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Kampf gegen einen unbarmherzigen Gegner

Am Jenaer Universitätsklinikum entsteht Europas größtes Register für Akutschmerzen. Von Grit König

Winfried Meissner ist Leiter der Schmerzambulanz im Universitätsklinikum in Jena. (Foto: Candy Welz/dapd)

Winfried Meißner kämpft gegen einen starken Gegner. Der Kontrahent kommt unbarmherzig und in vielerlei Gestalt daher. Der Leiter des Bereichs Schmerztherapie am Jenaer Universitätsklinikum setzt sich seit mehr als zehn Jahren für bessere Therapien gegen den Schmerz ein. Um im Kampf erfolgreich zu sein, wurden zuerst am Jenaer Klinikum Daten zu Schmerztherapien gesammelt. Dann wurde das Projekt auf ganz Deutschland ausgeweitet. Meißners bislang größter Coup: Er baut gemeinsam mit Medizinern aus neun Ländern das größte Register für Operationsschmerzen in Europa auf. Vom nächsten Jahr an will er weltweit nach dem Erfolg von Schmerztherapien fahnden.

Im Rahmen des deutschen Schmerzregisters QUIPS und der europaweiten Studie PAIN-OUT, welche die EU mit drei Millionen Euro fördert, wurden bislang 250.000 Patientendaten erfasst. 150 Kliniken in Deutschland und 65 Krankenhäuser europaweit beteiligen sich an der Erstellung des Registers. Dieser einmalige Fundus steht nun der medizinischen Forschung offen. Für die beteiligten Krankenhäuser bietet das Register erstmals einen Vergleich mit anderen Häusern und ihren Schmerztherapien. Darüber hinaus können Rat suchende Kliniken über die Homepage konkrete Entscheidungshilfen erhalten.

Schmerzen sollen nicht chronisch werden

Studienleiter Meißner hat ein positives Beispiel parat: In einer Abteilung des Jenaer Klinikums waren die Patienten mit der Schmerzbehandlung nicht zufrieden. Anästhesisten und Pflegende berieten und führten als erste Maßnahme ein, die Operationswunden wie beim Zahnarzt vor dem Eingriff zusätzlich örtlich zu betäuben. „Die Patienten beurteilten die Veränderungen durchweg positiv“, sagt Meißner stolz.

Um das Schmerzregister zu füllen, werden in den beteiligten Kliniken stichprobenartig pro Quartal jeweils 30 bis 50 Patienten einen Tag nach ihrer Operation befragt. „Für den Fragebogen sind fünf bis zehn Minuten Zeit nötig“, sagt Meißner. Gemeinsam mit den Daten über die Therapie werden die Patienten-Auskünfte in einer externen Datenbank analysiert und die Ergebnisse sofort zurückgemeldet. In einem Teilprojekt müssen die Patienten noch einmal nach sechs bis zwölf Monaten Auskunft geben. „Wir wollen verhindern, dass Schmerzen chronisch werden“, sagt die speziell qualifizierte „Schmerz-Schwester“ Simone Melle. Untersuchungen hätten belegt, dass diese Gefahr bei postoperativen Schmerzen besteht.

„Starker Schmerz gehört nicht automatisch zu einem Klinikaufenthalt dazu, er kann wirksam gelindert werden“, sagt Palliativmediziner Meißner. Ausreichend sichere Medikamente und eine Vielzahl von Therapien stehen den Ärzten zur Verfügung. Doch Erhebungen aus dem In- und Ausland belegen, dass sich die schmerztherapeutische Versorgung von stationären Patienten in den vergangenen 30 Jahren bis heute nur wenig verbessert hat. „Fast die Hälfte aller operierten Patienten leiden danach an starken Schmerzen“, sagt Meißner.

Viele geben ihre Schmerzen nicht zu

Ein Grund für die schlechte Bilanz ist nach Worten des Experten, dass die Schmerztherapie ein besonders komplexes medizinisches Problem darstellt. Zum anderen wird sie von vielen Ärzten nicht ernst genommen. Übrigens: Bisher konnten Ärzte ihr Studium und ihre Facharztausbildung abschließen, ohne sich mit dem Thema Schmerzmedizin zu beschäftigen. Erst im Mai wurde ein neues Gesetz beschlossen, damit die Schmerzmedizin Pflichtfach für angehende Ärzte wird. (ROLLINGPLANET berichtete: Schmerzmedizin wird Pflichtfach im Medizinstudium)

„Auch für die meisten Patienten gehören Schmerzen zur Operation dazu“, sagt Meißner. Schmerzen zuzugeben, bedeutet für viele Schwäche. Dabei geht es in dem Projekt nicht um Schmerzfreiheit. „Wir wollen sie erträglich machen“, sagt Melle. Schmerzen sind sinnvoll, denn sie warnen vor einer Gefahr. „Wenn sie jedoch so stark sind, dass Patienten nicht aufstehen und nicht schlafen können, müssen sie behandelt werden.“ Die unerträgliche Pein kann Stressreaktionen hervorrufen, die Wundheilung behindern und die Rehabilitation verzögern.

In den nächsten Monaten läuft die intensive Auswertung der gesammelten Daten. Meißner erhofft sich daraus unter anderem auch Schlussfolgerungen über die Unterschiede im weiblichen und männlichen Schmerzempfinden. Schon jetzt hat sein Team herausgefunden, dass Blinddarmoperationen zu den schmerzhaftesten Eingriffen gehören und dass bestimmte Mandeloperationen fast so wehtun wie manch große Operation am Brustkorb.

(dapd-lth)

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