Das ist ein Teufelskreis: Man sieht sie nicht, und deshalb werden ihre Belange nicht berücksichtigt. Wenn Barrieren nicht aus dem Weg geräumt werden, können sie nicht teilnehmen und bleiben unsichtbar.“

Nach einer OECD-Studie von 2009 ist das Risiko von Armut bei Menschen mit Behinderungen unter den Industrieländern nur in den USA größer als auf dem fünften Kontinent. „Bei Indikatoren wie Beschäftigung von Menschen mit Behinderung ist Australien auf den hintersten Plätzen“, schrieb 2011 die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers. Die Haltung gegenüber Menschen mit Behinderung ändere sich nur langsam.

„Es gibt ein Aufwachen und mehr Verständnis“, sagt dagegen Jason Barker vom Netzwerk Behinderungen, einer Organisation, die Firmen hilft, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen auszurichten.

Seit den Studien habe sich viel getan. „Es bringt nichts, Arbeitgeber zu verdammen“, sagt er. Seine Organisation helfe Firmen, Barrieren abzubauen und fördere etwa Praktika von Menschen mit Behinderungen. „Das ist ein wahrer Augenöffner, viele wissen einfach nicht, welchen Beitrag Menschen mit Behinderungen am Arbeitsplatz leisten können.“

Neues Regierungsprogramm für Behinderte

„Wir kämpfen ständig gegen niedrige Erwartungen“, sagt Catherine McAlpine. Sie hat einen 13-jährigen Sohn mit Down-Syndrom und ist Vorsitzende der Down-Syndrom-Gesellschaft. Ihr Sohn habe zwar persönlich keine Hänseleien oder andere schlimme Erfahrungen gemacht. Die überwiegende Mehrzahl der Menschen seien offen. Aber ihre Gesellschaft muss immer noch für Zugang zu normalen Schulen und Arbeitsplätzen kämpfen. „Der beste Weg, um Einstellungen zu ändern, sind persönliche Kontakte“, sagt McAlpine.

Vor einem Jahr hat die Regierung ein neues Programm zur individuellen Unterstützung von Menschen mit Behinderungen (NDIS) gestartet. Ziel ist ein selbstbestimmtes Leben. Der Staat zahlt etwa für Blindenführhunde und besondere Software, Training zur Selbstständigkeit, Hilfe zur aktiven Sport- und Freizeitgestaltung, Frühförderung und Maßnahmen zur erfolgreichen Arbeitssuche. „Das gibt Menschen mit Behinderung endlich Auswahl und Kontrolle“, sagt McAlpine.

Die Baby-Gammy-Geschichte hat sie wie Millionen von Australiern aufgewühlt. „Ein Baby mit Behinderung wie eine Versandlieferung mit Beschädigung abzulehnen – das ist grotesk“, sagt sie. Farnells Ansichten gehörten in die 50er Jahre. Dennoch: 90 Prozent der Familien, die während der Schwangerschaft eine Down-Syndrom-Diagnose bekommen, treiben nach ihren Angaben ab. In Deutschland sind die Zahlen ähnlich. Und überhaupt: Bevor wir nun mit dem Finger nur auf Australien zeigen – auch bei uns gibt es Eltern, die ihre behinderten Kinder gerne loswerden.

(RP/dpa)

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