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Kanu statt Afghanistan: Stefan Deuschl erkennt, dass es auch ohne Beine geht

Nach dem Scheitern bei der WM visiert er nun Rio 2016 an. Über einen Mann, der nicht als Soldat, aber als Mensch desertieren wollte. Von Michael Brehme

Gestern ganz knapp im Halbfinale der Parakanu-WM gescheitert: Stefan Deuschl (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Gestern ganz knapp im Halbfinale der Parakanu-WM gescheitert: Stefan Deuschl (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Frustriert hockt Stefan Deuschl in seinem Rollstuhl, selbst die innige Umarmung seines Trainers kann den Missmut nicht vertreiben. „Du hättest den WM-Finaleinzug wirklich verdient gehabt“, flüstert Coach Horst Schlisio seinem Parakanu-Schützling ins Ohr.

Um eine Zehntelsekunde nur hat Deuschl den Endlauf verpasst, was gerade im Behindertensport einer absoluten Winzigkeit gleichkommt. Schlisios Worte aber trösten den 46-Jährigen wenig, er will nur noch weg, allein sein mit sich und seinen Gedanken nach dem Aus im 200-Meter-Halbfinale der Parakanu-WM, die in Duisburg ins Programm der Spitzenathleten integriert worden ist.

Opfer eines Selbstmordattentats

Stabsfeldwebel Stefan Deuschl, Anschlagsopfer vom 14.11.2005 in Kabul und Vorstandsmitglied der "Oberst-Schöttler-Versehrten-Stiftung" (Foto: Arno Burgi dpa/lbn)

Stabsfeldwebel Stefan Deuschl, Anschlagsopfer vom 14.11.2005 in Kabul und Vorstandsmitglied der „Oberst-Schöttler-Versehrten-Stiftung“ (Foto: Arno Burgi dpa/lbn)

Dabei wirkt der sportliche Rückschlag als Behindertensportler im Kajak-Einer am Niederrhein wie eine Banalität im Vergleich zu dem, was Stefan Deuschl schon mitmachen musste in seinem bewegten Leben.

Bei einem Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan verliert der frühere Hauptfeldwebel im November 2005 beide Beine, als er mit zwei anderen Soldaten Opfer eines Selbstmordattentats wird. Einer seiner Kollegen verliert den Unterschenkel, der dritte stirbt.

Fast acht Jahre liegt das verhängnisvolle Sekunden-Attentat inzwischen zurück, das Deuschls Leben auf den Kopf stellte und für immer veränderte. Er behielt sein Leben, immerhin. Aber leben ohne Beine? Schwer vorstellbar für einen, der sich jahrelang auch über seine Athletik und Ausdauer definiert hatte.

Ein überzeugter Berufssoldat

18 Jahre lang war er mit „Leib und Seele“ bei der Bundeswehr, zunächst als Zeit- und später als Berufssoldat. Schon vor dem Afghanistan-Anschlag war er mehrmals im Kosovo stationiert gewesen, nie hatte er Zweifel an seinem Job.

Im November 2005, gut eine Woche nach dem Attentat, erfährt Deuschl die bittere Wahrheit, als er aus dem künstlichen Koma erwacht. Die Krankenschwester sagt ihm, dass er im Krankenhaus liege. Er spürt ein furchtbares Brennen an den Füßen, „typischerweise wie nach einem langen Marsch“, sagt er.

Deuschl bittet die Schwester, ihm die Stiefel auszuziehen. Doch stattdessen offenbart ihm der Arzt, dass er seine Beine verloren hat, dass er Phantomschmerzen verspüre, dass es „nichts zum Ausziehen gibt“, wie er es flachsig ausdrückt.

Zwei Söhne halten ihn vom Selbstmord ab

Stefan Deuschl hat den Krieg in seinem Kopf gewonnen (Foto: Marcus Brand/dpa)

Stefan Deuschl hat den Krieg in seinem Kopf gewonnen (Foto: Marcus Brand/dpa)

Der Weg in ein neues Leben ist ein schwerer. Zwei Söhne hat Stefan Deuschl, „die haben mir im Nachhinein praktisch das Leben gerettet“, meint er. „Ansonsten hätte ich meiner Frau gesagt: Es war eine schöne Zeit, belaste dich jetzt nicht mit mir, fang‘ ein neues Leben an.“ Seine Kinder aber, damals erst sieben und neun Jahre alt, brauchen ihn. Also kämpft er auch gegen die vermeintliche Ausweglosigkeit an.

Fast ein Jahr verbringt der Mann aus Garmisch-Partenkirchen in der Reha, muss unzählige Nachoperationen über sich ergehen lassen. Am Anfang ist er völlig abgemagert, wiegt kaum noch 50 Kilogramm, hat kaum noch Muskeln.

„Ich habe mir dann gesagt: Jetzt muss es eben so weitergehen – ohne Beine“, kommentiert er. 2006 kauft er sich ein Handbike, ein Jahr später fängt er bei den Para-Skifahrern an. 2012 steigt er schließlich erstmals ins Rennkanu.

Stefan Deuschl versuchte es zunächst als Handbiker – hier 2009 beim Marathon in Hamburg. (Foto: dpa)

Stefan Deuschl versuchte es zunächst als Handbiker – hier 2009 beim Marathon in Hamburg. (Foto: dpa)

„Er kam aus dem Nichts“

Er wird in die mittlere Schadensklasse eingestuft, weil er Arme und Rumpf immer noch normal bewegen kann. Er merkt schnell, dass er mithalten kann – mit der übersichtlichen nationalen Konkurrenz allemal. „Er kam aus dem Nichts und war sofort ganz vorne dabei“, sagt Bundestrainer Schlisio.

Bei der deutschen Meisterschaft in Brandenburg/Havel gewinnt er im vergangenen Herbst über 200 Meter und übersteht danach auch die weiteren Qualifikationshürden souverän. Er darf bei der Parakanu-WM in Duisburg starten; nur um ein Minimum verpasst der Quereinsteiger dort am Mittwoch den Endlauf.

Sein kurzfristiges Ziel hat er verfehlt, sein langfristiges ist aber sowieso ein ganz anderes: Bei den Paralympics 2016 in Rio dabei zu sein. Dann ist Parakanu zum ersten Mal überhaupt beim Behindertensport-Großereignis mit im Programm.

(dpa)

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