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Kenia: Behindert und Bettler, vor allem aber Tänzer

Wenn er nicht am Straßenrand in Nairobi bettelt, ist Sylvester auf der Bühne ein Tänzer. „Es ist, als ob ich meiner Behinderung in den Hintern treten würde! Auch wenn es Polio ist, ich sehe es nicht mehr als etwas Wichtiges, ich schenke dem überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr“, schwärmt er.

Der 34-jährige Sylvester Barasa ist einer der wichtigen Figuren der zeitgenössischen Tanzkompanie Pamoja (das ist Suaheli und bedeutet „Zusammen“), die seit fünf Jahren in der kenianischen Hauptstadt behinderte und verkrüppelte Tänzer vereint. Die experimentelle Werkstatt wurde durch die israelisch-kanadische Choreografin Miriam Rother gegründet und wuchs schnell zu einem Unternehmen, das mindestens eine Show pro Jahr produziert.

Seit seinem zehnten Lebensjahr hat Sylvester Kinderlähmung, beide Beine sind verkrüppelt. Doch sein durchtrainierter Oberkörper und seine kräftigen Schulter erinnern an einen Hafenarbeiter und erlauben ihm eine mächtige Bühnenpräsenz und die Aufmerksamkeit des Publums während seiner Soli.

Der Vater von vier Kindern gesteht, „in einer sehr rauen Umgebung“ zu leben. Ein Understatement, denn er lebt in einem der ärmsten Viertel des Landes, im Slum Kayole. Jeden Morgen stellt er sich mit seinem Rollstuhl am Rand des Wayak Way, der Hauptschlagader der Stadt, um im Lärm und Schmutz eines nicht Ende wollenden Verkehrs zu betteln.

Kurz nach Gründung von Pamoja schloss er sich der Tanzgruppe an, ein Freund hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht. Sylvester erinnert sich: „Ich war eingeschüchtert, hatte Angst, dass sich die Leute über mich lustig machen, aber ganz im Gegenteil, sie alle machten mir Mut.“ Er erzählt: „Ich tanze heute sehr viel, ich bin flexibler geworden. Ich wusste nicht, was zeitgenössischer Tanz ist, aber ich verstand, dass dies etwas ist, dass meinem Körper hilft, sich wohl zu fühlen“.

Sylvester Barasa tanzt

Dreizehn Amateurtänzer sind die Basis des Unternehmens. Dazu kommen „die gesunden Tänzer“ als Partner auf der Bühne. Niemand scheint einen Komplex zu haben. John Kihungi, 40, der sich mit Hilfe eines Stocks bewegt, bezeichnet sich selbst als „Acrobat“ und berichtet, dass er vor Touristenhotels an der Küste auftritt. „Als ich zu Pamoja kam, fühlte ich, dass ich an der richtigen Stelle angekommen bin“, sagte er.

Auf der Bühne beginnen zwei junge Frauen, die mit einem Stock gehen, ein Duett. Ihre verwickelten Arme stellen Arabesken dar. Ihr Regisseur Joseph Kanyenje erklärt: „Unser Motto ist, dass wir nichts darauf geben, ob jemand nur ein Bein hat oder von der Taille abwärts gelähmt ist. Was bei uns zählt, ist allein: Was bringst du auf die Bühne, als Persönlichkeit?“

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