""

Ist es rechtens, einen Job nicht zu bekommen, weil man stottert?

Bewerben sich sprachbehinderte, stotternde Bewerber um eine Stelle, dürfen sie nicht wegen ihrer „fehlenden Kommunikationsstärke“ abgelehnt werden. Dies kann eine unzulässige Diskriminierung behinderter Menschen darstellen und einen Entschädigungsanspruch begründen.

Bewerbungsmappe mit zwei Puzzleteilen

Das hat nicht gepasst (Foto: berwis/pixelio.de)

(JurAgentur) – Dies entschied das Landesarbeitsgericht (LAG) Köln in einem aktuell veröffentlichten Beschluss vom 26. Januar 2012 (Az.: 9 Ta 272/11). Die Kölner Richter gaben damit einem Antrag auf Prozesskostenhilfe statt.

Geklagt hatte ein sprachbehinderter Mann, der seit rund 45 Jahren an Stottern leidet. Seit 1979 liegt deshalb bei ihm eine Minderung der Erwerbsfähigkeit mit einem Grad der Behinderung von 30 vor. Als sich der Mann 2011 um eine Stelle als Arbeitsvermittler bewarb, erhielt er nach dem Bewerbungsgespräch eine Absage.

Der Arbeitgeber hatte diese unter anderem mit der „fehlenden Kommunikationsstärke“ des Stotterers begründet. Aber auch Kenntnisse über die Arbeit im Jobcenter, insbesondere das Jobcenter EU-aktiv, hätten ihm gefehlt. Auch bei der Lösung von zwei Fallbeispielen, der Zuweisung in eine Arbeitsgelegenheit und über den Umgang mit alkoholisierten Kunden, habe er versagt.

Der Stellenbewerber fühlte sich wegen seiner Sprachbehinderung diskriminiert. Er forderte ein Schmerzensgeld in Höhe von 30.298,92 Euro sowie eine Entschädigung von drei Monatsgehältern in Höhe von jeweils 2.524,91 Euro. Um seine Ansprüche vor Gericht durchsetzen zu können, beantragte er Prozesskostenhilfe.

Diskriminierung nicht erlaubt

Das LAG gab dem Antrag teilweise statt. Es gebe allerdings nur eine „hinreichende Erfolgsaussicht“ in Bezug auf die geforderten drei Monatsgehälter. Mit dem Hinweis auf die „fehlende Kommunikationsstärke“ des Klägers gebe es begründete Indizien, dass die Absage auch wegen der Sprachbehinderung erfolgt ist. Damit könne ein Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz vorliegen.

Bringe ein Beschäftigter oder Stellenbewerber ausreichende Indizien für eine unzulässige Benachteiligung vor, müsse der Arbeitgeber diese entkräften. Andernfalls könnten von ihm Entschädigungszahlungen verlangt werden. Der Gesetzgeber sehe dabei bis zu drei Monatsgehälter vor, wenn der Bewerber auch ohne die Benachteiligung wegen der Behinderung die Stelle nicht bekommen hätte.

Dies sei im vorliegenden Fall offenbar auch so gewesen. Denn der Kläger habe die Stelle auch wegen seiner mangelnden Erfahrung nicht erhalten.

Quelle: JurAgentur. © www.juragentur.de, Gerichtsmeldungen für Ihre Homepage. Weiterverbreitung dieser Meldung nur mit Zustimmung von JurAgentur.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • miriam

    Ich hatte mich auf viele stellen beworben und wurde immer abgelehnt auf Grund von Stottern, natürlich schreiben diese das nicht als Absagegrund, wegen einem Rechtsstreits, aber im Bewerbungsgespräch kam es schon so rüber „Was Sie wollen sich für diese Stelle bewerben? Obwohl Sie stottern?“ und wenn man eine Stelle erhält, wurde man von Kollegen auf Grund von Stottern raus gemobbt … d.h. lets go to Behindertenwerkstätte.

    5. Juni 2013 at 13:28

KOMMENTAR SCHREIBEN