„Jedermann“ für Blinde: Wie geht das?

Sprecherin Torp und Autorin Linzer beschreiben Filme und Theaterstücke für Sehbehinderte. Und sie sind vor ihrer Premiere in Berlin richtig nervös. Von Hanna Hauck

Die Autorin einer Deskription des Theaterstückes „Jedermann“, Susanne Linzer (l.), und die Sprecherin des Textes, Uta-Maria Torp (Foto: Timur Emek/dapd)

Wenn Schauspieler Francis Fulton-Smith morgen als „Jedermann“ auf der Bühne im Berliner Dom steht (ROLLINGPLANET berichtete: Starbesetzung für Berliner „Jedermann“), werden auch blinde Theaterfans erfahren, welche Emotionen sich auf seinem Gesicht widerspiegeln. Sobald die Darsteller verstummen, werden Blinde über einen Kopfhörer die klare, angenehme Stimme von Uta-Maria Torp hören können. In knappen Worten wird sie beschreiben, was gerade auf der Bühne geschieht. „Da bin ich natürlich schon ein bisschen nervös“, sagt Torp, die zwischen Bäumen vor dem Dom steht.

Etwas unsicher blickt sie in die Richtung ihres neuen Arbeitsplatzes. Der Donnerstag wird für die Sprecherin eine Premiere sein, denn eigentlich beschreibt sie Filme für Blinde. „Live-Theater habe ich in der Tat noch nicht gemacht. Da könnte was auf mich zukommen“, sagt sie lachend.

Neben Torp steht die Frau, deren Worte sie bei der Vorstellung vorlesen wird: Susanne Linzer, die Autorin der Stückbeschreibung. Sieben Vorstellungen lang habe sie genau beobachtet, was auf der Bühne geschieht. Zunächst habe sie das Buch zum Stück mitgelesen und sich Notizen gemacht. „Dann bin ich dazu übergegangen, mit dem Diktiergerät in der Probe zu sitzen, weil man dann nicht abgelenkt ist“, erzählt sie. „Man hört den Text, man klebt nicht mehr am Buch und kann einfach in das Gerät reinsprechen, was man sieht.“

Mimik, Gestik und Handlung – alles Wichtige wird beschrieben

Seit mehr als zehn Jahren arbeiten Torp und Linzer für die Deutsche Hörfilm gGmbH. Das gemeinnützige Unternehmen bereitet seit 1998 visuelle Medien so auf, dass auch blinde und sehbehinderte Menschen sie nutzen können. Dazu zählen Theaterstücke, Ausstellungen und Stadtführungen. Vor allem aber „vertont“ die Deutsche Hörfilm gGmbH – unschwer erkennbar am Namen – Filme.

Zieht ein Gangster in einem Streifen etwa die Waffe, erfährt das ein blinder Zuhörer von Sprechern wie Torp und Autoren wie Linzer, bevor es knallt. Mimik, Gestik und wichtige Handlungen, all das wird in den Dialogpausen beschrieben. „Man lernt, zuzuspitzen“, erzählt Linzer. „Man muss knapp und präzise sein. Das heißt aber nicht, dass die Beschreibung nicht poetisch sein kann.“ Sprachlich passe sie sich immer ein wenig dem Stil des Films an. So beschreibe sie einen Actionfilm anders als ein historisches Drama. „Man wählt automatisch andere Wörter.“

Eine Woche benötige sie im Schnitt, um eine Audiodeskription des Films zu schreiben. Dann lese sie ihre Beschreibung während des Films einem blinden Kollegen vor, um zu überprüfen, ob sie verständlich sei.

Bei einem Theaterstück kann man nicht zurückspulen

Danach erst ist Torp dran, die den Text dann im Studio einspricht, ohne dabei mitzuspielen, wie sie betont. Die Beschreibung müsse sich klar von den Dialogen im Film abgrenzen. „Es geht wirklich nur um die Information und nicht darum, dass ich mich dabei künstlerisch ausbreite.“ Ansonsten, stimmt ihr Linzer zu, würde der Sprecher den Film verändern.

Auch live hat Torp schon Filme für Blinde eingesprochen, etwa bei der Berlinale. Trotzdem wirkt sie zunächst noch etwas unsicher, wenn sie erzählt, was ihre Aufgaben am Donnerstag sein werden. Film und Theater, das sei eben nicht das selbe. Beim Film seien die Dialogpausen und die Handlungen immer die gleichen. „Da ich selbst Schauspielerin bin, weiß ich, dass bei einem Theaterstück nicht jeder Abend gleich ist“, sagt sie. Man könne eben nicht zurückspulen, stimmt Linzer zu und macht ihrer Kollegin gleichzeitig Mut: „Aber ansonsten unterscheidet es sich nicht so sehr.“

Später, nachdem Torp das Manuskript der Autorin durchsehen konnte, klingt sie aber schon ganz anders: Sie sei „absolut zuversichtlich“, dass am Donnerstag alles klappen werde.

Die „Jedermann“-Aufführung mit einer Audiodeskription für Blinde wird vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) anlässlich seines 100. Jubiläums präsentiert. Sie findet am Donnerstag (25. Oktober, 20 Uhr) im Berliner Dom statt.

(dapd)

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