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Ist Wolfgang Schäuble ein Behinderter oder ein Senior? Weder noch

Gerüchten zufolge ist er einfach nur machtgeil, hat ROLLINGPLANET, das Magazin für Behinderte und Senioren, mitgelesen.

Hätte gerne mehr altersgerechten Anschluss im Bundestag: Wolfgang Schäuble (Foto: Steffi Loos/dapd)

Hätte gerne mehr altersgerechten Anschluss im Bundestag: Wolfgang Schäuble (Foto: Steffi Loos/dapd)

Oft werden wir gefragt, warum ROLLINGPLANET ein Magazin für Behinderte UND Senioren ist. Unsere Antwort darauf ist relativ einfach, auch wenn sie viele nicht zufriedenstellt: Beide „Zielgruppen“ sind oft in ihrer Mobilität eingeschränkt, werden nicht selten diskriminiert und freuen sich über eine barrierefreie Welt. Und beiden „Zielgruppen“ sagen wir unisono: Habt Euch mal nicht so, wenn Ihr mit den Behinderten/Senioren in einen Topf geworfen werdet. Die Welt ist nun einmal ein große Gulaschkanone. Und keiner nimmt Euch etwas weg.

Was ist denn nun eigentlich Wolfgang Schäuble, mal davon abgesehen, dass er ein Politiker ist? Die meisten unserer User würden wohl sagen: Ein Rollstuhlfahrer. Vor einigen Tagen entfachte der niedersächische Landesbeauftragte für Behinderte, der seit seiner Jugend fast blinde Karl Finke, eine Diskussion darüber, ob es eine Behindertenquote in der Politik geben sollte. Wäre das also nicht etwas, das der Rolli Schäuble unbedingt unterstützen sollte?

Schäuble entscheidet sich für die Senioren

Bloß das nicht – dann schon lieber Partei ergreifen für die Alten. Unser Bundesfinanzminister ist schon seit langem dafür bekannt, dass er sich nicht als Mensch mit Behinderung definiert (was wir so übel auch wiederum nicht finden). Weshalb es eigentlich nicht verwundert, dass er heute der Nachrichtenagentur dpa nicht gesagt hat, dass er mehr Behinderte im Parlament will. Vielmehr hat er den Wunsch geäußert, dass mehr Senioren im Bundestag sind.

Er würde es nicht gut finden, wenn im Parlament keine 70-Jährigen mehr säßen, sagte der 70-jährige CDU-Spitzenmann in Offenburg. Oft gehe es auch einfach um Jung gegen Alt. Der Bundestag müsse aber ein Spiegelbild der Gesellschaft sein. Alle Gruppen sollten vertreten sein, natürlich die Jüngeren, aber auch die Senioren. Schäuble ist der dienstälteste Bundestagsabgeordnete. Er amtiert seit mehr als 40 Jahren.

ROLLINGPLANET hat nichts gegen Schäubles Vorschlag, solange Verkehrsminister Peter Ramsauer nicht alle Behindertenparkplätze in Seniorenparkplätze umwandelt.

Ist Machtgeilheit eine Behinderung?

Aber wie schrieb einige Stunden zuvor der Kommentator in den „Badischen Neuesten Nachrichten“? Macht macht süchtig, lautet sein Fazit:

„Wolfgang Bosbach ist unheilbar an Krebs erkrankt. Trotzdem kandidiert der Vorsitzende des Innenausschusses wieder für den Bundestag. Linke-Fraktionschef Gregor Gysi hatte bereits mehrere Herzinfarkte und musste sich einer komplizierten Operation am Gehirn unterziehen, und doch zieht er wieder als Spitzenkandidat in den Wahlkampf. Wolfgang Schäuble wird in Kürze 71 und ist seit 23 Jahren an den Rollstuhl gefesselt, gleichwohl will er nochmals Finanzminister mit einem 16-Stunden-Tag werden. Und selbst Matthias Platzeck, der vor wenigen Tagen nach einem Schlaganfall als brandenburgischer Ministerpräsident zurückgetreten ist, kandidiert im nächsten Jahr erneut für den Landtag. Keine Frage, das Aufhören fällt nicht allen Politikern leicht, sie klammern sich an ihre Ämter und Posten und wollen nicht loslassen. Und das obwohl ihr Beruf in der Bevölkerung ein denkbar schlechtes Ansehen hat, es keine geregelten Arbeitszeiten gibt, keine 35-Stunden-Wochen und erst recht keine freien Wochenenden. Von 80 Stunden sprach Platzeck bei seinem Rücktritt – und das über Jahre hinweg. Dennoch gibt es keinen Fachkräftemangel, bei der Bundestagswahl am 22. September treten 38 Parteien an, mehrere tausend Kandidaten bewerben sich um ein Mandat, die nächste Generation steht bereit. Präsenz rund um die Uhr, ständige Erreichbarkeit und Multitasking, blitzschnelles Reagieren auf Ereignisse, permanent neue Herausforderungen – Politik ist ein besonderer Beruf und stellt außergewöhnliche Anforderungen an die, die sich darauf einlassen. Im Gegenzug werden Politiker mit einer besonderen Währung bezahlt – öffentliche Aufmerksamkeit, Macht und Einfluss. Selbst einfache Abgeordnete, die auf der großen politischen Bühne als sogenannte „Hinterbänkler“ nur ein kleines Rad drehen, sind in ihren Wahlkreisen kleine Könige. Ohne sie läuft nichts, sie sind dabei, wenn wichtige Entscheidungen fallen, sie ziehen die Fäden und stellen die Weichen, beeinflussen gar Karrieren. Die Macht macht süchtig, erst recht, wenn Politiker aufsteigen, sich gegen Konkurrenten durchsetzen, am Macht und Einfluss gewinnen und schließlich am ganz großen Rad drehen. Wer mitbestimmt, wie Gesetze aussehen, wohin die Gelder fließen oder wer befördert wird, mag davon bald nicht mehr lassen. Die 80-Stunden-Woche kommt dabei wie von selber: Wer dazu gehört, will immer dabei sein – und nicht dem Konkurrenten das Feld überlassen. Kein Politiker wird gezwungen, am Sonntagabend in eine Talk-Show zu gehen, man tut es dennoch, um von einem Millionenpublikum als wichtig und bedeutend wahrgenommen zu werden. Am Ende steht der Glaube an die eigene Unersetzlichkeit. (…)“

Na, wenn das so ist: Lieber Herr Finke, ersparen Sie uns Behinderten die Quote. Ein Handicap reicht – da müssen nicht noch Machtgeilheit und Unersetzlichkeit dazu kommen, egal wie gebrechlich oder alt jemand ist. Findet ROLLINGPLANET, das politikverdrossene Magazin für alle Senioren, die nichts gegen Behinderte haben, und Behinderte, die nichts gegen Senioren haben.

(RP)

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5 Kommentare

  • Barbara Bockholt

    was ist eigentlich aus den grauen,graue Panther geworden?

    5. August 2013 at 19:16
  • Andrea Bröker

    Der hat doch alle Möglichkeiten, sich Hilfsmittel und Assistenz leisten zu können und ist insofern nicht wirklich behindert.

    5. August 2013 at 20:02
  • Rollingplanet

    Die Grauen Panther (Kurzbezeichnung: GRAUE) wurden 2008 aufgelöst. Aus Wikipedia:

    Im Herbst 2007 geriet die Partei in eine Spendenaffäre; so hatte sie über Jahre hinweg mittels sog. „Scheinseminare“ nicht existierende Spenden von vermeintlichen Seminarleitern an die Verwaltung des Deutschen Bundestages gemeldet und dafür anteilige Mittel aus der Parteienfinanzierung erhalten. An die Öffentlichkeit gelangte dies, nachdem misstrauische Parteimitglieder anonym Anzeige erstattet hatten.

    Anfang Oktober 2007 waren Büroräume der Partei und Privatwohnungen führender Parteimitglieder durchsucht worden. Am 24. Oktober 2007 wurde schließlich das Vorstandsmitglied Otto Wolfshohl wegen Betrugsverdacht in Untersuchungshaft genommen. Am 12. Januar 2008 wurde bekannt, dass die Partei innerhalb von zwei Monaten 8,5 Millionen Euro an finanziellen Hilfen zurückzahlen soll. 1,5 Millionen konnten durch Pfändungen bereits gesichert werden. Die Restforderung führte zur Insolvenz der Partei.

    Der Parteivorstand erklärte am 23. Januar 2008, einen Sonderparteitag einzuberufen, der die Auflösung der Partei beschließen sollte und der am 1. März stattfand. Unruh war bis September 2007 Bundesvorsitzende gewesen, ihr Nachfolger wurde Norbert Raeder. Raeder trat im Januar 2008 nach nur vier Monaten von seiner Position als Bundesvorsitzender zurück. In einer Urabstimmung, die bis zum 17. März 2008 lief, stimmten die Mitglieder der Partei mehrheitlich der Auflösung zu.

    5. August 2013 at 20:03
  • Barbara Bockholt

    danke

    5. August 2013 at 20:18
  • Helga Würz

    Weder Herr Bosbach (den ich im Übrigen sehr schätze) noch Herr Schäuble müssen sich Gedanken über die Kosten ihrer medizinischen und ihrer Hilfsmittelversorgung machen.
    Wenn Herr Schäuble sich als nicht behindert betrachtet, dann wohl um bei denen Wählern einen fitten und gesunden Eindruck zu hinterlassen. Das ändert aber gar nichts an der Tatsache, dass er eine Behinderung hat.
    Herr Schäuble interessiert sich in keiner Weise für die Belange der Behinderten. Er ist für mich eine menschliche Enttäuschung.

    26. August 2013 at 19:48

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