Komplett neues Gesicht für Feuerwehrmann mit schwersten Verbrennungen

26-stündige Operation – drei Monate später wurde der Eingriff nun in New York vorgestellt. Plus eine kurze Geschichte der modernen Gesichtstransplantationen.

Der  US-Feuerwehrmann Patrick Hardison, der im Einsatz schwere Verbrennungen im Gesicht erlitt, vor und nach seiner Gesichtstransplantation. (Foto: NYU Langone Medical Center/dpa)

Der US-Feuerwehrmann Patrick Hardison, der im Einsatz schwere Verbrennungen im Gesicht erlitt, vor und nach seiner Gesichtstransplantation. (Foto: NYU Langone Medical Center/dpa)

Es ist nicht die erste Gesichtstransplantation gewesen, aber die bislang wohl umfangreichste: Ein im Einsatz schwerst verletzter Feuerwehrmann hat in New York ein komplett neues Gesicht transplantiert bekommen. Drei Monate danach stellten die Ärzte des Langone Medical Center der New York University am Montag (Ortszeit) die Ergebnisse vor, die dem 41-jährigen Patrick Hardison, einem Vater von fünf Kindern, ein neues Leben ermöglichen. „Sie sind sehr aufgeregt, mich zu sehen und ich bin sehr aufgeregt, sie wiederzusehen“, sagte Hardison in einem Videostatement der Klinik – mit schwerer Zunge, aber klar verständlich.

Insgesamt 100 Spezialisten operierten Hardison 26 Stunden lang und gaben ihm ein Gesicht, die obere Schädelhaut, beide Ohren, Wangen- und Kinnknochen sowie eine Nase. Der Spender war ein BMX-Radfahrer aus Ohio, der im Sommer im Alter von 27 Jahren mit dem Fahrrad zu Tode gestürzt war. Dessen Mutter hatte der Anfrage, das Gesicht zu spenden, sofort zugestimmt. Ihr Sohn sei „ein freier Geist, der das Leben liebte“ gewesen.

Schmerzreiche Jahre mit über 70 OPs

Exakt 27 Jahre alt war auch Hardison, als der freiwillige Feuerwehrmann in ein Haus rannte, um eine Frau zu retten und das Dach einstürzte, berichtete der Sender NBC. Er verlor seinen Helm, spürte seine Schutzmaske schmelzen und sprang mit geschlossenen Augen aus dem Fenster.

Er erlitt nach Klinikangaben starke Verbrennungen im Gesicht, am Hals und am gesamten Oberkörper. Hardison verlor seine Augenlider, Ohren, Lippen, den größten Teil der Nase und seine Haare. „Nach diesem Tag hatte er kein normales Gewebe mehr im Gesicht“, berichtete der plastische Chirurg Eduardo Rodriguez, der die Transplantation leitete.

Nach dem Unfall begannen für Hardison dunkle, schmerzreiche Jahre mit über 70 Operationen. Dann erst, durch Vermittlung eines Freundes, traf er auf den Transplantationsexperten Rodriguez. Nach über einem Jahr Vorbereitung wagte dessen Team die Operation am 14. August 2015. Drei Monate danach gehe es Patrick Hardison gut, auch wenn er noch daran arbeite, seine Kraft und Sprechfähigkeit zu verbessern, teilte die Klinik nun mit.

Dankbarkeit für den Spender

Das rund 100-köpfige Team, das am NYU Langone Medival Center in New York die erfolgreiche Gesichtstransplantation vornahm. (Foto: John Karsten Moran/ NYU Langone Medical Center/dpa)

Das rund 100-köpfige Team, das am NYU Langone Medival Center in New York die erfolgreiche Gesichtstransplantation vornahm. (Foto: John Karsten Moran/
NYU Langone Medical Center/dpa)

„Ich bin meinem Spender und seiner Familie zutiefst dankbar“, sagte Hardison, der im US-Staat Mississippi wohnt. Er bete jeden Tag für sie und sei sich bewusst, welch schwierige Entscheidung sie getroffen hätten, um ihm zu helfen. Er danke auch Rodriguez und seinem Team. „Sie haben mir mehr gegeben als ein neues Gesicht. Sie haben mir ein neues Leben gegeben.“

Rodriguez sagte laut „Washington Post“, einer der bewegendsten Momente für ihn sei gewesen, als Hardison nach dem Eingriff das Krankenhaus verließ, um sich neue Kleider zu kaufen. „Für ihn war es so außergewöhnlich, weil ihn nun niemand mehr anstarrte.“ Zuvor hatte Hardison sich nur mit Sonnenbrille und Baseballkappe nach draußen getraut.

Die weltweit erste Gesichtstransplantation erfolgte 2005 in Frankreich. Eine damals 38-jährige Französin erhielt Mund, Nase und Kinn. Sie war von einem Hund angefallen worden. Auch ein Jahr nach der Operation ging es ihr noch gut. Ähnliche Eingriffe gab es inzwischen unter anderem in China, Spanien und an anderen Orten in den USA (siehe auch nachfolgenden Kasten).

Gesichtstransplantationen - spektakuläre Eingriffe seit 2005
Erst einige Monate her:  Eine spektakuläre Gesichtstransplantation in Spanien. Dr. Joan Pere Barret erklärt den chirurgischen Eingriff (Foto: EPA/Marta Perez/dpa)

Erst einige Monate her: Eine spektakuläre Gesichtstransplantation in Spanien. Dr. Joan Pere Barret erklärt den chirurgischen Eingriff (Foto: EPA/Marta Perez/dpa)

Frankreich, November 2005: Bei der weltweit ersten Teiltransplantation eines Gesichts verpflanzen Ärzte in Amiens Nase, Mund und Kinnpartie einer hirntoten Spenderin. Die 38 Jahre alte Patientin war von einem Hund angefallen und entstellt worden.

China, April 2006: In einer 18-stündigen Operation erhält ein 30 Jahre alter Jäger in der nordwestlichen Stadt Xian eine neue Wange, eine Oberlippe, eine Nase und eine Augenbraue. Ein Bär hatte sein Gesicht übel zugerichtet.

USA, Dezember 2008: Die bis dahin umfassendste Transplantation gelingt Ärzten einer Klinik in Cleveland (Bundesstaat Ohio). Bei ihrer Patientin ersetzten sie 80 Prozent des Gewebes, neben der Haut auch Knochen, Muskeln, Nerven, Blutgefäße und Zähne.

Frankreich, Juli 2010: In einer bis dahin einmaligen Operation erhält ein 35-Jähriger, der an der unheilbaren Erbkrankheit Neurofibromatose leidet, das komplette Gesicht eines Toten. Den Spezialisten gelingt es erstmals, auch die Augenlider und das komplette Tränenwegsystem zu verpflanzen.

USA, Oktober 2012: In einer 36 Stunden dauernden Operation geben 150 Ärzte und Schwestern im Bundesstaat Maryland einem Mann ein ganzes Gesicht, beide Kieferknochen, Zunge und Zähne. Nach Angaben der Mediziner ist es der bis dahin umfassendste Eingriff dieser Art. Ursache war ein Unfall mit einem Jagdgewehr.

Spanien, März 2015: Ärzten in Barcelona gelingt eine besonders komplizierte Transplantation. (ROLLINGPLANET berichtete.) Sie verpflanzen nicht nur Teile eines neuen Gesichts, sondern zudem Transplantate für Mund, Zunge, Hals und Rachen. Der Patient litt an einer Krankheit, die zu tumorartigen Fehlbildungen im Gesicht führte, das Seh- und Sprechvermögen beeinträchtigte und lebensgefährliche Blutungen auslöste.

(dpa)

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