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Kenguru: Das weltweit erste E-Auto für Rollstuhlfahrer geht in Produktion

Wie eine Rollstuhlfahrerin alles riskierte, um nicht nur ihren großen Traum zu verwirklichen. Geschäftspartner in Deutschland gesucht. Von Matthias Winkler

Kenguru

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In diesen Tagen rollen die ersten Kengurus vom Band – das weltweit erste E-Auto für Rollstuhlfahrer, das beinahe niemals in den Verkaufsräumen angekommen wäre, obwohl es sogar in ein U-Bahn-Abteil passt (siehe Foto oben). Wäre da nicht die ungewöhnliche Geschichte eines Tüftlers, der kein Geld hatte, und einer Rollstuhlfahrerin, unsere eigentliche Heldin, die alles riskierte, und von den Möglichkeiten, die das Internet bietet, zusammenzufinden.

Als im Herbst 2009 der ungarische Tüftler Istvan Kissaroslaki, der in Deutschland aufgewachsen ist und einen deutschen Pass hat, auf der Rehacare Düsseldorf seine Erfindung vorstellte, war die Begeisterung groß: „Das kleinste Auto der Welt“ war eine der Attraktionen der Messe.

Über den Publikumszuspruch konnte Kissaroslaki zufrieden sein – über den Rest nicht. Seine heimliche Hoffnung hatte sich nicht erfüllt: Dass im reichen Deutschland einer der Vertreter der großen Reha-Firmen stehen bleibt und sagt: „Das Ding stellen wir her.“ Die Vertreter von Sunrise, Otto Bock, Meyra und anderen Unternehmen bestaunten den Prototyp, aber mehr als der Austausch von Visitenkarten war nicht drin.

Und dann kam Stacy Zoern

Stacy Zoern vor ihrem Kenguru

Stacy Zoern vor ihrem Kenguru (Fotos: Community Cars)

Für Kissaroslaki war das eine Katastrophe – denn der Messeauftritt hatte ihn sein letztes Geld gekostet, das er zusammengekratzt hatte, um mögliche Investoren persönlich kontaktieren und überzeugen zu können. Für ihn war Düsseldorf ein Alles-oder-nichts-Spiel gewesen, das er verloren hatte. Dass wenig später das Internet ihm doch noch dabei half, sein Leben – und das vieler anderer Menschen – völlig auf den Kopf zu stellen, ahnte er damals noch nicht.

Internet ist nur ein Medium. Stark wird es nur, wenn starke Menschen das Web nutzen. So wie die 33-jährige Stacy Zoern aus Austin in Texas (USA), die aufgrund einer Muskel- und Nervenkrankheit im Rollstuhl sitzt. Ein preiswerter eigener, nicht für verhältnismäßig viel Geld umgebauter Wagen, den sie selbst steuern kann, das war ihr Traum – doch es gab keinen passenden.

E-Autos für Behinderte – ein Mega-Markt?

„Die Nachfrage ist gigantisch“, sagt Stacy Zoern. Weltweit gibt es ihren Angaben zufolge 50 Millionen Rollstuhlfahrer.

In diesem Jahr sind 60 Kengurus geplant – es gibt bereits eine Warteliste. 2014 sollen es schon 1000 sein. Künftig will die Unternehmerin 5000 bis 10.000 Autos pro Jahr verkaufen, wenn alles gut läuft. Im noch immer stagnierenden Markt für Elektroautos wäre sie damit einer der größeren Anbieter – mit einem Nischenprodukt.

Die ersten Kengurus sind für Rollstuhlfahrer, die ihre Arme benutzen können. Für 2015 ist ein neues Modell geplant, das größer sein soll, damit auch E-Rollstühle Platz haben, und sich von Menschen mit wenig Kraft mit einem Joystick lenken lässt.

Niemand am Telefon

„Zoern googelt immer wieder nach Autos für Rollstuhlfahrer, sie hat sich das in den Kopf gesetzt“, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. „Und tatsächlich findet sie eine Firma. Die ist in Ungarn, weit weg von Texas, und gehört Istvan Kissaroslaki, auf der Webseite steht seine Telefonnummer. Zoern ruft ihn an, Kissaroslaki geht nicht ans Telefon.“

Zwei Wochen lang versucht sie es jeden Tag, bis sie ihn endlich erreicht: „Die Finanzkrise ist damals auf dem Höhepunkt, in Osteuropa sieht es besonders düster aus. Kissaroslaki hat zwar eine EU-Bürgschaft, aber gerade seine kreditgebende Bank verloren. Er steht kurz vor der Pleite. Mindestens zwei Jahre würde es dauern, bis sie ihr Auto bekommt, wenn überhaupt jemals, sagt Kissaroslaki.“

Zoern gibt ihren Job auf und riskiert alles

Nach diesem Anruf war Zoern schlagartig klar, was sie zu tun hatte: Sie hatte zwar selbst nicht viel Geld, wollte sich aber auf die Suche nach Investoren machen – drei Millionen Dollar (2,3 Millionen Euro) wurden benötigt.

Sie gab ihren sicheren Job als Anwältin auf, setzte ihr gesamtes Privatvermögen ein – und erlebte zunächst eine Enttäuschung nach der anderen: Banken und Investmentfirmen winkten ab. Auch von der Regierung gab es keine Subventionen. „Es war ein gigantisches Risiko“, sagt Zoe. „Aber ich bin noch jung, und ich wollte etwas Sinnvolles machen.“

Als erster investierte ein Nachbar

Schließlich schaffte es Zoern, einen ersten Geldgeber zu überzeugen – ihren Nachbarn, einen ehemaligen Börsenhändler aus New York, der sich mit 550.000 Dollar (etwa 420.000 Euro) beteiligte. Inzwischen gehört auch ein Europäer zu den Finanziers: Steen Rothenberger, Spross des Maschinenbau-Imperiums Rothenberger aus Kelkheim bei Frankfurt.

So gelang es Zoern doch noch, gemeinsam mit Kissaroslaki – der inzwischen mit seiner Familie auch in Texas lebt – die neue Firma Community Cars zu gründen. In diesen Tagen rollen die ersten Exemplare vom Band. 60 Stück sollen dieses Jahr verkauft werden. Die Wagen sind weiß oder gelb und sehen ein wenig aus wie ein Smart. Ein Rollstuhl kann von hinten über eine Rampe hineinfahren. Je nach Ausstattung werden die Kengurus zwischen 19.000 und 21.000 Dollar (zirka 14.500 bis 16.000 Euro) kosten.

Produktion und Vertrieb für Deutschland gesucht

Im vergangenen Jahr fasste das Magazin Elektroroller seine Eindrücke zusammen: „Es gibt Zeiten, in denen man sich stolz fühlt, sich bereits zu den Menschen mit elektrischer Mobilität zählen zu können. Ein solcher Moment war auch heute wieder, als ich von dieser einfach nur genialen Entwicklung für den Menschen mit Handicap erfuhr, dem ,Kenguru-Car‘. Dass dieses Auto rein elektrisch läuft, ist schon toll, durch die kleine Abmessung ist dieses zudem ideal geeignet für den Stadtverkehr und den täglichen Einkauf und Weg zur Arbeit.“

Für Deutschland suchen die Firmengründer noch nach einem Vertriebspartner (das Déjà-vu-Erlebnis für Kissaroslaki), der die Wagen selbst in Europa produziert, weil es zu teuer ist, die Autos von Floria hierher zu transportieren. Bereits jetzt kommen viele Teile der Kengurus aus Deutschland. Die Elektronik liefert die Firma Digalog aus Berlin. Die Elektromotoren baut Heinzmann, ein Mittelständler aus dem Schwarzwald.

Technische Daten zum Kenguru-Car

(Stand: Juli 2012)

Motor
• 2 getriebelose Radantriebe an der Hinterachse
• Leistung 2KW/150Nm pro Antrieb
• Betriebsspannung 48V Bürstenloser Außenläufermotor

Fahrwerk
• Einzelradaufhängung vorne mit Doppel Dreiecksqueerlenker
• Gezogene Einarmschwingen hinten
• Federbeine mit einstellbarer Vorspannung
• Direkte Schwinghebel Lenkung
• 4 hydraulische Scheibenbremsen
• Feststellbremse auf die Hinterräder wirkend
• Felgengröße 12×2,2
• Reifengröße 100/90-12

Karosserie
• Glasfaserkarosserie auf Stahlrahmen
• Türen: 1
• Sitze: 1 Platz für Fahrerrollstuhl
• Farbe: RAL 1028 Gelb

Abmessungen und Gewicht
• Radstand: 1550 mm
• Länge: 2125 mm
• Höhe: 1620 mm
• Breite: 1525 mm
• Leergewicht ohne Fahrer: 550Kg
• Leergewicht ohne Fahrer und Batterien: 350Kg
• Zulässiges Gesamtgewicht: 660 Kg

Fahrleistungen
• Höchstgeschwindigkeit: 45 Km/h
• Steigfähigkeit: 20%
• Reichweite: 70- 110 km

Bedienung
• Lenkung mittels Motorradlenkers (mit Joystick geplant ab 2015)
• Beschleunigung und Bremsen über Handkontrollen am Lenker
• Peripheriebedienung über Schalter am Lenker
• LED Instrumententafel
• Elektrischer Türöffnungsmechanismus mittels Fernbedienung

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1 Kommentar

  • Jörg Daniel

    supersache, aber warum muss alles wo reha darauf steht gleich immer irreviel kosten?
    aber aller anfang ist schwer und gut ding will weile ..

    22. Juli 2013 at 12:46

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