""

Kein Deutsch, kein Herz?

Eine Klinik verweigerte einem irakischen Flüchtling wegen mangelnder Sprachkenntnisse Hilfe. Ist das rechtens? Von Matthias Arnold

Das Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen. (Foto: dpa)

Das Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen. (Foto: dpa)

Darf man einem Menschen wegen mangelnder Sprachkenntnisse eine lebensrettende Herztransplantation verweigern? Die Ärzte des Herz- und Diabeteszentrums in Bad Oeynhausen (HDZ) haben diese Frage zumindest teilweise bejaht und Hassan Rashow-Hussein im Frühjahr 2010 nicht auf die Warteliste für Spenderorgane gesetzt.

Wegen gravierender Verständigungsprobleme sei zweifelhaft, ob der Patient aus dem Irak die ärztlichen Vorgaben für die Vor- und Nachbehandlung verstehen und konsequent umsetzen würde, hieß es. Der Fachbegriff dafür lautet „Komplianz“. Der 62-jährige Iraker erfülle damit nicht die nötigen Voraussetzungen für eine Transplantation, begründeten die Mediziner ihre Entscheidung.

„Hoffnung gemacht und im Stich gelassen“

Doch Rashow-Hussein wollte diese Entscheidung nicht akzeptieren. Der Iraker verklagte die Klinik und verlangt ein Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro. Nun muss das Landgericht Bielefeld entscheiden. „Sie haben mir Hoffnungen gemacht und mich am Ende fallen lassen. Ich finde, dass ich von dem Krankenhaus menschlich und gesundheitlich im Stich gelassen worden bin“, teilt Rashow-Hussein schriftlich über seinen Anwalt mit. Interviews gibt er angesichts des gerichtlichen Verfahrens im Moment keine. Am 20. Dezember beginnt der Prozess.

Vor über 13 Jahren ist Hassan Rashow-Hussein aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Er ist Jeside, eine Religionsgemeinschaft, die im Irak bis heute immer wieder Gewalt und Verfolgung ausgesetzt ist. Inzwischen lebt er mit seiner Familie im niedersächsischen Peine. Die Sprache hatte er in dieser langen Zeit allerdings nicht gelernt.

„Es muss sichergestellt sein, dass der Patient nach der Transplantation jederzeit Anweisungen, Ratschläge und Aufklärung von Ärzten und Pflegepersonal in die Tat umsetzen kann“, sagt der Leiter der Herzchirurgie am Herz- und Diabeteszentrum HDZ, Jan Gummert. Denn Missverständnisse könnten im schlimmsten Fall tödliche Konsequenzen haben. Die HDZ-Ärzte berufen sich auf Richtlinien der Bundesärztekammer. Dort heißt es, dass auch sprachliche Schwierigkeiten eine mangelnde Komplianz und damit eine Nichtaufnahme auf die Warteliste bedeuten können.

Inzwischen hat sich eine andere Klinik gefunden

Der 36-jährige Anwalt Cahit Tolan vertritt Rashow-Hussein vor Gericht (ROLLINGPLANET berichtete). „Die Voraussetzungen der Komplianz dürfen überhaupt nicht auf sprachliche Schwierigkeiten zurückgeführt werden“, sagt er. Im Februar dieses Jahres erstritten er und sein Mandant vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Prozesskostenhilfe. Denn für eine Klage hatte Rashow-Hussein nicht genug Geld.

Um den Platz auf der Warteliste geht es bei der Verhandlung in Bielefeld allerdings nicht mehr. Wenige Wochen nach der Ablehnung aus Bad Oeynhausen haben die Ärzte der Uniklinik Münster Rashow-Hussein auf die Liste genommen und behandeln ihn seither. Warum sie die Lage anders als ihre Kollegen in Bad Oeynhausen einschätzen und wie sie die Sprachprobleme überwinden wollen, dazu will die Klinik in Münster nichts sagen und verweist auf das schwebende Verfahren.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

3 Kommentare

  • ulf_der_freak

    Gibt ja keine qualifizierten Übersetzer in Deutschland. Und auch sonst niemanden, der übersetzen könnte. Vielleicht gibt es nur Leute, die mehr Geld haben?

    18. Dezember 2013 at 12:53
  • Rolling Thunder

    Wieso eigentlich hat Deutschland schon wieder die Bringschuld für einen Dolmetscher? Für jemanden, der in 13 Jahren Aufenthalt offenbar keinerlei Interesse daran hatte, sich in diesem Land verständlich zu machen?

    Die Argumentation des Herzzentrums ist für mich als Betroffenen nachvollziehbar, während die Aussage des Anwalts heiße Luft verströmt..

    Es ist überhaupt nicht damit getan, daß da mal eben jemand fünf Minuten übersetzt. Da müssen Experten ran.

    Wenn ich bedenke, wieviel ich in der Reha wegen meiner Herzklappe und der Umstellung meines Lebens pauken mußte – und ein neues Herz dürfte deutlich komplizierter sein! – so ergibt sich daraus, daß er permanent eine Art Kindermädchen braucht. Wer bezahlt das dann?

    Er wird doch vortrefflich beim Fordern und Klagen unterstützt. Ist nicht jemand dabei, der ihm bis zu seinem Lebensende den Hintern hinterhertragen kann? So jemanden wird er nämlich brauchen.

    Und wenn aufgrund der selbst verursachten Situation etwas schiefgeht (und das wird es!), kann die Familie die bösen Ärzte ebenfalls in Grund und Boden klagen.

    Ich bin echt froh, hier zu leben. Ich glaube, man muß andere Länder, in denen so etwas möglich ist, mit der Lupe suchen.

    19. Dezember 2013 at 16:25
  • Karin

    Kein Arzt verweigert so eine wichtige Therapie nur wegen zu schlechter Deutschkenntnisse. Ich habe einige Jahre auf einer Krebsstation einer Uniklinik gearbeitet und nicht nur einmal erlebt, daß ausländische Patienten trotz Dolmetscher damit überfordert waren, mit ihrer Krankheit und ihrer Therapie richtig um zu gehen. Es mangelte diesen Patienten nicht nur an der deutschen Sprache, sondern auch an der richtigen Einstellung. Wegen ihrer kulturellen und sozialen Herkunft waren sie gar nicht in der Lage, die von ihnen geforderte Kompliance zu verstehen, geschweige denn um zu setzten. Bei einer Krebstherapie ist das nur für den Betroffen schlimm. Krebsmedikamente gibt genug. Aber Spenderherzen sind rar. Wenn ein Patient, der seinem Spenderherzen nicht die Wertschätzung erweist die es zum überleben braucht, wird der Patient sterben. Und nimmt damit auch einem anderen Patient, der mit diesem Spenderherz besser umgegangen wäre und eine deutlich bessere Überlebenschancen gehabt hätte, daß Leben. Deshalb kann ich die Entscheidung dieser Herzklinik gut verstehen.

    20. Dezember 2013 at 09:35

KOMMENTAR SCHREIBEN