Kampf um die Deutsche Meisterschaft: RSB Thuringia Bulls entzaubern RSV Lahn-Dill

Erstes Playoff-Finale der Rollstuhlbasketballer: Überragender André Bienek führt die Ostdeutschen zu einem furiosen Sieg gegen den Titelverteidiger.

Schlechte Aussichten für Joe Bestwick von RSV Lahn-Dill (weißes Trikot), gute Aussichten für den am Samstag überragenden André Bienek von RSB Thuringia Bulls (links, blaues Trikot). (Foto: Armin Diekmann)

Schlechte Aussichten für Joe Bestwick von RSV Lahn-Dill (weißes Trikot), gute Aussichten für den am Samstag überragenden André Bienek von RSB Thuringia Bulls (links, blaues Trikot). (Foto: Armin Diekmann)

Wie im Vorjahr liegt Titelverteidiger RSV Lahn-Dill im Playoff-Finale auch im Meisterschaftsrennen 2016 nach Spiel eins der „best-of-three“ Serie mit 0:1 zurück. Am Samstagabend musste der zwölffache Meister eine bittere 58:70 (13:21/29:40/37:62)-Heimniederlage gegen die RSB Thuringia Bulls hinnehmen. Nach den ersten drei Vierteln sah es danach aus, als würde der Herausforderer seinen Gegner deklassieren – in Spielabschnitt eins und drei (21:13 bzw. 22:8 für Thüringen) sah es sogar nach einer Demontage aus. Erst im letzten Viertel gelang den Mittelhessen eine Aufholjagd, die jedoch nichts an ihrer verdienten Niederlage vor heimischen Publikum änderte. Bereits vor einer Woche hatte Thüringen gegen die Übermannschaft des deutschen Rollstuhlbasketballs den DRS-Pokalsieg errungen.

Dieses Mal stand es bereits 37:62 nach dem dritten Spielviertel vor rund 1.400 Zuschauern in der Wetzlarer August-Bebel-Sporthalle, ehe im Angesicht der drohenden höchsten Heimspielniederlage seit 15 Jahren der Gastgeber im letzten Abschnitt aufdrehte. Center Felix Schell leitete direkt nach Beginn der letzten zehn Spielminuten mit seinem Korb einen Lauf ein, den der scheidende Steve Serio mit zwei Drei-Punkte-Spielen und letztlich Kapitän Michael Paye mit einem Dreier zum 56:63 (38.) ausbaute. Doch dieser 19:1-Run der Hausherren kam aufgrund der zuvor offenbarten Fehler zu spät, um noch eine Wende herbeizuführen.

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Bienek überragend, Böhme enttäuschend

Zuvor verkaufte sich der RSV Lahn-Dill insbesondere in der Offensive viel zu harmlos, musste sich gegen die bärenstark auftretenden Gäste aus Thüringen jeden Wurf hart erarbeiten und konnte diese dann oftmals nicht verwerten. Auf der Gegenseite zeigte sich der Herausforderer nicht nur mental geschlossen, sondern auch in seiner Offensive abgeklärt und routiniert. Dabei überragend war Nationalspieler André Bienek, den die RSV-Verteidigung im Pokalfinale vor einer Woche noch gut unter Kontrolle hatte – Bienek traf aus allen Lagen, darunter vier wichtige Dreier von jenseits der 6,75m Markierung; insgesamt gelangen ihm sensationelle 26 Korbpunkte. Bei den Hessen dagegen hatte Nationalmannschaftskollege Thomas Böhme, sonst ein Garant für Erfolge, mit vier Zählern einen schwarzen Tag.

Bis zum 6:6 (4.) und auch beim 11:15 (9.), beides durch RSV-Urgestein Dirk Köhler erzielt, war noch nicht abzusehen, was sich ab Mitte des zweiten Spielviertels abzeichnen sollte. Zwar hatte Bienek mit drei Dreiern binnen 180 Sekunden sein Team auf 21:13 (10.) in Front gebracht, doch von der Spielanlage waren beiden Kontrahenten zu diesem Zeitpunkt noch auf Augenhöhe. Nach einem Freiwurf von Joe Bestwick zum 19:23 (14.) verlor der RSV Lahn-Dill jedoch immer mehr die Kontrolle über die Begegnung, während die Thuringia Bulls ihr Spiel wie ein schweizerisches Uhrwerk abspulten.

Fast noch nie gesehene Demontage

Doch selbst nach dem 32:41 (21.) kurz nach dem Seitenwechsel hoffte der RSV noch auf eine Wende. Die ernüchternde Antwort der Thüringer war jedoch ein fast unfassbarer 18:3-Lauf der Gäste im Wohnzimmer der Wetzlarer Rollis. Während die Bulls die RSV-Defensive immer wieder aushebelten, drohte den Mittelhessen in dieser Phase eine empfindliche und in der August-Bebel-Sporthalle in dieser Form fast noch nie gesehene Demontage.

Als die deutlich spürbare mentale Verunsicherung im Team am größten war und niemand der 1.400 Besucher einen realistischen Pfifferling auf die Hausherren gesetzt hätte, kippte die Partie dennoch urplötzlich. Mit Physis und begeisterndem Kampfgeist erweckte die Mannschaft von Head Coach Nicolai Zeltinger die Begegnung wieder zu einem echten Playoff-Duell. Jetzt, wo nichts mehr zu verlieren war, wirkten die Wetzlarer auf einmal befreit und diktierten, was auf dem Heimparkett passierte. Punkt um Punkt kam der RSV nun im letzten Abschnitt näher, während auf der Thüringer Bank der Blick zur Anzeigetafel und zur Uhr immer sehnsüchtiger wurde.

Doch am Ende war die Masse an zuvor gemachten Fehlern zu groß und die Restspielzeit zur kurz, um die Partie doch noch einmal zu den eigenen Gunsten kippen zu können. Mit vier Punkten des erneut starken Raimund Beginskis setzte Thüringen den absolut verdienten Schlusspunkt in einem ersten Playoff-Finalspiel.

Wut im Bauch

„Für uns war es natürlich für den weiteren Verlauf der Finalserie von enormer Bedeutung, dass wir mental noch einmal ins Spiel zurückgefunden haben und vor allem uns selbst beweisen konnten, dass wir es können“, so ein sichtlich niedergeschlagener Nicolai Zeltinger nach der Schlusssirene. „Sicher ist die Aufgabe jetzt mehr als schwer, beide kommenden Spiele in Elxleben gewinnen zu müssen, doch aussichtslos oder gar unmöglich ist das natürlich nicht. Wir haben noch zwei Chancen und die wollen und werden wir mit aller Wut im Bauch auch wahrnehmen“, so Zeltinger weiter.

Der 45-Jährige bezog sich damit bereits auf Spiel Nummer zwei der Finalserie am kommenden Samstag um 18 Uhr in Thüringen, bei dem die Hessen nun ausgerechnet in der von ihnen so ungeliebten und belächelten Halle der Bulls zwingend gewinnen müssen, um ein drittes und dann alles entscheidende Endspiel nur 20 Stunden später an gleicher Stelle zu erzwingen. Zwar ist im Vorjahr den Wetzlarer Rollis genau dies mit einer Energieleistung gelungen, als sie aus einem 0:1 noch einen 2:1-Triumph machten. In diesem Jahr sind die Thüringer jedoch mannschaftlich noch geschlossener und eingespielter als im Vorjahr – sie dürften der Favorit auf den Titel sein.

Lahn-Dill: Michael Paye (20/2 Dreier), Dirk Köhler (13), Steve Serio (11/1), Joe Bestwick (6), Thomas Böhme (4), Felix Schell (4), Annabel Breuer, Björn Lohmann, Nico Dreimüller (n.e.), Jan Haller (n.e.), Christopher Huber (n.e.)
Thüringen: André Bienek (26/4), Raimund Beginskis (16), Aliaksandr Halouski (14), Joakim Linden (11), Teemu Partanen (3), Dan Highcock, Marcus Kietzer, Venckus Nerijus, Marvin Malsy (n.e.).

(RP/PM/aj)

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