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Kann ja mal vorkommen: „Mitten unter uns in Deutschland verhungert“

Mutter angeblich zu krank, der Bruder desinteressiert – wegen unterlassener Hilfe krepiert ein 56-jähriger Behinderter.

Der Angeklagte und seine Rechtsanwältin (Foto: Holger Hollemann/dpa)

Der Angeklagte und seine Rechtsanwältin (Foto: Holger Hollemann/dpa)

„Ein Mensch ist mitten unter uns in Deutschland verhungert. Wer schuld ist, ist schwer zu beurteilen“, sagte Richter Ralf-Michael Polomski, als er sein Urteil – eine Bewährungstrafe – verkündete. Ist das wirklich so schwer zu beurteilen?

Mehr als Bewährung hatte auch die Staatsanwältin nicht gefordert. Dabei beträgt laut Paragraf 221 StGB (Aussetzung mit Todesfolge) bei einem Schuldspruch die Mindeststrafe drei Jahre Haft, bei einem minderschweren Fall wenigstens ein Jahr Gefängnis. Ging es also nur um einen ganz harmlosen Fall?

Verwahrlost, verhungert. Oder: verreckt

Im Februar 2012 war ein geistig behinderter Mann in der Wohnung seiner 73-jährigen Mutter in Salzgitter gestorben, bis auf die Knochen abgemagert. Ein von der Mutter alarmierter Hausarzt fand ihn tot im Bett vor und verständigte die Polizei.

Bei einer Körpergröße von über 1,80 Meter wog der Tote nicht einmal mehr 30 Kilogramm. Sein Zimmer war nach Aussagen der Ermittler verwahrlost und von Kot- und Essensresten verschmutzt, die Kniegelenke des Opfers waren versteift.

Wegen eines Hirnschadens hatte der 56-Jährige zu Lebzeiten zwar einzelne Wörter sprechen, sich aber nicht selbst versorgen können. Gutachter gehen davon aus, dass das Opfer über Wochen oder gar Monate an Unterernährung litt.

Keiner fühlte sich verantwortlich

Die Mutter hat Diabetes und war infolge dessen nach Einschätzung der Ermittler überfordert mit der Pflege ihres Sohnes. Sie musste sich wegen Schuldunfähigkeit nicht vor Gericht verantworten.

Tatsächlich war der jüngere, 48 Jahre alte Bruder des Opfers zum gesetzlichen Betreuer ernannt worden. Er wurde deshalb jetzt zur Rechenschaft gezogen – falls man davon bei anderthalb Jahren Haft auf Bewährung sprechen kann.

Der Verurteilte ist nach eigener Aussage davon ausgegangen, dass sich die Mutter um den Schwerbehinderten kümmert. Er habe zwar regelmäßig Besorgungen für die Familie gemacht, führte der Richter an. „Zum Aufgabenkreis gehört aber auch die Gesundheitsfürsorge.“

„Ich muss das Urteil annehmen“

Wie muss man sich das vorstellen? Einkaufstüten abgegeben – aber monatelang nicht mal einen Blick in das Zimmer seines Bruders geworfen? Völlig desinteressiert, weil man mit dem sowieso nichts anfangen kann?

„Ich habe Fehler gemacht und muss das Urteil annehmen“, sagte der Verurteilte. „Ich hoffe, dass ich jetzt richtig um meinen Bruder trauern kann.“

Wir müssen das Urteil leider auch so annehmen, selbst wenn mitten unter uns in Deutschland jemand verhungert ist. Der Fehler des Opfers? Es hatte eine Behinderung.

(RP/dpa)

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5 Kommentare

  • Carsten Oltrogge

    🙁

    17. Oktober 2013 at 20:55
  • Markus Balkenhol

    Unglaublich und einfach nur schrecklich! Nicht nur der vorfall sondern auch die „Strafe“… Was sagt das aus über den Stellenwert von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft?

    17. Oktober 2013 at 21:37
  • Willi Schroeder

    Menschen mit Behinderungen haben keinen Stellenwert zu haben. Die kosten das System nur Geld.

    17. Oktober 2013 at 23:51
    • Thomas

      Ich finde es unverschämt zu schreiben, dass Behinderte keinen Wert in der Gesellschaft haben. Unverschämt!

      18. Oktober 2013 at 18:07
  • Jan Kajnath

    Wenn ich den Bericht genau lese, hat hier vor allem die Familie versagt. Wenn man Hilfe benötigt und danach fragt, bekommt man sie auch und vor allem in Deutschland. Ist manchmal vielleicht ein wenig mühsam und wird als nicht gerecht empfunden, aber verhungern muß niemand. Die Mutter war überfordert und der Bruder nicht interessiert. Das Verhungern hat sicher Monate gedauert. Worüber der Mann jetzt trauern will, verstehe ich nicht!

    18. Oktober 2013 at 10:38

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