Ketogene Diät: Macht Fett wirklich dünn?

Abnehmen mit Risiko – warum man die Low-Carb-Ernährung, wenn überhaupt, nur unter fachkundiger Kontrolle anwenden sollte. Von Sabine Meuter.

Bei der ketogenen Diät steht auch Fleisch auf dem Speiseplan. (Foto: Jens Kalaene/dpa)

Bei der ketogenen Diät steht auch Fleisch auf dem Speiseplan. (Foto: Jens Kalaene/dpa)

Ob in Brot, Nudeln oder auch in Obst – überall stecken Kohlenhydrate. Sie gelten als Energielieferant Nummer eins für den menschlichen Organismus und vor allem fürs Gehirn. Wer sich für eine ketogene Diät entscheidet, der reduziert die tägliche Zufuhr an Kohlenhydraten auf ein Minimum von gerade mal etwa 20 bis 50 Gramm. Stattdessen kommen fettreiche Lebensmittel zum Zuge, von Wurst und Fleisch über Sahne, Eier und Käse bis hin zu Nüssen.

Befürworter einer solchen Ernährungsweise glauben, dass die streng kohlenhydratarme Diät nicht nur zur Gewichtsabnahme führt, sondern auch günstige Auswirkungen auf schwere Erkrankungen haben kann. Für letzteres fehlen eindeutige wissenschaftliche Belege, wenden Kritiker ein. „Von ärztlicher Seite zu empfehlen ist eine ketogene Ernährung nur bei kindlicher Epilepsie“, sagt Professor Georg Wechsler. Der Facharzt für Innere Medizin aus München ist Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner (BDEM). Aus seiner Sicht hat die ketogene Diät „viele Nachteile und Nebenwirkungen“.

Anfälle bei Epilepsie können reduziert werden

Die Grundidee bei dieser Kost: Bleibt die tägliche Zufuhr an Kohlenhydraten mehr oder weniger aus, dann hat der Körper keine andere Wahl, als den Stoffwechsel umzustellen. Er sucht sich neue Energiequellen – und das ist das Fett. Dazu greift er zum einen die Körperdepots an. Zum anderen nutzt er die Fette, die über die Nahrung zugeführt werden. Dabei bildet der Körper sogenannte Ketone. Sie versorgen den Organismus mit Energie. Zu einer Gewichtszunahme durch die fettreiche Kost kommt es in der Regel nicht, da auf die Kohlenhydrate verzichtet wird. Oft tritt durch den hohen Anteil an Eiweiß und Gemüse ein Abnehmeffekt ein.

„Schon seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist bekannt, dass eine ketogene Ernährungsweise die Anfallbereitschaft bei Epilepsie reduziert“, weiß Margret Morlo vom Verband für Ernährung und Diätetik (VFED). Nach ihren Angaben wurde in US-amerikanischen Kliniken eine ketogene Kost speziell für an Epilepsie leidende Kinder entwickelt. Die kleinen Patienten müssen 90 Prozent der Energie in Form von Fett einnehmen, Vitamine und Mineralstoffe werden ergänzend verabreicht.

„Bei jeder Mahlzeit muss je nach Verträglichkeit das Verhältnis von 4:1 beziehungsweise 3:1 – Fett zu Protein und Kohlenhydrate – eingehalten werden“, sagt Morlo. Allerdings: Nicht bei allen VFED-Erkrankten wirkt die Diät. Durch den nicht ausreichenden Protein-Anteil der Nahrung kann es bei einem Teil der Kinder zu einer Hemmung des Wachstums und der körperlichen Entwicklung kommen.

„Nicht zuletzt deshalb sollte eine ketogene Diät, wenn überhaupt,dann immer unter strenger ärztlicher Kontrolle durchgeführt werden“, betont Wechsler. Es besteht die Gefahr, dass eine nur fettreiche Ernährung zu Ablagerungen an den Gefäßen führt. Die Folge davon können Schlaganfall oder Herzinfarkt sein. Zudem bringt die ketogene Diät mit sich, dass die Harnsäureproduktion steigt: „Damit besteht ein erhöhtes Risiko, an Gicht zu erkranken.“ Wer sich ketogen ernährt, sollte daher regelmäßig die Harnsäure kontrollieren lassen.

Hilfreich bei Alzheimer und Demenz?

Befürworter der ketogenen Diät gehen davon aus, dass die kohlenhydratarme und fettreiche Ernährung möglicherweise auch einen positiven Effekt auf den Verlauf einer Krebserkrankung haben kann. Die Kost soll demnach dafür sorgen, dass das Wachstum der Krebszellen gehemmt werden kann. „Dafür liegen aber bislang keinerlei allgemein gültige wissenschaftliche Erkenntnisse vor“, sagt Wechsler.

Ähnlich äußert sich auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): „Es gibt derzeit nur wenige Untersuchungen dazu bei an Krebs erkrankten Menschen. Es konnte weder eine Tumorrückbildung, Lebensverlängerung, Verbesserung des Therapieansprechens oder weniger Nebenwirkungen durch die ketogene Diät festgestellt werden“, sagt DGE-Sprecherin Antje Gahl. Die DGE rät daher von einer ketogenen Diät im Rahmen der Krebstherapie ab.

In medizinischen Fachkreisen wird nach Angaben von Wechsler derzeit diskutiert, ob eine ketogene Kost eventuell Erkrankungen wie Demenz oder Alzheimer positiv beeinflussen könnte. „Auch hierzu gibt es momentan keine klaren wissenschaftlichen Belege“, erklärt der Ernährungsmediziner. Er nennt die ketogene Kost eine Außenseiterdiät. Im Einzelfall sollten Betroffene die Möglichkeit einer kohlenhydratarmen und fettreichen Ernährung mit einem Ernährungsmediziner und einem erfahrenen Diätassistenten besprechen.

„Tatsächlich wird bei dieser Diät zumindest am Anfang mehr Fett verbrannt als mit jeder anderen Reduktionsdiät“, erklärt Morlo. Allerdings ist die Kost wegen ihrer möglichen Nebenwirkungen und wegen ihrer Unausgewogenheit insgesamt umstritten. Wer unter leichtem oder schwerem Übergewicht leidet, sollte sich ernährungsmedizinisch beraten lassen und danach zertifizierte Diätassistenten oder Oecotrophologen aufsuchen. So kann zunächst die Ursache des Übergewichts abgeklärt werden. Gemeinsam mit Fachkräften können Abnehmwillige Schritt für Schritt die Ernährung und gegebenenfalls auch Lebensweise umstellen. „Der Erfolg stellt sich dabei vielleicht nicht so schnell ein, aber er ist ohne jegliche Nebenwirkungen für die Teilnehmer“, sagt Morlo.

(dpa/tmn)

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