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Kein Tier in mir: So kassieren Veganer keine dummen Sprüche

Ernähren sich junge Menschen vegan, wird ihnen das Leben erst mal schwer gemacht – auch von den Alten. Muss das sein? Von Jennifer Töpperwein

Dumme Sprüche musste sich Jungunternehmerin Nicole Froning nicht gefallen lassen: Dass sie sich vegan ernährt, haben Eltern und Freunde schnell akzeptiert. (Foto: Caroline Seidel/dpa)

Dumme Sprüche musste sich Jungunternehmerin Nicole Froning nicht gefallen lassen: Dass sie sich vegan ernährt, haben Eltern und Freunde schnell akzeptiert. (Foto: Caroline Seidel/dpa)

Lachs ohne Fisch drin, Käse ohne Milch und selbst Hundefutter ohne Fleisch. Was ungewöhnlich klingt, gehört für Nicole Froning zum Alltag. Die 23-Jährige ist die Inhaberin des ersten veganen Supermarkts in Düsseldorf, „Pfau“. Sie bietet Lebensmittel an, die keine tierischen Produkte enthalten. Neben Fleisch und Fisch sind also auch Milch, Eier und Honig tabu.

Vegan ist durchaus gefragt: Bundesweit ernähren sich 800.000 Menschen so, zeigen die Daten der Veganen Gesellschaft Deutschland. Der Umsatz mit veganen Produkten ist 2012 um mehr als 19 Prozent auf rund 232 Millionen Euro gewachsen.

Vor drei Jahren kannte Froning die Produkte, die sie verkauft, noch gar nicht. Sie war Landwirtin in Münster, molk täglich Kühe und sortierte Schweine zum Schlachten aus. „Zur Veganerin wurde ich erst, als ich mich über gesunde Ernährung informierte“, erzählt die junge Frau. Zu den gesundheitlichen Beweggründen kamen moralische. Eins kam zum anderen: Sie gab ihren Beruf auf und eröffnete in Düsseldorf ihr Geschäft, als sie feststellte, dass sie in der Stadt manche Produkte vergeblich suchte.

Gesundheitliche und moralische Gründe

Wie unterschiedlich die Gründe sind, vegan zu leben, weiß Hendrik Thiele. Er ist Leiter von PETA2, einer Jugendkampagne der Tierrechtsorganisation mit Sitz in Gerlingen. Er hat jeden Tag mit Jugendlichen zu tun, die auf tierische Produkte verzichten. „Letztens sprach ich mit einer 14-Jährigen, die seit zwei Jahren vegan lebt“, erinnert er sich. „Sie begründete das damit, dass es ihr körperlich besser gehe.“ Außerdem wollte sie Tiere und die Umwelt schützen.

Das Mädchen kannte sich gut in Ernährungsfragen aus. Dieses Wissen findet man laut Thiele bei den meisten Veganern. Seiner Meinung nach ernährten sich Veganer oft besser als Gleichaltrige, die Fleisch essen.

Doch bis dahin gibt es viel zu lernen. Mädchen und Jungen müssen darauf achten, genügend Proteine, Kalzium, Eisen, Zink und Jod zu sich zu nehmen. Ein Mangel kann bei Vitamin B2, Vitamin D und vor allem bei Vitamin B12 auftauchen. Veganer sollten wissen, wie sie Getreide, Hülsenfrüchte, Obst, Gemüse und eventuell Ergänzungsmittel kombinieren müssen, um alle wichtigen Nährstoffe zu erhalten.

„Sogar meine Migräne war weg“

Besonders für jugendliche Veganer sei das wichtig, sagt Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn. „Sie sind schließlich im Wachstum. Da benötigt der Körper viel Energie.“ Sie empfiehlt jungen Menschen deshalb, ihre Nährstoffversorgung beim Arzt kontrollieren zu lassen. Die DGE arbeitet mit Schulen zusammen und kümmert sich unter anderem um Ernährungserziehung. „Viele Jugendliche essen Fast Food und reden nicht gerne über ihr Essverhalten“, ist Kellers Erfahrung. Junge Veganer machten sich dagegen mehr Gedanken über ihre Ernährung.

Das ist auch Nicole Froning aus Düsseldorf aufgefallen. „Mir ging es auf einmal viel besser“, erinnert sie sich, „sogar meine Migräne war weg.“ Ihre Eltern konnten die neuen Essgewohnheiten anfangs allerdings nicht nachvollziehen.

Also griff Froning zu einer Notlüge: „Ich sagte, ich mag kein Fleisch mehr und darf wegen einer Laktoseintoleranz keine Milch mehr trinken.“ Als sich ihre Eltern darauf eingestellt hatten, rückte sie mit der Wahrheit raus.

Wenn sich Erwachsene sorgen

Dass Erwachsene sich Sorgen machten, sei ganz normal, sagt Thiele von PETA2. Ihn erreichen viele E-Mails von Jugendlichen, die sogar Streit deshalb in der Familie haben.

PETA2 bietet zum Beispiel einen Elternguide an, der die wichtigsten Fragen beantwortet. Junge Veganer können Mutter und Vater erklären, dass für sie nicht extra gekocht werden muss oder dass sie trotzdem noch mit ins Restaurant gehen.

„Informiert euch gut, redet mit der Familie und erklärt, dass eure Ernährung keine Modeerscheinung ist und ihr damit nicht rebellieren wollt“, rät Thiele Jugendlichen. Veganes Leben bedeute, Verantwortung zu übernehmen. Und zumindest das sei allen Eltern wichtig.

Essen mit Verantwortung

Verantwortung zu übernehmen, bedeute auch, selbst zu kochen, sagt Keller von der DGE. Damit lassen sich vielleicht auch kritische Geschwister überzeugen. „Die ganze Familie muss gemeinsam Lösungen finden, denn es muss anders eingekauft werden.“

Vegane Schüler müssen sich oft selbst verpflegen – daran führt kein Weg vorbei. Die DGE hat zwar einen Plan für Schulküchen entwickelt, der jeden Tag Salat, Obst, Gemüse und Getreide empfiehlt. Allerdings kochen bislang nur wenige Mensen danach.

Dafür finden sich ansonsten ausreichend vegane Angebote. „Jedes Restaurant hat ein veganes Menü“, sagt Thiele, „auch wenn es mal nur Salat oder Pommes sind.“ Er sieht die Probleme im Alltag eher bei doofen Sprüchen.

„Wenn man bei der Geburtstagsfeier als Außenseiter gilt, weil man den Kuchen nicht essen möchte, bringt man eben vegane Muffins zum Probieren mit“, rät er. Wichtig sei, nicht zickig zu reagieren. Selbst dumme Fragen sollten ernst genommen und mit Argumenten beantwortet werden.

Achtsamkeit – für Essen und Menschen

Die Inhaberin des Düsseldorfer Supermarktes hatte Glück. Dass Froning Veganerin wurde, fanden ihre Freunde toll. Sie waren von dem neuen Lebensstil fasziniert: Weder isst oder trinkt Froning tierische Produkte, noch kauft sie Kleidung aus Leder, Wolle oder Seide.

Und auch ihr Verhalten hat sich geändert: „Ich achte noch mehr auf meine Mitmenschen“, erzählt sie. „Ich fühle mich als Teil des Ganzen.“

Elternguide von Peta: http://www.peta2.de/web/elternguide.801.html

(dpa)

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1 Kommentar

  • Andrea Bröker

    Ich habe dafür schon Veganer erlebt, die sich für bessere Menschen hielten und sehr wüst über jene urteilten, die Fleisch essen. Die waren richtig militant. Dabei haben sie erstens kein Recht dazu, über andere zu urteilen und zweitens gibt es noch so viele andere Dinge, auf die man verzichten müsste, um ethisch wirklich besser zu leben, was bei diesen Leuten aber nicht der Fall ist.

    24. August 2013 at 12:50

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