Kickbox-Weltmeisterin steigt nach Schlaganfall wieder in den Ring

Wie Tina Schüßler nach zwei schweren Erkrankungen um ihr Leben kämpfte und sich selbst neu erfand. Von Manuela Rauch

Tina Schüßler (Foto: Wikipedia/Blackburn2001, CC BY-SA 3.0)

Tina Schüßler (Foto: Wikipedia/Blackburn2001, CC BY-SA 3.0)

Konzentriert und leichtfüßig tänzelt sie über den Hallenboden, ehe ihre linke Gerade blitzartig nach vorne schnellt. Tina Schüßler aus Diedorf in Bayern ist ein Energiebündel – und amtierende Weltmeisterin. Im Kickboxen und Boxen hat sie als Profi so ziemlich jeden Titel geholt, der zu gewinnen ist. Dabei wäre sie fast gestorben, doch sie ist zurückgekommen. Nach einem nicht vom Erfolg gekrönten Ausflug in die Politik will es die 41-Jährige jetzt noch einmal wissen – bei einem weiteren Weltmeisterschaftskampf.

Wer Schüßler beim Warm-up zuschaut, kann sich nicht vorstellen, dass sie dem Tod mehr als ein Mal von der Schippe sprang. 2009 kommt die Sportlerin mit einem Bauchwandriss ins Krankenhaus. Eine Trainingsverletzung. Sie wird notoperiert und fällt ins Koma. Nach einer Woche wacht sie auf und spürt, dass der Kampf um ihr Leben noch nicht gewonnen ist. Schüßler erinnert sich: „Ich wusste, da ist irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung.“

Gefangen im eigenen Körper

Sie erholt sich nur langsam, fühlt sich müde und schlapp. An einem Nachmittag, wenige Wochen später, sackt ihr plötzlich das linke Bein weg. Sie schafft es gerade noch zum Sofa, als sie die Panik überkommt. „Alles war taub, als wären dort keine Nerven mehr.“ Mit der rechten Hand greift sie zum Handy und drückt die Nummer ihres Vaters. Sie stammelt unverständliche Worte ins Telefon. Als der Notarzt ins Zimmer stürmt, kann sie nicht reden. Schüßler fühlt sich als Gefangene im eigenen Körper. Ein Alptraum.

Die Mediziner finden den Grund für den Schlaganfall in einem angeborenen Herzfehler, der sofort operiert wird. Die Weltmeisterin, die sonst immer gewinnt, steht wieder ganz am Anfang. Reden, Schreiben, einfachste Bewegungen. So viel war weg, erinnert sie sich: „Es geht alles kaputt im Kopf.“ Die Gedanken waren bei ihrem Sohn und ihrer Familie. Der Sport blieb außen vor. „Ich wollte nur wieder Tina sein und meinem Sohn eine Mutter.“ Irgendwann schaffte sie die ersten Schritte ohne zu Stürzen. Sie läuft fünf Minuten, dann zehn, dann eine halbe Stunde.

„Ich kann es schaffen“

Tina Schüßler und ihr Lebensgefährte Clemens Brucker (Foto: Wikipedia/Blackburn2001, CC BY-SA 3.0)

Tina Schüßler und ihr Lebensgefährte Clemens Brucker (Foto: Wikipedia/Blackburn2001, CC BY-SA 3.0)

„Dann kam der Punkt, da wusste ich: Ich kann es schaffen.“ Nach mehr als zwei Jahren steht sie wieder in der Öffentlichkeit. Bis dahin hält sie ihre Krankheit unter Verschluss. „Ich wollte nicht, dass die Menschen mich so sehen“, sagt sie heute. Sie engagiert sich sozial, wird Botschafterin der Deutschen Knochenmarkspenderdatei und der Bayerischen Krebsgesellschaft. Nebenbei lässt sie sich als Rettungshelferin ausbilden.

2012 zieht es Schüßler in die Politik. Sie kandidiert für das Amt der Bürgermeisterin in Diedorf – einem Ort bei Augsburg – und verkündet die Rückkehr in den Boxring. Ihre Familie ist besorgt.

Lebensgefährte Clemens Brucker hatte Angst um ihren Gesundheitszustand, gab dann aber nach. Er weiß: „Wenn Tina etwas will, dann bekommt sie es auch.“ Die Ärzte gaben grünes Licht. Die Titanplatte im Herzen sei so fest verwachsen, da könne nichts verrutschen. Ins Rathaus zieht Tina Schüßler bei der Kommunalwahl 2014 nicht ein, sie hat mit 3,7 Prozent der Stimmen keine Chance.

Am 21. Mai ist WM-Kampf

Dafür holt sie sich nach ihrer Krankheit den Weltmeistertitel im Profiboxen. „Sie ist ein positiver Mensch, der das Leben liebt“, staunt ihr Trainingspartner Mark Zambo über die Energie der 41-Jährigen.

Seit ihrem Comeback hat sie sich mehrfach neu erfunden. Sie steht heute für ein regionales Sportmagazin als Moderatorin vor der Kamera, und in wenigen Tagen erscheint ihre erste Single. Die Rocknummer „My Fight“ ist gleichzeitig der Soundtrack ihres neuen Imagefilms, der die Fans auf den kommenden Kampf einstimmt. Am 21. Mai geht es in Stuttgart bei einem Turnier wieder um den WM-Gürtel im Kickboxen. „Ich brauche ein Ziel, sonst roste ich ein“, sagt sie und lacht.

(dpa)

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