Keine Behinderung: Sex während der Schwangerschaft

Andere Umstände schließen Sex nicht aus – erst recht nicht, um eine Geburt einzuleiten, verrät eine Expertin. Einiges sollten Paare aber beachten. Von Tom Nebe

Sex erlaubt: „Schwanger sein ist keine Krankheit“, sagt die Münchner Paar- und Sexualtherapeutin Gabriele Aigner. (Foto: Kawa)

Sex erlaubt: „Schwanger sein ist keine Krankheit“, sagt die Münchner Paar- und Sexualtherapeutin Gabriele Aigner. (Foto: Kawa)

Eine Schwangerschaft und ein Baby bringen die Sexualität vieler Paare komplett durcheinander. Manche entdecken eine neue Lust, bei anderen kommt die Libido zum Erliegen. Während der Schwangerschaft haben viele gesundheitliche Bedenken – und danach müssen die Partner ihre Rollen oft erst neu finden.

Mit der Schwangerschaft ihrer Frau wächst bei vielen Männern die Sorge: Kann ich mein heranwachsendes Kind beim Sex verletzen? Schade ich meiner Frau? Normalerweise sind solche Ängste unbegründet. „Schwanger sein ist keine Krankheit“, sagt die Münchner Paar- und Sexualtherapeutin Gabriele Aigner. Behutsamer Sex sei völlig ok. „Beide sprechen miteinander, was sich gut anfühlt, und worauf sie Lust haben.“

Mitunter besonders intensiv

Hinzu kommt allerdings, dass viele Frauen in den ersten Wochen oft besonders lustlos sind. Das hat mit der Übelkeit und Müdigkeit der Anfangsmonate zu tun. Ist diese Phase vorüber, kann Sex für die werdenden Mütter mitunter ein besonders intensives Erlebnis sein: Ihr Beckenbereich werde nämlich besser durchblutet und sei damit empfindsamer, sagt Lea Beckmann vom Deutschen Hebammenverband. „Manche Frauen fühlen sich schwanger sehr schön“, ergänzt sie. Andere fühlen sich dagegen so gar nicht attraktiv. „Männer sollten dann mit Zärtlichkeiten und kleinen Gesten körperliche Nähe herstellen und ihrer Partnerin zeigen, dass sie sie auch mit Babybauch attraktiv finden.“

Manchmal sprechen medizinische Gründe gegen Geschlechtsverkehr. „Bei Blutungen empfiehlt es sich, auf Sex zu verzichten“, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF). Generelle Vorsicht gilt bei Mehrlingsschwangerschaften, Scheideninfektionen und Neigung zu frühzeitigen Wehen. Auch wenn die Frau in früheren Schwangerschaften Fehlgeburten erlitten hat, sollten Paare es vorsichtig angehen. „Bei diesen Indikationen sollte man ohne Rücksprache mit dem Frauenarzt keinen Sex haben“, rät Albring.

Tipp zur Geburtseinleitung

Kommt es nach dem Geschlechtsverkehr zu Blutungen, muss das nicht schlimm sein. Das können Kontaktblutungen sein, weil der stärker durchblutete Muttermund sehr empfindlich auf Berührungen reagiert. Albring empfiehlt aber, erstmals auftretende Blutungen immer abklären zu lassen. „Der Frauenarzt untersucht das, und kann die Ursache benennen. Das beruhigt beide Partner.“ Nachts oder am Wochenende sollte man sich nicht scheuen, im Zweifel zur Abklärung ins Krankenhaus zu fahren.

Lässt das Ungeborene zu lange auf sich warten, ist Sex übrigens ein natürlicher Tipp zur Geburtseinleitung. „Im Sperma steckt das Hormon Prostaglandin, das Wehen auslösen kann. Auch Orgasmen sind potentielle Wehenauslöser“, erklärt Beckmann.

Mit der Geburt des Kindes dreht sich das Leben der Eltern nochmal um 180 Grad. Bisherige Rollen und Gewohnheiten in der Beziehung sind oft hinfällig. Davon bleibt das Sexleben nicht verschont. Beide brauchen erstmal Zeit, sich in der neuen Rolle als Mutter oder Vater zurechtzufinden. Dazu kommen mitunter Geburtsverletzungen wie ein Dammriss oder ein Kaiserschnitt, die erst verheilen müssen, ehe an Sex zu denken ist.

Männer müssen Geduld haben

„Die Mutter ist mit sich und dem Kind beschäftigt, sodass sie weniger unter Sexmangel leidet als der Vater“, erklärt Aigner. „Mütter schütten Bindungshormone nach der Geburt aus und erleben durch das Stillen körperliche Nähe.“ Dazu kommen viele neue Aufgaben und der obligatorische Schlafmangel. Männer sollten in der Phase Geduld haben, fürsorglich sein und nicht fordernd auftreten, rät die Therapeutin. „Diese Zeit der Umstellung ist notwendig und geht vorbei.“

Aber auch wenn beide wieder für Intimität bereit sind: Dass sich die Sexualität mit dem Elternsein verändert, ist normal. „Viele Männer haben Bedenken, dort einzudringen, wo Wochen zuvor ihr Kind herausgekommen ist“, sagt Aigner. Diese Sorgen sollten nicht einfach zur Seite geschoben werden, rät sie. Besser: ansprechen und nachfragen. Signalisiert die Partnerin, dass sie sich bereit fühlt, verfliegen die ersten Ängste.

Keine Lust auf Sex? Keine Panik

„Männer sollten behutsam sein, und Frauen sollten klar sagen, was sich gut anfühlt und was weh tut“, so Aigner. Frauen klagen in den Wochen nach der Geburt oft über Schmerzen an Damm, Scheide oder Unterbauch, sodass das Eindringen des Mannes unangenehm wird. „Paare können in der Zeit neue Wege suchen, die beiden gut tun“, findet Beckmann und fügt an: „Schließlich geht Befriedigung nicht nur penetrierend.“

Frisch gebackene Eltern sollten sich nicht verrückt machen, wenn mit dem Kind die Sexualität erstmal hintenansteht. In ihren 23 Jahren Berufserfahrung als Hebamme hat Beckmann unzählige Paare während und nach der Schwangerschaft begleitet. Sie weiß: „Das erste Jahr mit Kind ist eben in vielerlei Hinsicht eine Anpassungszeit.“ Auch Therapeutin Aigner hält 12 bis 18 Monate für eine ganz normale Zeit, bis das Sexualleben nach Geburt in gewohnte Bahnen zurückfindet.

(dpa)

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