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Knigge für den respektvollen Umgang mit behinderten Menschen

10 Tipps: Was ist gutes Benehmen, wenn Sie es mit einem blinden, rollstuhlfahrenden oder gehörlosen Menschen zu tun haben?

Adolph Freiherr Knigge (1752–1796) war ein deutscher Schriftsteller und Aufklärer. Bekannt wurde er vor allem durch seine Schrift „Über den Umgang mit Menschen“. Sein Name steht heute stellvertretend, aber irrtümlich für Benimmratgeber, die mit Knigges soziologisch ausgerichtetem Werk nichts gemein haben. (Foto: Gemeinfrei)

Adolph Freiherr Knigge (1752–1796) war ein deutscher Schriftsteller und Aufklärer. Bekannt wurde er vor allem durch seine Schrift „Über den Umgang mit Menschen“. Sein Name steht heute stellvertretend, aber irrtümlich für Benimmratgeber, die mit Knigges soziologisch ausgerichtetem Werk nichts gemein haben. (Foto: Gemeinfrei)

Auch blinde Menschen spüren wenn sie angestarrt werden. Sich von ihnen mit einem „Auf Wiedersehen“ zu verabschieden, ist hingegen kein Fauxpas. Blinde Menschen verstehen dies als allgemein gültige Redewendung, genauso wie auch eine Rollstuhlfahrerin eine Einladung zu einem „Spaziergang“ in Ordnung findet. Beim Small Talk sofort nach dem Grund der Beeinträchtigung zu fragen, das hingegen verletzt die Intimsphäre der meisten Personen und hat mit Mitgefühl nichts mehr zu tun.

Zu diesen Erkenntnissen kommt der selbsternannte Deutsche Knigge-Rat, dessen Initiator, ein Verlag, mit Benimmregeln für die gute Etikette gutes Geld macht – den ROLLINGPLANET aber in diesem Fall gerne als Beistand akzeptiert. Bei seiner jüngsten Sitzung in Bonn hatte der Rat sich mit Experten für Umgangsformen gegenüber Menschen mit Behinderung ausgetauscht, unter ihnen die Rollstuhlfahrerin Katja Lüke von der Paritätischen Hessen.

Verletzend oder diskriminierend

Lüke betont: „Nichtbehinderte sind im Umgang mit Menschen mit Behinderung oftmals selbst blind, taub und unbeholfen. Sie reduzieren den Menschen allein auf dessen Beeinträchtigung. Plumpe Neugier, bestürztes Mitleid und bevormundende Hilfsbereitschaft sind oftmals die Folgen. Was vielleicht gut gemeint war, ist letztlich verletzend oder diskriminierend.“

Wird ein blinder Mensch aber auf Veränderungen und Vorgänge in seiner unmittelbaren Umgebung aufmerksam gemacht, kann er sich vor seinem inneren Auge ein Bild von dem machen, was der Sehende sieht. Und eines gehe gar nicht: Den Blindenführhund ungefragt zu streicheln. „Denn der ist bei der Arbeit und darf nicht abgelenkt werden.“

Insgesamt hat der Deutsche Knigge-Rat in Zusammenarbeit mit Katja Lüke sowie laut Angaben anderen Experten und Menschen mit Behinderung zehn Tipps für den respektvollen Umgang mit behinderten Menschen zusammengefasst.

Hier bin ich!

So passiere es vielen Menschen mit Behinderung, dass sie in der Anrede übergangen werden und die Begleitperson zum Beispiel gefragt wird: „Möchte Ihr Mann noch etwas zu trinken?“ Katja Lüke dazu: „Haben Sie keine Hemmungen, den Menschen mit Behinderung direkt anzusprechen.“ ROLLINGPLANET ergänzt: Haben Sie keine Hemmung, den Nichtbehinderten anzubrüllen: Hey, mich sollen Sie fragen!

Ein weiterer Merksatz aus dem 10-Punkte-Knigge: Schwerhörige sind nicht begriffsstutzig. Dass man sein Gegenüber beim Gespräch anschaut und deutlich spricht, wird allgemein als wertschätzend empfunden. Für Schwerhörige seien diese höflichen Regeln der Kommunikation aber besonders wichtig.

Die 10 Tipps des Knigge-Rats

Tipp 1. Small Talk: Keine plumpe Neugier

Plumpe Neugier ist im Small Talk generell tabu. Fragen Sie Ihren Gesprächspartner nicht, warum oder seit wann er eine Behinderung hat. Wenn er will, wird er Ihnen die Geschichte von selbst erzählen. Anstarren gehört nicht zu den guten Umgangsformen. Bedenken Sie, dass auch blinde Menschen Blicke spüren.

Tipp 2. Alltag: Unterstützung anbieten – und abwarten

Generell ist es höflich, wenn Sie Ihre Hilfe anbieten. Noch höflicher ist es, geduldig auf die Antwort zu warten. Viele Menschen werden sofort voller Hilfsbereitschaft handgreiflich, doch einen Übergriff hat niemand gern. Akzeptieren Sie freundlich, wenn jemand Ihre Hilfe nicht in Anspruch nehmen möchte.

Tipp 3. Anrede: Reden Sie mit dem Menschen – nicht über ihn hinweg

Viele Menschen mit Behinderung wundern sich, dass sie in der Anrede übergangen werden. Da wird dann zum Beispiel die Begleitperson gefragt: „Möchte Ihr (blinder) Mann noch etwas trinken?“ Haben Sie keine falschen Hemmungen, den Menschen mit Behinderung direkt anzusprechen.

Tipp 4. Respekt: Beachten Sie die Distanzzonen

Gerade für Menschen mit Behinderung ist es besonders wichtig, dass andere die Distanzzonen beachten. Fremden erwachsenen Menschen sollte man selbstverständlich nicht ohne weiteres den Kopf streicheln oder die Schulter tätscheln. Ein grobes Foul ist es, den Blindenstock zu verlegen, die Position des Rollstuhls zu verändern oder ihn gar als Garderobenständer zu missbrauchen. Hilfsmittel sind für Menschen mit Behinderung etwas sehr Persönliches und für Fremde tabu. Eine fremde Handtasche würde man schließlich auch nicht ohne weiteres ergreifen. Denken Sie auch daran, dass der Blindenhund „bei der Arbeit“ ist und lenken Sie ihn nicht ab. Fragen Sie ggf. nach, ob Sie ihn streicheln dürfen und akzeptieren Sie, wenn die Antwort „nein“ lautet.

Tipp 5. Normalität: Keine Angst vor Redewendungen

Sagen Sie ruhig „Auf Wiedersehen“ zu einem blinden Menschen und fragen Sie die Rollstuhlfahrerin, ob sie mit Ihnen „spazieren gehen“ will. An diesen gängigen Formulierungen stören sich Menschen mit Behinderung in der Regel nicht.

Tipp 6. Sorgfalt: Vorsicht vor Diskriminierung

Sprachliche Sorgfalt ist gefragt, wenn Sie über Menschen sprechen. Gehörlose Menschen sind nicht taubstumm, sondern kommunizieren über die Gebärdensprache und sind gehörlos, aber nicht stumm. „Mongoloismus“ ist keine Diagnose, sondern eine Diskriminierung. Sprechen Sie von „Down-Syndrom“ oder von „Trisomie 21“. Reden Sie statt von „Behinderten“ besser von „Menschen mit Behinderung“.

Tipp 7. Ansehen: Suchen Sie Blickkontakt

Sie schenken einem Menschen Ansehen, indem Sie ihn ansehen. Für schwerhörige Menschen ist diese Höflichkeit besonders wichtig, da Mimik und Gestik beim Verstehen helfen. Wer schon einmal einen Referenten erlebt hat, der beim Schreiben mit dem Rücken zum Publikum redet, kennt den Effekt. Wenden Sie Ihr Gesicht zum Gegenüber, doch vermeiden Sie es, ihn anzuschreien oder in Babysprache zu sprechen. Schwerhörigkeit sollte nicht mit Begriffsstutzigkeit verwechselt werden.

Tipp 8. Beachtung: Der Dolmetscher hat die Nebenrolle

Wenn ein Gebärdensprachdolmetscher im Einsatz ist: Sehen Sie beim Sprechen nicht den Dolmetscher, sondern Ihre Gesprächspartnerin an und wählen Sie die direkte Anrede mit „Sie“ bzw. „Du“. Ihre Gesprächspartnerin hat die Hauptrolle, der Dolmetscher die Nebenrolle. Dies stellt für den Gebärdensprachdolmetscher keine Unhöflichkeit dar.
Generell gilt: Erwachsene Menschen mit und ohne Behinderung werden gesiezt. Bleiben Sie beim Sie oder klären Sie die gleichberechtigte Anrede. Etwa: „Wollen wir Du zu einander sagen?“

Tipp 9. Information: Kommunizieren Sie besser zu viel als zu wenig

Gerade für blinde Menschen ist es wichtig, dass Sie ausgiebig kommunizieren, zum Beispiel bei der Begrüßung. Sagen Sie: „Hallo Max, ich bin´s, Sabine. Herr Müller kommt auch gerade zur Tür herein.“ Geben Sie Bescheid, wenn Sie Ihren Platz verlassen. So vermeiden Sie, dass Ihr Gegenüber sich später mit einem leeren Stuhl unterhält, weil er denkt, Sie wären noch da. Das ist für den blinden Menschen sehr unangenehm.
Achten Sie bei der Begrüßung auf die Körpersprache des blinden Menschen und fragen Sie „Wollen wir Händeschütteln?“ Bedenken Sie, dass der Handschlag eine wichtige Möglichkeit ist, um Informationen über Sie zu erhalten und Sie zu begreifen. Fragen Sie beim Ortswechsel: „Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?“

Tipp 10. Bewusstsein: Die Behinderung ist nur ein Merkmal von vielen

„Eine Rollstuhlfahrerin ist eine Frau und außerdem vielleicht Angestellte, Vereinsmitglied, Mutter oder Temposünderin. Die Behinderung ist nur ein Merkmal von vielen“ sagt Katja Lüke. Verzichten Sie darauf, Menschen auf die Behinderung zu reduzieren. Eine Bemerkung wie „Wie toll, dass Sie trotz Ihrer Behinderung mobil sind“ ist genauso unpassend wie „Als Frau können Sie aber relativ gut Auto fahren.“ Begreifen Sie Andersartigkeit nicht als Makel, sondern als Vielseitigkeit: Behinderte Menschen können vieles, was Nichtbehinderte erstaunt.

(RP/PM)

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4 Kommentare

  • Andrea Bröker

    Zu diesem sei dem geneigten Leser ein kürzlich erschienenes Buch empfohlen:

    „Respektvolle Begegnungen“ von Prof. Dr. Kurt Jacobs, Erscheinungsjahr: 2014, ISBN 978-3-9814923-3-0, erhältlich bei der Stiftung Rehabilitationszentrum Berlin-Ost, E-Mail: [email protected]

    Das Buch ist sehr lesenswert. Prof. Jacobs erzählt dabei, gespickt von amüsant erzählten Anekdoten, wie Behinderte und Nichtbehinderte respektvoll miteiander umgehen können und er lässt auch das Thema Behindertenwitze nicht aus.

    Das Buch ist in großen Buchstaben gedruckt, so dass es auch für Sehbehinderte lesbar ist. und kann gratis bei der Stiftung Rehabilitationszentrum Berlin-Ost bestellt werden.

    11. August 2014 at 09:17
  • Tamara

    Was mich wundert, hier in den Knigge sind nur welche für menschen mit Körperlichen Behinderungen, was ist mit den Seelischen und Geistigen Behinderungen. Zu dieser Kategorie gehöre ich auch. Zu denen kann man anscheinend sein wie man will. Ich finde es sehr schade das diese, mal wieder ausgeklammert werden, wie schon so oft. Wieso werden wir immer vergessen?

    21. August 2014 at 08:28
  • Katja Lüke

    @Tamara
    Liebe Tamara,
    es tut mir leid, wenn Sie sich vergessen fühlen. Können Sie mir Beispele geben, mit was speziell Menschen mit seelischen oder gesitigen Behinderungen typischerweise respektlos behandelt werden? Und wie es besser gemacht wird? Ich glaube, gerade Menschen mit geistiger Behinderung werden oft einfach geduzt. In sofern habe ich schon versucht alle (viele?) Menschen mit Behinderungen „mitzudenken“. Da ich über das Thema respektvollen Umgang in der einen oder anderen Weise immer wieder kommuniziere, ist meine Frage nach Beispielen und Wünschen für den respektvollen Umgang mit seelischen oder geistigen Behinderungen erst gemeint. Schreiben Sie mir gern an: [email protected]

    2. September 2014 at 22:29

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