Kassandra Wedel beweist, dass Gehörlose alles können

Sie schlägt im Finale von „Deutschland tanzt“ den oberpeinlichen Oliver Pocher, aber auch ernst zu nehmende Konkurrenz.

Strahlende Gewinnerin der Tanzshow: Die gehörlose Kassandra Wedel. (Foto: ProSieben/Willi Weber)

Strahlende Gewinnerin der Tanzshow: Die gehörlose Kassandra Wedel. (Foto: ProSieben/Willi Weber)

Es war eine TV-Show für drei Samstagabende, die mit vielen Überlängen quälte und gesamtzuschauertechnisch mäßig ankam: Für das Halbfinale hatten sich nur noch 680.000 Menschen zwischen 14 und 49 Jahren (Marktanteil: 7,1 Prozent) interessiert. Damit lagen die Zahlen noch niedriger als bei der Premiere (730.000, 8,3 Prozent). Doch für die Gehörlosenszene war „Deutschland tanzt“ ein riesiger Erfolg: Die taube Profi-Tänzerin Kassandra Wedel hat den ProSieben-Wettbewerb mehr als verdient gewonnen. Sie lieferte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Oliver Pocher, der sich in die letzte Runde geekelt hatte.

„Wenn ich jetzt eine Erektion kriegen würde, wär’s peinlich“, sagte Pocher, als er sich für seinen Auftritt im Slip die Beine enthaaren ließ. Eine Erektion bekam er nicht, aber oberpeinlich wurde es trotzdem: Pocher, der immer noch glaubt, dass er ein lustiger Entertainer ist, hampelte im hautfarbenen Body und mit einer wasserstoffblonden Perücke auf dem Kopf herum.

Sechs Bundesländer waren im Finale: Magdalena Brzeska und ihre Tochter Noemi Peschel für Baden-Württemberg, Avelina Boateng für Berlin, Taynara Wolf für Hessen, Wedel für Bayern, Pocher für Niedersachen und Fernanda Brandao für Hamburg. „Es tut uns Gehörlosen ganz gut, mit Kassandra mitzufiebern und uns für sie zu freuen. Besonders schön ist auch, dass sie sich mit dem Dolmetscher in der Gebärdensprache authentisch ausdrücken konnte“, so Helmut Vogel, Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes e.V.

Sechs Bundesländer – darunter Bayern mit Kassandra Wedel – hatten sich fürs Finale qualifiziert. (Foto: ProSieben/Jens Koch)

Sechs Bundesländer – darunter Bayern mit Kassandra Wedel – hatten sich fürs Finale qualifiziert. (Foto: ProSieben/Jens Koch)

Wedel gehört zu den besten Hip-Hop-Tänzerinnen Europas. Als vierjähriges Kind verlor sie bei einem Autounfall ihr Gehör. „Es ist nicht so bekannt, dass Gehörlose Schauspieler oder Tänzer sind. Das gibt es in Deutschland einfach nicht. Es ist gut, dass die Leute sehen, dass wir auch sehr viele Möglichkeiten haben“, erklärt die 31-Jährige, die Musik ausschließlich durch den Bass wahrnimmt.

Wedel, die in München lebt (hier geht es zum ausführlichen Porträt), baute am Samstagabend in ihrer Freestyle-Performance Elemente der Gebärdensprache ein und freute sich am Schluss nach ihrem Sieg: „,Deutschland tanzt‘“ hat mir die Chance gegeben, zu zeigen, dass Gehörlose alles können – auch tanzen.“

Muss man der Vollständigkeit halber wohl auch zeigen: Oliver Pocher. (Foto: ProSieben/Willi Weber)

Muss man der Vollständigkeit halber wohl auch zeigen: Oliver Pocher. (Foto: ProSieben/Willi Weber)

(RP)

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3 Kommentare

  • Andrea Bröker

    Warum sollte ein gehörloser Mensch denn nicht alles können? Ich wundere mich immer wieder über solche pauschalisierende Aussagen.

    27. November 2016 at 09:31
    • Melsi Cullen

      Weil eben oft ahnungslose Leute fragen, ob Gehörlose denn überhaupt Auto fahren dürfen..

      27. November 2016 at 15:29
      • Andrea Bröker

        Solange sich Hörende beim Autofahren mit Musik zudröhnen dürfen, dürfen Gehörlose ja wohl Autofahren. Was für eine dämliche Frage! Da wäre ich nie drauf gekommen. Da müsste man ja auch fragen, ob ich als Autistin überhaupt auf die Menschheit losgelassen werden darf und zwar ohne Begleitung.

        27. November 2016 at 16:08

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