""

Jetzt hoffen Russlands Behinderte auf Wandel

Die Paralympics in Sotschi sind vorbei – was bleibt nach den Wettkämpfen?

Milliarden werden seit 2011 in die Barrierefreiheit Russlands investiert. Selbst bei den Paralympics reicht es vielerorts aber nur zu Provisorien aus Holz. (Foto: Jan Woitas/dpa)

Milliarden werden seit 2011 in die Barrierefreiheit Russlands investiert. Selbst bei den Paralympics reicht es vielerorts aber nur zu Provisorien aus Holz. (Foto: Jan Woitas/dpa)

„Breaking the Ice“, hatten die Organisatoren die Eröffnungsfeier der Paralympics genannt. Das „Eis brechen“ – das war wohl auch auf das Verhältnis vieler Russen und vor allem der Behörden im Riesenreich im Umgang mit Behinderten gemeint. Jahrzehntelang seien diese ignoriert und ausgegrenzt worden, klagt etwa Denise Roza. Die US-Amerikanerin lebt seit 1997 in Russland und hat hier die unabhängige Behindertenrechts-Organisation Perspektiva gegründet.

„Putin hat die Spiele als Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels in seinem Land bezeichnet, und ich möchte daran glauben“, sagte Roza dem Rundfunksender Echo Moskwy. Dem Gesundheitsministerium zufolge leben in Russland etwa 13 Millionen Menschen mit Behinderung, das wären rund neun Prozent der Bevölkerung. „Es bleibt zu hoffen, dass das milliardenschwere Förderprogramm, das die russische Regierung 2011 aufgelegt hat, nach den Wettkämpfen weiterläuft“, betont Roza.

„Unterschätzte Helden“

Täglich viele Stunden Paralympics im Fernsehen und zahlreiche Texte in den Zeitungen: Noch nie standen Behinderte in Russland so positiv im Rampenlicht. „Unsere Sportler sind unterschätzte Helden“, titelte etwa das Fachblatt „Sport Express“. Bestaunt wurde auch die hochmoderne Technik, mit der sich die Athleten fortbewegen. „Das sind längst keine Prothesen mehr“, schrieb die Zeitung „Kommersant“.

Die Sowjetführung in Moskau hatte sich noch geweigert, Paralympics auszutragen, weil es in Russland keine Behinderten gebe. „Die Fortschritte sind unübersehbar“, lobt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die vor den Spielen scharfe Kritik geübt hatte. Allerdings sei es direkt nach den Paralympics viel zu früh, schon von einem Stimmungswandel zu sprechen.

Barrierefreie Paralympics dank russischem Pragmatismus

Die älteste DBS-Teilnehmerin: Andrea Eskau (Foto: fit trifft chic)Die Russen fanden bei ihren Paralympics in Sachen Barrierefreiheit auf den letzten Drücker pragmatische, aber zweckmäßige Lösungen. Unzählige kleine Rampen aus Holz mit Gummibezügen machten in Sotschi und Krasnaja Poljana viel davon wett, was die Gastgeber einst beim Bau von Wohn- und Sportanlagen versäumt oder vergessen haben. „Man kommt überall hin. Wir wollen uns nicht beschweren“, sagte die querschnittsgelähmte Biathletin und Langläuferin Andrea Eskau (Foto), die aus ihrem Rollstuhl heraus wie viele der rund 550 Athleten auf behindertengerechte Wege angewiesen ist.

„Russland lernt sehr schnell“, lobte auch Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC). Der Brite, selbst Rollstuhlfahrer, hat die Behindertengerechtigkeit bei seinen letzten Winter-Paralympics an der IPC-Spitze zur Chefsache erklärt. Ihm geht es nicht nur ums ganz praktische Ausmerzen der vielen Hindernisse, sondern um die generelle Stellung von Behinderten in der Gesellschaft. Craven will Vorurteile abschaffen – und hofft, dass die Paralympics auch der russischen Bevölkerung einen Schub geben.

Craven glaubt an das Gute

„Ich glaube fest daran, dass Russlands erste Paralympics die größte Wirkung auf das Ausrichterland haben können. Die Spiele können helfen, das Leben von 13 Millionen Russen mit einer Beeinträchtigung zu verändern“, sagte Craven. Die Menschen müssten verstehen, „dass es nicht nur um physische Barrieren geht, sondern vielmehr darum, Sichtweisen zu verändern. Das gilt für alle Länder auf der Welt.“

Das Mountain Village in In Krasnaja Poljana (Foto: sochimagazine)

Das Mountain Village in In Krasnaja Poljana (Foto: sochimagazine)

In Krasnaja Poljana war das Mountain Village, in dem die meisten Paralympioniken wohnten, erster Treffpunkt. Hier gab es neben den Wohnungen auch einen Floristen, eine Art Gallery, Clubs, Restaurants und ein Kleinkino. Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams, berichtet von den „kürzesten Wegen, die wir je bei Paralympics hatten: Von der Haustür bis zum Shuttle sind es acht Meter, von der Haustür zum Mittagessen nur 25 Meter“. Es gab in allen Bereichen für Rollstuhlfahrer Alternativen für Treppen – und seien es Straßen mit langgezogenen Kurven.

Die Sache mit den Klos

„Auf Barrierefreiheit hätte man vielleicht noch einen Ticken mehr schon bei der Konstruktion der Gebäude achten können“, monierte Eskau. „Es ist letztlich nicht ganz so überlegt, dass man gleich einen ebenerdigen Eingang hat, sondern im Nachhinein Rampen angebracht wurden“, sagte die 42-Jährige, die bereits bei den Paralympics von Peking, Vancouver und London am Start war.

Quade sagte: „Die Russen haben sich wirklich alle Mühe gegeben.“ Obwohl natürlich nicht alles perfekt gewesen sei. „Man weiß ja nicht, wie die Nachnutzung aussieht. Letztlich sind wir ja nur Gäste für eine sehr kurze Zeit“, kommentierte Eskau.

Selbst genügend behindertengerechte Toiletten mit Warmwasser gab es – ein traditionelles Problemfeld bei Großveranstaltungen. „Wir haben sonst oft nur solche Dixie-Klos stehen, die sind total unhygienisch und für Rollstuhlfahrer überhaupt nicht geeignet. Aber hier war alles gut, so wie es bei Paralympics auch Standard ist“, meint Eskau.

(Wolfgang Jung, Martin Kloth, dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • Tante Mathilda

    Die Hoffnung stirbt bekanttermaßen zuletzt. Mich würde mal interessieren, wie die Paraolympics in der russischen Öffentlichkeit rezipiert wurden. Hierzulande hat es auch niemanden so richtig interssiert, in Russland dürften die Staatsmedien es rauf- und runtergespielt haben. Ähnlich wie bei den Olympics dürften die Paraolympics nur interessant sein, wenn die eigene Nation ordentlich abräumt und das ist ja bei den meisten Nationen nicht der Fall.

    17. März 2014 at 08:02

KOMMENTAR SCHREIBEN