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Kann ich künftig den Schwanz eines Querschnittgelähmten fernsteuern?

Brain-To-Brain Interface: Mensch steuert Finger eines anderen über das Web. Wie geht es weiter?

Beim Spiel, das ernst ist: Rao (links) denkt, Stocco feuert. (Foto: University of Washington)

Beim Spiel, das ernst ist: Rao (links) denkt, Stocco feuert. (Foto: University of Washington)

Sie entschuldigen unsere vulgäre Überschrift, für die wir uns entschieden haben, um keinen Penisneid auszulösen.

Selbst FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ist beeindruckt: „Der Mesmerismus kehrt zurück“, twitterte er heute um 16:09 Uhr. Da nicht hinter jedem ROLLINGPLANET-Artikel ein kluger Kopf steckt, haben wir vorsichtshalber nachgeschaut, uns hoffentlich nicht verspickt und erklären nun den Begriff, den Methusalem-Experte Schirrmacher vor Augen gehabt haben könnte:

Mesmerismus – benannt nach dem aus heutiger Sicht vermutlich eher unseriösen Dr. med Franz Anton Mesmer (1734-1815) – vertritt die These, dass die Ursache von Krankheiten eine Behinderung des freien Flusses des im Körper verborgenen Magnetismus’ ist, und dass ausgebildete Heiler (die eine spezielle Gabe besitzen sollten) solche Blockaden mit Handbewegungen beseitigen können.

Finger eines anderen Menschen per Interface gesteuert

Worum geht’s? Was hat Schirrmacher (und uns) verzückt? Forschern der University of Washington ist es eigenen Aussagen zufolge erstmals gelungen, die Bewegungen einer Testperson über das Internet vom Gehirn eines anderen Menschen aus zu steuern. Mithilfe des eigens für diese Zwecke entwickelten „human-to-human brain interface“ konnte demnach ein Wissenschaftler einen Kollegen am anderen Ende des Universitätscampus dazu bringen, mit einem Finger eine bestimmte Keyboard-Taste zu drücken, obwohl er das gar nicht wollte.

Möglich wird dies durch ein ausgeklügeltes System aus Elektroenzephalografie (EEG) und transkranieller Magnetstimulation (TMS), die die beiden Gehirne der Probanden quasi miteinander „vernetzt“. Bislang können auf diese Weise allerdings nur sehr einfache Informationen ausgetauscht werden.

Steuerung über das Internet

    Funktionsweise der Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation (Foto: University of Washington)

Funktionsweise der Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation (Foto: University of Washington)

„Das Internet war einmal eine Möglichkeit, um Computer zu vernetzen. Jetzt funktioniert das auch mit menschlichen Gehirnen“, erklären die beiden Projektleiter Andrea Stocco und Rajeh Rao von der University of Washington. „Unser Ziel ist es, das gesamte Wissen eines Gehirns zu nehmen und es direkt von einem Hirn in ein anderes zu transferieren“, fassen sie ihre längerfristige Vision zusammen.

Bislang habe man aber nur den ersten Schritt geschafft. „Es war sowohl aufregend als auch unheimlich zu sehen, wie eine gedachte Handlung meines Gehirns in ein anderes übertragen und dort in eine tatsächliche Aktion umgesetzt wird“, beschreiben die Froscher das erfolgreiche Selbstexperiment.

Beweisvideo auf YouTube

Um der Öffentlichkeit zu beweisen, dass ihr human-to-human brain interface tatsächlich funktioniert, haben die beiden Wissenschaftler ihren innovativen Versuch per YouTube-Video (siehe unten) festgehalten. Darin wird auf der linken Seite Rao gezeigt, wie er mit einer elektroenzephalografischen Haube auf dem Kopf vor einem Computerspiel ohne Steuerelement sitzt. Rechts in Bild ist sein Kollege Stocco mit einer Kappe für transkranielle Magnetstimulation und dem Steuerknopf von Raos Spiel zu sehen, der in einem anderen entfernten Gebäude sitzt.

Der Test verlief folgendermaßen: Rao musste auf einen Computerbildschirm schauen und in seinen Gedanken ein simples Videospiel spielen. Immer dann, wenn er dabei eine kleine Kanone auf ein Ziel abfeuern sollte, stellte er sich vor, mit seiner rechten Hand einen speziellen Kommando-Button zu drücken. Seine Hand selbst durfte er nicht bewegen. Hier kam Kollege Stocco ins Spiel, dessen rechter Zeigefinger sich beinahe ohne jegliche Zeitverzögerung in Richtung der richtigen Keyboard-Taste bewegte, um den Befehl zum Schuss auszuführen. Immer wenn also Rao seinen Finger bewegen wollte, betätigte Stocco den Auslöser auf der Steuertastatur.

Von Mensch zu Mensch

Dass die Entwicklung im Bereich der Computer-to-Brain-Interfaces in den vergangenen Jahren rasant vorangeschritten ist, zeigen erfolgreiche Versuche mit Mäusen. Erst Anfang dieses Monats sorgte etwa eine Meldung für Aufsehen, derzufolge es Forschern mithilfe von Computerbefehlen gelungen ist, bei den Nagetieren falsche Erinnerungen hervorzurufen. Auch im Brain-to-Brain-Bereich gab es bereits erste Erfolge mit Ratten. Mit der Kraft ihrer Gedanken konnten die Menschen den Schwanz der Ratte bewegen.

Das aktuelle Beispiel aus Washington zeigt nun auch die entsprechenden Möglichkeiten auf, die Gehirne von Menschen miteinander zu verbinden. „Mit dieser Technologie kann man derzeit nur einige Arten von sehr einfachen Gehirnsignalen übertragen“, warnt Rao, die Technik zu überschätzen. „Dadurch erhält niemand die Macht, die Handlungen einer anderen Person gegen ihren Willen zu steuern.“

Wie geht es weiter?

Die politisch-gesellschaftskritische Version
Die kapitalismuskritische Version
Die vulgäre Version

(pte/RP)

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1 Kommentar

  • Andrea Bröker

    Hä?

    28. August 2013 at 19:58

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